Wie schon mehrfach an dieser Stelle erwähnt, bezeichne ich die 90er Jahre oftmals als mein "verlorenes Jahrzehnt". Zu der den Nachwendewirren geschuldeten beruflichen Ziel- und Orientierungslosigkeit gesellte sich ein mit "turbulent" recht höflich umschriebenes Privatleben. Gelegentlich warf mich heftiger Herzschmerz komplett aus der Bahn, wie ich beispielsweise in Ausgabe 03 dieser kleinen Erinnerungs-Serie beschrieb. Ein weiteres solches Ereignis unter dem Motto "Vom Regen in die Traufe" spielte sich im Sommer 1994 ab.
Ich hatte mich aufgrund meines Zerwürfnisses mit meinem besten Freund (siehe hier) entschlossen, den eigentlich immer gemeinsam verbrachten Campingurlaub auf eigene Faust zu verbringen und machte mich also im Juli oder August jenen Jahres auf nach Mecklenburg-Vorpommern an das Ufer des Käbelicksees in der Nähe von Neustrelitz. Dort hatte ich mitten im Wald genug Ruhe, über meine allgemeine Lage nachzugrübeln. Irgendwas lief in meinem Leben gerade mächtig aus der Spur, nur wie ich da gegensteuern sollte, war mir nicht wirklich klar. Schon alleine, um auf andere Gedanken zu kommen, setzte ich mich am Wochenende ins Auto und fuhr in das etwa 30 Kilometer entfernte Neubrandenburg. Dort angekommen fragte ich den nächstbesten Taxifahrer nach einem lohnenden Pistenziel, woraufhin der mich in den Großraum-Tanztempel "Colosseum" lotste. Normalerweise kann ich solch riesige Party-Fabriken nicht ausstehen, an diesem Abend war mir das Untertauchen in der anonymen Masse sehr recht.
Ich muss mir dort wohl mehrere Stunden lang die Seele aus dem Leib getanzt haben, besonders wählerisch war ich in musikalischer Hinsicht nicht. An jenem Abend muss mir wohl auch zum ersten Mal der Heuler "Hyper Hyper" von Scooter zu Ohren gekommen sein. Was aus dieser Combo einmal werden würde, konnte man da schwerlich ahnen. Doch nachdem bei Prodigys "Out Of Space" ein wahres Strobo- und Lasergewitter losgebrochen war, konnte ich einfach nicht mehr. Halb ausgetrocknet schleppte ich mich zur Bar und kippte ein paar Beck's in mich hinein. Ich muss wohl einen recht maßlosen Eindruck gemacht haben, anders konnte ich mich das spöttische Grinsen der dunkelhaarigen Dame neben mir nicht erklären. So entwickelte sich ein recht entspannter Smalltalk, der in einer Verabredung für den folgenden Tag mündete.
Ich donnerte etwa 10 Stunden später also wieder Richtung "Stadt der vier Tore" und hatte im Laufe des Gesprächs mit C., einer nach Wuppertal ausgewanderten Neubrandenburgin auf "Heimaturlaub", das Gefühl jemanden gefunden zu haben, bei dem ich mit meinem ganzen Problemberg auf offene Ohren stieß. Mehr noch, ich wähnte mich auf dem besten Weg, mich Hals über Kopf zu verlieben. Man spazierte bei bestem Sommerwetter am Ufer des Tollensesees entlang, quatschte über Gott und die Welt und geriet mehr oder weniger durch Zufall auf ein Open Air-Konzert der aus dem Dunkel der Vergangenheit auftauchenden Goombay Dance Band. Schräge Mischung, aber dennoch ein gelungener Tag!
Irgendwann rückte ich mit den mich plagenden Gedanken heraus und erntete Verständnis, einen innigen Kuss, aber dennoch freundliche Distanz. Die Entfernung, der Altersunterschied von drei Jahren zu meinen Ungunsten - das alles waren für mich keine hinderlichen Gründe. Meine Ausbildung zum Hotelfachmann war gerade abgeschlossen, ich wusste nicht wo und wie weiter - warum nicht einfach nach Nordrhein-Westfalen gehen? Wir beschlossen die Diskussion zu vertagen, da ohnehin ihre und wenige Tage darauf meine Heimreise anstand. Zu Hause angekommen, telefonierten wir etwa zwei Stunden lang, für mich als absoluten Ferngesprächsmuffel eine erstaunliche Leistung. Immer noch schmiedete ich wilde Umzugs-Pläne, sie wiederum versuchte mich zu bremsen, blind wie ich war, bemerkte ich das nicht einmal.
Der Donnerschlag erfolgte genau einen Tag später. Ein unscheinbarer Brief mit amtlichem Stempel machte alles zunichte. Meine Einberufung zur Bundeswehr zum 3. Oktober. Regensburg. Bayern. Alles aus...
Als ich ihr diese Neuigkeit am Telefon erzählte, erntete ich - erleichtertes Lachen und beste Wünsche. Ich habe nie wieder etwas von ihr gehört.

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