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Donnerstag, 16. September 2010

Nachtgedanken (099)

Da ich mich heute wieder einmal des nächtlichen Arbeitens befleißigen muss und werde, habe ich für die letzte Ausgabe vor dem "Jubiläum" etwas zum Thema der dunklen Tageszeit ausgesucht. Autor von "Einsame Nacht" ist der Österreicher Leo Greiner (1876-1928).

Meines Hauses dunkle Giebel
steigen hoch ins Wolkenwehn.
Zauberbrunnen sind die Wände,
drin durch kühle Schattenhände
Eimer auf und niedergehn.

In dem Wechsel alles Schwebens
was bereitet doch die Zeit?
Alle Wandrer jetzt auf Erden
müssen schauernd Zeuge werden
ihrer tiefen Einsamkeit.

Haupt hinauf, wo im Gewölbten
wirkend eins ums andre kreist:
um die Wolken tanzen Sterne,
um die Sterne rollt die Ferne,
um die Ferne fährt der Geist.

In die Wanderschaft der Kreise
blühst du auf aus engem Schmerz:
Du auch wirst ein Ring im Ringe,
alle goldene Saat der Dinge
schließt sich reifend um dein Herz.

Dienstag, 14. September 2010

Nachtgedanken (098)

Das Schöne an meinen literarischen Streifzügen für diese Rubrik ist das immer neue Finden von Aussagen, die einem selbst in irgendeiner Form wichtig oder zutreffend erscheinen. So ging es mir auch wieder dieses Mal, als ich auf das Gedicht "Der Spruch" des im Ersten Weltkrieg gefallenen Ernst Stadler (1883-1914) stieß.

In einem alten Buche stieß ich auf ein Wort,
Das traf mich wie ein Schlag und brennt durch meine Tage fort:
Und wenn ich mich an trübe Lust vergeb,
Schein, Lug und Trug zu mir anstatt des Wesens hebe,
Wenn ich gefällig mich mit raschem Sinn belüge,
Als wäre Dunkles klar, als wenn nicht Leben tausend wild verschlossne Tor trüge,
Und Worte wieder spreche, deren Weite nie ich ausgefühlt,
Und Dinge fasse, deren Sein mich niemals aufgewühlt,
Wenn mich willkommner Traum mit Sammethänden streicht,
Und Tag und Wirklichkeit von mir entweicht,
Der Welt entfremdet, fremd dem tiefsten Ich,
Dann steht das Wort mir auf: Mensch, werde wesentlich!

Freitag, 3. September 2010

Nachtgedanken (097)

Die nächste Woche hält mit meiner das zweite Semester abschließenden Klausur die erste schriftliche Prüfung nach 16 Jahren für mich bereit. Das Kribbeln im Magen hat schon angefangen, ich bemüh mich jedenfalls, die Aufregung (und sicherlich auch etwas Angst) in den Griff zu bekommen. Vielleicht sollte ich mal bei August Karl Silberstein (1827-1900) nachschlagen...

Ich nehm' es leicht,
Ob Schweres auch zu tragen!
Halb ist erreicht
Ein Ziel durch frohes Wagen.
Wer wird erst stehn und zagen,
Die Frische weicht.
Ob Schweres auch zu tragen,
Ich nehm' es leicht!

Ich nehm' es leicht,
Wie auch die Lose fallen!
Die Zeit verstreicht
Zu rasch ja mit uns allen ...
In Hütten wie in Hallen
Die Locke bleicht;
Wie auch die Lose fallen
Ich nehm' es leicht!

Freitag, 20. August 2010

Nachtgedanken (096)

Eine ziemlich kräftezehrende Arbeitswoche liegt hinter mir, aber sie ist noch nicht beendet, denn auch noch morgen heißt es um 04.45 Uhr: aufstehen! Ich hatte daher für die heutige Ausgabe eigentlich etwas mit dem Bezug zur Erwerbswelt gesucht und bin dabei auf den nicht ganz unumstrittenen Arbeiterdichter Heinrich Lersch (1889-1936) gestoßen. Titel: "Der Künstler" (1919).

Ich leb mein Leben schneller, Mensch, als du.
Mich kann der Dinge Schein nicht lange halten.
Mein Blick hat jedes Ding entzwei gespalten.
Ich schmeck den Kern und eile Neuem zu.

Im Weltensausen bin ich tiefste Ruh.
Denn ich bin eine von den Kraftgewalten,
die Welt in sich und sich zu Welt gestalten.
So ist mir alles ich und ich bin allem du.

Mich hält nicht Schönheit, Glanz, nicht Glück noch Macht.
Was gestern ich war, hab ich heut vergessen –
Wo euch noch Chaos stürzt, blüht mir schon Kosmos-Pracht.

Ihr staunt, daß gestern ich bei euch gesessen.....
Heut bin ich schon von neuem Trieb besessen
und taumle trunken in die neue Nacht.

Ob sie mich schimpfen oder sie mich loben.
das rührt, Geliebte, meine Seele nicht.
Mein Tun und Lassen, Tagwerk und Gedicht
sind bunte Bilder in mein Sein gewoben.

Und leuchten ruhig in ihr eitles Toben.
Ich funkle ja aus meinem eignen Licht,
das blitzgleich in ihr armes Dunkel bricht.
Ich bin so über allem Volk erhoben,

daß jedermann mich sehen muß und sieht,
daß ich dem einen Ziel, dem andern Abscheu bin,
daß der mir nachfolgt, daß mich jener flieht.

Doch flucht und lockt mich keiner zu sich hin.
Unwandelbar treibt mich der Gottheit Sinn.
Und was durch mich geschehen muß, geschieht!

Montag, 16. August 2010

Nachtgedanken (095)

Eigentlich heute ein ähnlicher Anlass wie in der 94. Ausgabe. Ich habe mich in den letzten Tagen im Netz einige Male mit dem Freiheitsbegriff beschäftigen müssen. Sei es jetzt die Meinungs-, die Presse- oder ganz simpel die persönliche Freiheit. Mich erschreckt, welch geradezu diktatorischen Vorstellungen weit verbreitet sind, gepaart mit gefährlichem Halbwissen eine explosive Mischung. Also ein Hohelied auf die Freiheit, aufgeschrieben vom Österreicher Friedrich Halm (1806-1871):

Freiheit ist Liebe, Freiheit ist Recht,
Zum Menschen weiht und adelt sie den Knecht,
Bewaffnet steht sie an des Thrones Stufen,
Und Achtung dem Gesetz hört man sie rufen.
Achtung uns selbst und unsrer Menschenpflicht.
Wer sie verletzt, verdient die Freiheit nicht!

Dienstag, 27. Juli 2010

Nachtgedanken (094)

Nach längerer Pause mal wieder etwas aus dieser Rubrik.

Gelegentlich muss man auch in der Weite des Netzes Diskussionen führen, die einen aufregen. Vielleicht sollte man bei diesen Anlässen alles so gelassen nehmen, wie es schon Johann Gottfried Herder (1744-1803) sah:

Und grämt dich, Edler, noch ein Wort
Der kleinen Neidgesellen?
Der hohe Mond, er leuchtet dort,
Und läßt die Hunde bellen,
Und schweigt und wandelt ruhig fort,
Was Nacht ist, aufzuhellen.

Donnerstag, 10. Juni 2010

Nachtgedanken (093)

Das heutige Fundstück der "Nachtgedanken" mit dem Titel "Erinnerung" stammt aus Österreich, genauer gesagt von Ernst von Feuchtersleben (1806-1849)

Der Morgen weht mit zarten Lüften,
Und spielt mit Gras und Blatt und Blüt',
Und haucht aus tausend süßen Düften
Erinnerung in mein Gemüt.

Wie bald verweht des Lebens Morgen!
Kein Frühling macht uns wieder jung.
Was bleibt uns zwischen Pein und Sorgen
Als du – als du, Erinnerung?

Momente kommen gut und herzlich,
Und man vergißt das schlimme Jahr,
Ach, man gedenkt entzückend-schmerzlich
Der Stunden, die man glücklich war.

Das Leben ist ein Kranz von Blüten,
Tief zwischen Dornen eingewebt,
Nur die erringen, die sich mühten,
Nur wer geweint hat, hat gelebt.

Samstag, 5. Juni 2010

Nachtgedanken (092)

Morgen in einer Woche geht es mit der Familie an die Ostsee. Wer weiß, vielleicht sitze ich dann auch einmal am Meer wie in "Abendlied" von Edmund Hoefer (1819-1882) beschrieben?

Ich sitz' am einsamen Strande,
Grau kommt der Abend daher,
Grau ruht und unabsehbar,
Oede vor mir das Meer.

Es streicht eine Möve droben
Dahin mit klagendem Schrei,
Und einsam kommt sie geflogen,
Und einsam fliegt sie vorbei.

Es dunkelt still auf den Wellen,
Es dunkelt still in der Höh'!
Der Vogel fliegt weiter und weiter,
Hinaus in die Nacht und die See.

Dienstag, 25. Mai 2010

Nachtgedanken (091)

Da ich heute durch Arbeit mit zugehörigem Frühaufstehen, gleich zwei Geburtstage im engsten Familienkreis und solistische Juniorbeaufsichtigung platt wie lange nicht mehr bin, an dieserStelle nur ein paar "Nachtgedanken" zum passenden Thema Schlaf, heute "Komm, o Nacht!" von Julius Sturm (1816-1896).

Komm, o Nacht! – und nimm mich hin,
Daß ich schlafend mich vergesse,
Länger nicht mit wachem Sinn
Meines Kummers Tiefen messe.

Schlafe, müdes, wundes Herz
Deine Klagen sind vergebens.
Schlaf ist Balsam deinem Schmerz,
Traum die Blüte meines Lebens.

Freitag, 14. Mai 2010

Nachtgedanken (090)

Das den gesamten Tag anhaltende Regenwetter hier drückt wohl mächtig auf's Gemüt, somit musste für die heutigen "Nachtgedanken" etwas Morbides her. Fundstück ist "Ein Geheimnis" von Karl Ernst Knodt (1856-1917).

Ihr wißt so viel vom Tod zu sagen,
Vom Grab, in das man mich wird tragen,
Ihr Pred'ger....Doch ich traue nicht
Dem von euch selbst erborgten Licht.

Nur Einer steckte leise Lichter
Auf Höhen an. Er war kein Dichter,
Kein Prediger. Er war Prophet,
Und all sein Atmen war Gebet.

Der sprach vom großen Vaterhause
Und – daß dort jedem seine Klause
Bereitet sei … Er ging voran
Und hat die Tür uns aufgetan.

Doch die Ihr führet seinen Namen,
Ihr wißt auf alles gleich ein – Amen –,
Wonach ich nur die Sehnsucht hab';
Denn ein Geheimnis bleibt das Grab.

Dienstag, 11. Mai 2010

Nachtgedanken (089)

In letzter Zeit beobachte ich in meinem realen und Online-Umfeld immer häufiger scheiternde Beziehungen, die zum Teil bereits 20 Jahre und länger auf dem Buckel haben. Man ist also auch als langzeit-Gebundener keineswegs vor allerlei Liebes-Unbill gefeit und sollte diesbezügliche Zeichen rechtzeitig bemerken und einzuordnen wissen, wie das schon Emil Claar (1842-1930) in "Entwicklung" tat.

Oft in plaudernden, tanzenden Reihn
War er allein und war sie allein,
In Stille leidend.

Und dann fast immer in einsamer Pein
War sie allein und war er allein
Einander meiden.

Und dann war nicht er und nicht sie allein,
Sie waren plötzlich immer zu zwei'n,
Von allen sich scheidend!

Freitag, 7. Mai 2010

Nachtgedanken (088)

Die heutigen "Nachtgedanken" drehen sich um das Thema Demut. Nicht alles (und vor allem sich selbst) so wichtig nehmen, dies befand schon Johann Timotheus Hermes (1738-1821) in "Verdankt sei es dem Glanz der Großen".

Verdankt sei es dem Glanz der Großen,
Daß er mein Nichts mir deutlich zeigt.
Mich hat er nie zurückgestoßen,
Denn mich hat er niemals erreicht.
Ich sah viel Kleine näher geh'n
Und blieb in meinem Zirkel stehn.

Sie sind mir wert, die engen Grenzen,
Wo ich so unbeträchtlich bin.
Hier seh' ich Stern und Orden glänzen,
Und Band und Stern reißt mich nicht hin.
Und auch das gnädigste Gesicht,
Aus meinem Zirkel bringt's mich nicht.

Soll mir des Größern Unmut zeigen,
Ich sei nur eine Kleinigkeit:
O Unschuld! Dann lehr' du mich schweigen
Und gib mir Unerschrockenheit,
Und präge mir sanfttröstend ein,
Es sei nicht Schande, klein zu sein.

Doch ließe sich zu meinem Kreise
Ein Großer ohne Falsch herab:
Erfahrung! Dann mach' du mich weise
Und zeichne meine Grenzen ab,
Und lehre mich, niemals zu klein,
Doch auch nicht kühn und eitel sein.

Mittwoch, 5. Mai 2010

Nachtgedanken (087)

Heute mal etwas Expressionistisches in Form von "Aschermittwoch" von Alfred Lichtenstein (1889-1914).

Gestern noch ging ich gepudert und süchtig
In der vielbunten tönenden Welt.
Heute ist alles schon lange ersoffen.
Hier ist ein Ding.
Dort ist ein Ding.
Etwas sieht so aus.
Etwas sieht anders aus.
Wie leicht pustet einer die ganze
Blühende Erde aus.

Der Himmel ist kalt und blau. 
Oder der Mond ist gelb und platt.
Ein Wald hat viele einzelne Bäume.

Ist nichts mehr zum Weinen. 
Ist nichts mehr zum Schreien.
Wo bin ich –

Donnerstag, 29. April 2010

Nachtgedanken (086)

Angesichts der immer beunruhigenderen Meldungen, die aus Griechenland und aus anderen Ländern des Euro-Raumes kommen, habe ich für die heutigen "Nachtgedanken" aus der Feder Karl Julius Webers (1767-1832) etwas zum Thema Geld herausgesucht.

Und der Geldsack ist kein leerer Schall,
Der Mensch kann ihn brauchen im Leben,
Und ob er auch dumm ist überall,
Dem Reichtum wird alles vergeben,
Und worauf kein Verstand des Verständigen fällt,
Das übet in Einfalt ein Tölpel ums Geld.

Montag, 26. April 2010

Nachtgedanken (085)

Der Autor der heutigen "Nachtgedanken"-Ausgabe hat wahrhaft Historisches geleistet. Auf die von Ludwig Eichrodt (1827-1892) gemeinsam mit Adolf Kußmaul (1822-1902) erfundene Figur des spießigen Dorfschullehrers Gottlieb Biedermeier geht schließlich die Bezeichnung einer ganzen Epoche zurück. Titel des heutigen Gedichts: "Ein Lebewohl".

Leb wohl, ich will dich nimmer sehn,
Will nichts mehr von dir wissen,
Ob Thränen mir im Auge stehn,
Ich hab den Schmerz verbissen.
Als wie ein Vogel flattert fort,
Als wie ein Blatt im Lenz verdorrt,
Als wie ein Lenz vergeht,
Sei unser Traum verweht!

Es ist vorbei, es thut kein gut,
Wir passen nicht zusammen,
In gleichem Takte springt das Blut
Und prasseln unsre Flammen.
Wir liebten uns, es war ein Wahn,
Wir beteten uns selber an.
Geheimnis, tief und groß,
Zieht an und läßt nicht los!

Wir konnten auf der Herzen Grund
Uns schauen und erlauschen –
Wir könnten schließen neuen Bund
Und Lieb in Freundschaft tauschen,
Geschwisterlich zusammengehn,
Uns friedlich in die Augen sehn,
Doch nein! Leb wohl, leb wohl!
– So flieht sich gleicher Pol.

Dienstag, 13. April 2010

Nachtgedanken (084)

Etwas Romantisches zum heutigen Abend. Fundstück für die heutigen "Nachtgedanken" ist "Weg" von Theodor Däubler (1876-1934).

Mit dem Monde will ich wandeln:
Schlangenwege über Berge
Führen Träume, bringen Schritte
Durch den Wald dem Monde zu.

Durch Zypressen staunt er plötzlich,
Daß ich ihm entgegengeh.
Aus dem Ölbaum blaut er lächelnd,
Wenn michs friedlich talwärts zieht.

Schlangenwege durch die Wälder
Bringen mich zum Silbersee:
Nur ein Nachen auf dem Wasser,
Heilig oben unser Mond.

Schlangenwege durch die Wälder
Führen mich zu einem Berg.
Oben steht der Mond und wartet,
Und ich steige leicht empor.

Freitag, 5. März 2010

Nachtgedanken (083)

Da für mich noch kein Wochenende ist und ich morgen noch einmal etwas für die Volkswirtschaft tun muss, gibt es in den heutigen "Nachtgedanken" etwas zum Thema "Arbeit" aus der Feder Friedrich Adlers (1857-1938).

Wirke, bilde! Ob im Leben,
Ob im Zauberland des Scheins,
Zwing' des Stoffes Widerstreben,
Sei mit deinem Schaffen eins.
Freu' dich, wenn es Frucht getragen!
Aber köstlicher noch bleibt
Jener Tropfen Unbehagen,
Der zu neuem Werke treibt.

Dienstag, 2. März 2010

Nachtgedanken (082)

Da ich in Wochen wie dieser, wo der Wecker 4.45 Uhr Alarm schlägt und zur Arbeit ruft, ohnehin sehr müde bin, hab ich für die heutigen "Nachtgedanken" etwas zum Thema Schlaf ausgesucht und veröffentliche das auch zur vergleichsweise frühen Uhrzeit. Aus der Feder Christian Friedrich Hebbels (1813-1863) stammt folgendes Gedicht:

Schlafen, schlafen, nichts als schlafen!
Kein Erwachen, keinen Traum!
Jener Wehen, die mich trafen,
Leisestes Erinnern kaum,
Dass ich, wenn des Lebens Fülle
Nieder klingt in meine Ruh!
Nur noch tiefer mich verhülle,
Fester zu die Augen tu!

Dienstag, 12. Januar 2010

Nachtgedanken (081)

Passend zu der Tatsache, dass ich mich am Wochenende in der Bundeshauptstadt herumgetrieben habe, bin ich heute auf ein Metropolengedicht gestoßen, "Augen der Großstadt" von Kurt Tucholsky (1890-1935).

Wenn du zur Arbeit gehst
am frühen Morgen,
wenn du am Bahnhof stehst
mit deinen Sorgen:
dann zeigt die Stadt
dir asphaltglatt
im Menschentrichter
Millionen Gesichter:
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider -
Was war das? Vielleicht dein Lebensglück...
vorbei, verweht, nie wieder.

Du gehst dein Leben lang
auf tausend Straßen;
du siehst auf deinem Gang,
die dich vergaßen.
Ein Auge winkt,
die Seele klingt;
du hast's gefunden,
nur für Sekunden...
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider -
Was war das? Kein Mensch dreht die Zeit zurück...
vorbei, verweht, nie wieder.

Du mußt auf deinem Gang
durch Städte wandern;
siehst einen Pulsschlag lang
den fremden Andern.
Es kann ein Feind sein,
es kann ein Freund sein,
es kann im Kampfe dein
Genosse sein.
Es sieht hinüber
und zieht vorüber...
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider -
Was war das? Von der großen Menschheit ein Stück!
Vorbei, verweht, nie wieder.

Mittwoch, 6. Januar 2010

Nachtgedanken (080)

Auch heute arbeitsbedingt tageszeitlich recht frühe "Nachtgedanken". Die 80. Ausgabe dieser Rubrik gehört "Entfremdung" von Franz Keim (1840-1918).

Mir ist die Heimat wie ein fremdes Land,
Und über fremde Treppen muß ich schreiten;
Was einst mein Herz besaß, seh' ich im Weiten,
Und süße Hoffnung reicht mir nicht die Hand.

Gelöst ist lauer Freundschaft loses Band,
Das Schiff des Glücks seh' ich vorübergleiten. –
Bin ich denn noch derselbe, der vorzeiten
Voll Zuversicht im Lebensgarten stand?

Nein, ich bin's nicht mehr! Einsamkeit und Sorgen
Umdüstern meines Lebens jungen Morgen,
Verwandeln mich zum Bettler über Nacht.

Ihr Glücksverwöhnten, die mich nicht mehr kennen,
Ihr sollt nicht wissen, wie die Wunden brennen,
Denn ich bin stolz und meine Miene lacht.