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"Wo warst Du als...?" ist ein beliebtes Spiel. Oftmals weiß man noch sehr genau, an welchem Punkt der Welt man Zeuge eines bestimmten historischen Ereignisses wurde. Bei diesem Finale - Deutschlands bisher letztem Fußball-Titel - weiß ich das auch noch sehr genau. Ich trieb mich an jenem 30. Juni 1996 in Nordafrika herum und sah somit dieses Endspiel zwischen Deutschland und dem Überraschungsfinalisten Tschechien mit arabischen TV-Kommentar - eine wirklich einzigartige Erfahrung! Sollte man jemals etwas anderes als die berühmten südamerikanischen "Goooooooooooooooooooooooooooooool!!!"-Reporter benötigen - bei den Herren im Maghreb wird man auch bestens fündig.
Dieses Match ist so etwas wie die größte Stunde zweier deutscher Herrn: Berti Vogts und Oliver Bierhoff. Ersterer, immer im übermächtigen Schatten seines Amtsvorgängers Franz Beckenbauer, erlebt hier seinen einzigen Triumph, bevor der bittere Abstieg bis zum enttäuschenden Viertelfinal-Aus bei der WM 1998 beginnt. Zweiterer, erst kurz vor dem Turnier zum Nationalspieler geworden und hier als prompt treffender Joker eingewechselt, startet mit dieser Partie seine bis später in den Funktionärsrang führende steile Karriere im DFB. Da er zudem noch das erste "Golden Goal" der Geschichte im Herrenbereich erzielte, zemetierte das noch seinen Geschichtsbuch-Status.
Das Spiel ist für ein Finale eines der gefälligeren. Beide Teams agieren bis in die zweite Hälfte hinein sehr ausgeglichen mit teilweise hochkarätigen Torchancen, alleine Stefan Kuntz hätte mehrfach zum Matchwinner werden können. Eine Fehlentscheidung (Sammers Foul an Poborský fand deutlich sichtbar außerhalb des Strafraums statt) und der anschließend durch Berger mit etwas Glück verwandelte Strafstoß steigerte die Dramatik noch zusätzlich, der Rest ist Fußball-Historie...
Anerkennen muss man auf deutscher Seite insbesondere die Tatsache, dass die Elf buchstäblich mit dem letzten Aufgebot spielte, da sich der Kader durch Verletzungen und zwei Sperren für Reuter und Möller rapide gelichtet hatte. Man hatte Mühe, aus einem ursprünglich 24 Mann umfassenden Aufgebot genug einsatzfähige Feldspieler aufzubieten. Die düsteren Gedankenspiele von Berti Vogts bei der schweren Verletzung von Dieter Eilts in der 43. Minute kann man wohl nur erahnen.
Das alles passiert unter den Augen der Queen, des Ewig-Kanzlers und Vogts-Freunds Helmut Kohl, des damaligen tschechischen Präsidenten Václav Havel oder diverser Sport-Promis von Bobby Charlton bis Boris Becker. Das Publikum steht mehrheitlich hinter den Tschechen, denn aufgrund der alten Erzrivalität (und der Halbfinal-Niederlage gegen Deutschland) hatten auch die Gastgeber Partei für den Außenseiter ergriffen. Mehrfach zeigen die Fernsehbilder Kopfbedeckungen in den tschechischer Nationalflaggenoptik und dem Logo des Revolverblatts "The Sun".
Die Bild- und Tonqualität der DVD ist halbwegs zufriedenstellend, immerhin spendiert man dem Zuschauer noch die putzige Vorstellung der Mannschaften an die Adresse der Königin durch die Kapitäne Klinsmann und Kadlec, letzterer mit einem angedeuteten Hofknicks (!) sowie die Siegerehrung mit der Pokalübegabe durch die Monarchin. Weiteres Bildmaterial, wie es noch bei der WM-Klassikeredition gang und gäbe war, fehlt. So bleibt eine erfolgreiche Momentaufnahme im doch recht tristen deutschen Fußball der 90er Jahre und tschechische Superstars wie (der damals noch kurzhaarige) Pavel Nedvěd, Karel Poborský oder Vladimír Šmicer am Anfang ihrer internationalen Karrieren. Ein echter Klassiker, der sich von der sportlichen Qualität allerdings dem Halbfinale Deutschland gegen England (Ausgabe 5 der Edition) beugen muss.
Bewertung: 4 von 5

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