Vom Herbst 1993 bis zum Sommer 1994 absolvierte ich den Rest meiner praktischen Hotelausbildung in einem gerade neueröffneten Haus. Man schleppte also noch höchstselbst die Minibars in die Zimmer und packte die angelieferten Möbel aus. Die damaligen Betreiber versuchten, das Hotel als erstes Haus am Platze zu positionieren und verfuhren eher nach der Methode "klotzen und nicht kleckern". Das hieß dann freilich auch etwas gehobenen Service im hauseigenen Restaurant anzubieten, eine Einrichtung, in der ich - eigentlich entgegen den vereinbarten Ausbildungsvorschriften für den universell einsetzbaren Hotelfachmann - den Löwenanteil meiner Arbeitszeit verbrachte. Ich balancierte also brennende Fleischspieße durch die Gegend, zersäbelte vor den Gästen hoffentlich fachgerecht diverses Flossengetier und Chateubriand oder töpferte noch im größten Betrieb in aller Ausführlichkeit am Tisch Tatar zusammen. Oftmals für das Personal in- und außerhalb der Küche eine echte Knochenmühle.
1993 war ich durch den legendären "Katzeklo"-Song auf Helge Schneider aufmerksam geworden. Das zugehörige Doppelalbum war in die hauseigene Musiksammlung gewandert und wurde nicht nur von mir sondern auch von meinem jüngeren Bruder ausführlichst goutiert und als dieser nun ausgerechnet in jenem besagten Hotel eine Kochlehre begann, schleppte er ohne viel Federlesens das Schneidersche Werk mit in die Fressalien-Schmiede und infizierte dort eine ganze Herde altgedienter Küchenbullen mit dem Helge-Virus. Was darauf folgte, war pure Anarchie, die Geschichten von "Helge und Reinhold Messner wandern zum Südpol", vom "Orang Utan Klaus" oder dem "Telefonmann" wurden lautstark (und vor allem: für die Gäste hörbar!) von den "Göttern in weiß" zwischen ihren Töpfen nachgespielt.
Ganz besonderen Anklang fand mit "Es gibt Reis, Baby!" natürlich ein kulinarischer Song. Die lautstarken "Buddy Casino - come on!"-Anfeuerungsrufe übertönten stellenweise die (hoffentlich GEMA-lizenzierte) Gastraumbeschallung, so dass sich sogar der Chef genötigt sah, einzuschreiten.
Das Hotel hat längst einen Inhaberwechsel hinter sich, mein Bruder arbeitet inzwischen für die Handysparte von LG, die damalige Küchencrew betreibt seit Jahren ihr eigenes Restaurant und ich hab die Gastronomie verlassen - aber Helge Schneider mag ich immer noch sehr.

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