Dienstag, 22. März 2011

CD-Rezensionen (220): Andy Bell - Electric Blue (2005)

(Cover: Amazon.de)

Wenn die für den Gesang zuständigen Mitglieder einer Band zu Soloausflügen ansetzen, wird oftmals bewusst ein rabiater Bruch mit dem gewohnten Musikstil gewagt, um sich nicht dem Verdacht des einfallslosen Benutzens ausgetrampelter Pfade auszusetzen. Das geht nicht immer gut, fühlen sich doch die Fans entsprechender Künstler als treueste Käuferschar nicht selten vor den Kopf gestoßen. Andererseits wird gerne "Stillstand!" gerufen, klingt alles zu sehr nach dem Sound der Hauskapelle.

Ziemlich dünnes Eis also, auf das sich der Erasure-Vorturner anno 2005 bei seinem ersten Solo-Silberling begab. Zu dominant scheint seine Rolle bei der Band, in der sich Vince Clarke als musikalischer Kopf immer ganz bewusst zurücknimmt und scheinbar unsichtbar im Hintergrund agiert. Hört man sich durch die knapp 50 Minuten, kann man konstatieren: recht geglückte Operation, Mr. Bell! Zwar klingt vieles für den Liebhaber Clarkeschem Synthie-Geblubbers sehr heimelig und wenig verstörend, dennoch eigenständig genug, um als autonome Schöpfung durchzurutschen.

Nach einem Kurz-Intro geht es mit "Caught In A Spin " schon recht flott und etwa Flamenco-gitarrenunterstützt los, aber erst die folgenden zwei Songs zeigen richtig, wo die Hammer hängt. "Crazy" ist ein ordentliches Tanzbrett und das von der ehemaligen Propaganda-Sirene Claudia Brücken gesanglich unterstützte "Love Oneself" zitiert genüsslich den Disco-Sound des Dekadenwechsels der 70er und 80er. Großartig!

Kurze Schwächephase mit "I Thought I Was You", ehe das Titelstück des Albums wieder voll hinlangt. Hier klingt es wohl - wie auch bei "Jealous" - am ehesten nach Erasure.

Leider kann dieses Level nicht durchgängig gehalten werden. "Shaking My Soul" orientiert sich ein wenig am Motown-Sound, "I'll Never Fall In Love Again" verquickt die 80er mit ein wenig Simpel-Dancefloor und und so etwas vor sich Hinplätscherndes wie "Fantasy" hört man alle Tage im Dudelfunk. Da ist das wiederum von Claudia Brücken unterstützte "Delicious" doch von ganz anderem Kaliber.

Mit einer ordentlichen Portion Pop in Form des Mitwipp-Tracks "See The Lights Go Out" geht "Electric Blue" langsam zu Ende, ganz am Schluss darf Meister Bell zu Piano und Gitarrenklängen mit "The Rest Of Our Lives" noch einen stilvollen Schmachtfetzen zum Besten geben. Insgesamt ist sein erster Alleinversuch nicht durchgehend geglückt, die zweithöchste Wertung darf man aber guten Gewissens über den Tresen schieben.

Bewertung: 4 von 5