Samstag, 9. April 2011

Soundtrack Of My Life (040): Miquel Brown - So Many Men, So Little Time (1983)

Mein jahrelanges Tingeln als DJ auf irgendwelchen Privatpartys, in Erlebnisgastronomieketten oder bei Promotionaktionen begann aus einer Notlage heraus. 1996 war mir zu Ohren gekommen, dass einer unserer damals gerne besuchten Clubs von seinen Betreibern aufgegeben werden sollte. Und da ich mich nach meiner Bundeswehrzeit und einem halbjährigen Existenzgründerlehrgang eh selbstständig machen wollte, griff ich mit meinem jüngeren Bruder rasch zu. Völlig blauäugig stürzte man sich in dieses Abenteuer, stellten sich doch einige grundlegende Hindernisse erst im Laufe der Zeit heraus. Während wir schon fleißig renovierten und die Inneneinrichtung änderten, die Wände von einer befreundeten Airbrush-Artistin dekorieren ließen und mit Ach und Krach die Finanzierung sicherten, lief nebenher das benötigte Konzessionsverfahren. Da wir ja die Nutzungsart des Gebäudes überhaupt nicht verändern wollten und die die für die Erteilung der Gewerbegenehmigung zuständige Kommunalverwaltung auch noch gleichzeitig der Verpächter war, hielt ich das für eine Formsache.

Man werkelte also vor sich hin, bis innerhalb weniger Tage ein Riesenproblem nach dem anderen auftauchte. Zum Beispiel hatten uns die Vorbetreiber darüber im Unklaren gelassen, dass nahezu die komplette Gesamteinrichtung noch nicht abbezahlt war, so dass uns der Ausstatter - eine Firma in Bayern - damit drohte, umgehend die gesamte Bude auszuräumen. Dass unsere Vorgänger es auch noch gewagt hatten, für eben jene Einrichtung von uns eine recht erkleckliche Ablösesumme in hoher fünfstelliger DM-Höhe zu fordern, war nun schon mehr als dreist, glücklicherweise stellte sich das alles heraus, bevor irgendwelche Gelder den Besitzer gewechselt hatten.

Desweiteren stellten sich auf einmal mehrere Behörden der Stadt quer. Das Liegenschaftsamt behauptete, dass in der Gegend solcherart Einrichtungen nicht zulässig seien, da es sich um ein reines Wohngebiet handele. Mein Einspruch, warum dies vorher jahrelang möglich gewesen sei, wurde mit der albernen Bemerkung gekontert, dass es sich doch laut Gewerbeanmeldung um ein Café gehandelt habe, was zulässig wäre. Hallo? Wo war ich denn jahrelang am Wochenende hingegangen? Zum Kaffeekränzchen??? Anscheinend war also auch bei der Konzession getrickst worden.

Da mittlerweile schon einiges für die Umbauten und der Anschaffung einer Tonanlage investiert worden war, rannte ich also an einem Tag wie ein Irrer im Rathaus zwischen Liegenschafts-, Gewerbe- und Ordnungsamt hin und her. Jeder schickte mich wieder zu jemand anderem und wieder zurück. Falls jemand den Film "Asterix erobert Rom" gesehen hat: Ich kam mir vor, wie die Gallier im "Haus, wo man Verrückte macht" auf der Suche nach dem Passierschein A38. Endergebnis: die Konzession kannst Du vergessen!

In den nächsten Tagen schaffte ich es sogar, zum damals mächtigsten Mann der Stadt und späteren Axel Schulz-Manager Wolfram Köhler vorgelassen zu werden, der sich aber keine Mühe gab, sein völliges Desinteresse am drohenden Scheitern der Existenzgründung eines 24- und eines 18jährigen zu verbergen.

Nun stand man also da, vom Bürokraten-Wahnsinn gestoppt, bevor man überhaupt angefangen hatte. Auf dem Buckel eine nicht bezahlte 20.000 DM-Anlage mit einem DENON 2500f-CD-Player, ein paar riesigen Brüllwürfeln von JBL, ein Mischpult, Mikrofonen und diversem Extrakram. Was nun und vor allem: Woher Geld nehmen?

Der Zufall schaffte Abhilfe. Per Zeitungsinserat suchte die damals in Sachsen sehr umtriebige Erlebnisgastronomiekette "Bier-Academie" DJs und obwohl weder mein Bruder und ich Erfahrung damit hatten, meldeten wir uns notgedrungen. Wir wurden zum "Probearbeiten" nach Bautzen beordert, wo wir zwei Nächte für lau aufzulegen hatten und da es scheinbar recht gut lief, ackerten wir das folgende dreiviertel Jahr in Bautzen, Oschatz und Riesa und stotterten so die Anlage ab.

Ein paar "Ritualsongs" sind im Gedächtnis haften geblieben. Wenn ich in späteren Jahren alleine irgendwo Veranstaltungen bestritt, begann ich meistens mit dem "Rockamerica Remix" von Miquel Browns "So Many Men, So Little Time" und laberte ab den einsetzenden Vocals irgendetwas möglichst Originelles in den Raum. Für den seltsamen Start eine doch sehr interessante Zeit.