Freitag, 24. Juni 2011

Buch-Rezensionen (223): Anonyma - Eine Frau in Berlin (1954/2003)

(Cover: Amazon.de)

Viel und kontrovers ist über dieses Buch diskutiert worden. Da wurde zum einen über die Identität der Autorin als auch über die Echtheit der geschilderten Ereignisse aus dem Berlin des Zusammenbruchs im Frühjahr des Jahres 1945 gestritten. Und auch wenn sich die Nebel gelichtet haben, die 2001 verstorbene Journalistin Marta Hillers als Autorin des 1954 erstmals in englischer Sprache veröffentlichten Buchs identifiziert wurde, bleiben bei mir dennoch Irritationen über die Authentizität der als reale Tagebucheintragungen deklarierten Schilderungen sexueller Gewalt zum Ende des Zweiten Weltkriegs zurück. Warum ist das so?

Historisch unstrittig ist, dass das Vorrücken der Roten Armee in Deutschland von hunderttausendfachen Vorfällen von Vergewaltigung begleitet wurde, welche nicht selten mit dem Tode der Opfer endeten. Die im Buch dargestellten Gräuel entspringen also nicht purer Phantasie, ebensowenig wie die mehrfach belegte Taktik potentiell gefährdeter Frauen, sich mit Hilfe einer Beziehung zu einem möglichst hochrangigen Offizier eines gewissen Schutzes zu versichern. So weit, so gut. Unglaubwürdig wirkt auf mich allerdings der vermittelte Eindruck, unmittelbar nach überstandenen Gewaltakten literarisch druckreife Tagebucheinträge zu verfassen. Vielmehr halte ich "Eine Frau in Berlin" für ein nachträglich verfasstes Werk, ein Eindruck, der durch das Gutachten Walter Kempowskis nicht restlos entkräftet wurde. Diese Literarisierung trübt den Gesamteindruck ein ums andere Mal.

Nichtsdestotrotz ein erschütternder Zeitzeugenbericht aus einer dunklen Phase deutscher Zeitgeschichte.

Bewertung: 4 von 5