In der zweiten Hälfte der 80er Jahre bemerkte man selbst als jemand, der nicht Angehöriger der politischen Opposition war, wie sich die Widersprüche im Alltagsleben der DDR verschärften. Eins der für mich prägendsten Ereignisse dürfte dabei der brutale Einsatz der Volkspolizei am 08. Juni 1987 in der Nähe des Brandenburger Tores gewesen sein, bei dem Ostberliner Musikfans, die das Konzert von David Bowie, den Eurhythmics, Genesis und anderer Bands am Reichstag zumindestens akustisch mitverfolgen wollten, von den Einsatzkräften auseinandergeknüppelt wurden. Da ich meistens am Morgen vor dem Weg zur Schule RIAS 2 einschaltete, bekam ich diese in den hiesigen Medien verschwiegene bzw. verzerrt dargestellte Meldung natürlich brühwarm mit und stellte mir schon ein paar Fragen, ohne damals das ganze System als Solches in Frage zu stellen.
Um die immer aufmüpfigere Jugend halbwegs bei Laune zu halten, karrte man eilig westliche Superstars zu Großkonzerten heran, von denen einige wie das von Joe Cocker 1988 in Dresden und die im selben Jahr stattgefundenen Gigs von Depeche Mode und Bruce Springsteen in Ostberlin Legendenstatus erlangten, ohne natürlich das eigentliche Ziel - Ablenkung und Ruhigstellung der Massen - zu erreichen.
Der Hunger nach den Popgrößen von der "anderen Seite" war natürlich auch nach dem Fall der Mauer ungebrochen. Im Gegenteil, durch die sich neu ergebenden Möglichkeiten erreichte das Interesse gigantische Ausmaße und stellte eine ganze Generation von DDR-Künstlern schlagartig kalt, eine Situation, die sich erst im Laufe der Jahre später aufkommenden Ostalgie-Welle ändern sollte. Und so war es auch nicht verwunderlich, dass zu einem zwei Tage vor der Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion beider deutscher Staaten stattgefundenen Festival auf der Leipziger Festwiese über 75.000 Zuschauer drängten. An jenem 29. Juni 1990 trat auf der Bühne des "Tanz-House-Festivals" zu ziemlich alles auf, was um den Dekadenwechsel Rang und Namen hatte. Camouflage, SNAP!, Sandra, Blue System, Guru Josh, Den Harrow, Falco, Daisy Dee, Oh Well - selbst solche Kuriositäten wie Werner Wichtig ("Pump ab das Bier") oder die zu damaliger Zeit als "MC Lola" firmierende RTL-Astro-Tante Antonia Langsdorf fanden sich zum Halbplayback in Sachsen ein. Übertragen wurde das Event in beiden Teilen des Landes, zieren doch die vereinzelt auf YouTube zu findenden Mitschnitte des Events sowohl die Senderkürzel des im 2. Programm des DDR-Fernsehens laufenden Jugendsendung Elf 99 und des Münchner Privatsenders Tele 5.
Von diesem Event habe ich jahrelang einen lausigen selbst aufgenommenen VHS-Mitschnitt wie einen Schatz gehütet und bis zur völligen Erschöpfung des Bandes immer wieder angeschaut. Ganz besonders hatte es mir damals der Auftritt von Mysterious Art angetan, die ein Jahr zuvor mit "Das Omen - Teil 1" einen 9 Wochen die Nummer 1 der Charts besetzenden Hit gelandet hatten. Mein Favorit war jedoch ein anderer in Leipzig gespielter Track - das mit Zitaten aus Goethes "Faust" angereicherte "Humunkulus (Men of Glass)", das nur wenig später mit dem "richtigen" Geld in der Tasche per CD-Kauf in meine Bestände wandern sollte.

2 Kommentare:
Gute Wahl, heute schwer zu bekommen ;o)
Ich weiß... ;-)
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