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Freitag, 18. Februar 2011

Soundtrack Of My Life (033): Gazebo - Lunatic (1983)

Wenn man, wie ich zu meinen Teenagerzeiten, nicht gerade mit einem überbordenden Ego gesegnet war, begriff man die ersten Gehversuche auf dem Terrain des Geschlechterkontakts vor allem als eines: Schauen, Schmachten, Starren und irgendwie auf Aufmerksamkeit hoffen. Für selbstbewusste Ansprachen fehlte dann ganz einfach das persönliche Rüstzeug, so dass man immer auf eine glückliche Gelegenheit oder eine wundersame Fügung des Schicksals wartete. Eine dafür gerne aufgesuchte Örtlichkeit war die hier zweimal jährlich stattfindende Kirmes, deren Attraktionen zu DDR-Zeiten sicherlich nicht so spektakulär waren wie jenseits der Mauer, deren Aufbau aber ähnlich daherkam. Das Jungvolk traf sich am Autoscooter oder einer ähnlichen zum Schaulaufen geeigneten Location, man ließ sich von der angesagten und in ohrenbetäubender Lautstärke durch die Boxen gejagten Musik unterhalten und verbrachte damit tagelang den Großteil seiner Freizeit.

Eine jener Wochen aus der Mitte der 80er wird mir aus mehreren Gründen unvergesslich bleiben. Nicht nur, dass ich erstmals hautnah Augenzeuge der Staatsmacht wurde, als zwei angetrunkene, aber relativ harmlose Pöbler von der heraneilenden Volkspolizei brutal niedergeknüppelt wurden, nein man übte sich auch tagelang in oben beschriebener Extremsportdiszplin und stellte neue Dauerrekorde im Stieren ohne Augenblinzeln auf, freilich ohne das das Objekt der Begierde überhaupt auf einen aufmerksam wurde. Ich weiß bis heute nicht mal ihren Namen.

Irgendwie arg durchgeknallt und damit perfekt zu einem damals sehr oft im Hintergrund laufenden Songs passend - "Lunatic" des Italo-Poppers Gazebo...

Montag, 14. Februar 2011

Soundtrack Of My Life (031): Shalom - Bon Soir, Mademoiselle Paris (1992)

Seltsam. Beackerte ich diese Blogkategorie früher maximal einmal monatlich, fällt mir heute fast jeden Tag eine Geschichte ein. Der heutige Song schließt sozusagen die "Chomutov-Trilogie" (die vorangegangenen Teile hier und hier) ab und führt zurück ins Jahr 1992.

Der Grund, warum es uns damals in die Kleinstadt jenseits des Erzgebirgskamms zog, war der einfache Umstand, dass der "Gasfuß" (siehe Teil zwei) in jenem Jahr seinen Unteroffizierslehrgang im grenznahem Marienberg absolvierte und bei einem Trip auf die andere Seite jenen von Bulgaren geführten Club entdeckte, in den wir später fast wöchentlich einfielen. Klar wurde dort überwiegend der gängige internationale Schmiss gespielt, aber mir fiel in jenen Nächten besonders eine tschechische Ballade auf, von der ich zwar nahezu kein Wort verstand, mir aber trotzdem irgendwie ans Herz ging. Meine Sprachkenntnisse beschränkten sich damals darauf, halbwegs unfallfrei Getränke zu ordern und die Übernachtung zu sichern, für eine tiefergehende Analyse fehlte aber eindeutig das Vokabular. Meine damalige Herzensdame, mit der ich mich mangels englischer oder deutscher Sprachkenntnisse auch nur halbwegs mit Händen und Füßen verständlich machen konnte, vermochte mir zumindestens beizubringen, es hier mit Shalom, dem damals angesagtesten Act der zu diesem Zeitpunkt noch in den letzten Zügen existierenden Tschechoslowakei zu tun zu haben. Erst Jahre später, zu Beginn meiner Internet-Aktivitäten, konnte ich etwas tiefer in der Geschichte der Band schürfen, die als Nachfolgeprojekt des einheimischen Superstars Petr Muk zu seiner ersten Band Oceán (der nationalen Ausgabe von Depeche Mode) gegründet wurde und nur bis 1996 existierte.

Der Song stimmt mich immer noch sehr melancholisch, zumal ich erst durch die Recherche zu diesem Beitrag von dem Umstand erfuhr, dass Petr Muk im Mai 2010 unter bis heute nicht restlos geklärten Umständen tot in seiner Wohnung aufgefunden wurde und das im Alter von gerade einmal 45 Jahren. Měj se hezky, Petr a děkuji...*

*Machs gut, Petr und danke...

Mittwoch, 5. Januar 2011

Soundtrack Of My Life (024): David Bowie & Pat Metheny Group - This Is Not America (1985)

Die heutige Anekdote beinhaltet ein Missverständnis: Für einige Zeit ordnete ich die "This Is Not America" intonierende Stimme falsch zu und vermeinte Boy George und nicht David Bowie singen zu hören. Zu meiner Ehrenrettung sei gesagt, dass ich - für ein Kind der DDR logisch - niemals den Originaltonträger in die Finger bekam und den damaligen Welthit anno 1985 nicht im Radio, sondern in aufregenden Sommertagen an der polnischen Ostseeküste kennenlernte. Aber hübsch der Reihe nach.

Nach der Ausrufung des Kriegsrechts durch General Jaruzelski Ende 1981 kam man als DDR-Bürger nicht mehr einfach so nach Polen hinein. Die Oberen in Ost-Berlin wollten schon aus Eigenschutz verhindern, dass irgendwelche oppositionellen Gedanken á la Solidarność per Urlaubsverkehr ins Land sickerten. Allerdings war die Abschottung nicht vollständig, per Einladung aus Polen oder organisierter Tour konnte man durchaus noch die Grenze überschreiten. Ein glücklicher Zufall wollte es, dass die damalige Firma, in der mein Vater arbeitete, im Austausch gegen eigene Kontingente in der DDR Ferienlagerplätze in der Nähe von Danzig organisiert hatte. Wow, 2 Wochen elternloses Ausland mit 13 Jahren und ich durfte dabeisein!

Treffpunkt Dresden Hauptbahnhof am frühen Nachmittag, ich sehe einige bekannte Gesichter aus einem Erzgebirgs-Camp des Jahres 1982 wieder, alle sind aufgrund der Reise, die bis zum darauffolgenden Morgen dauern wird, recht hibbelig. Und wie das als pubertierender Jüngling so ist - man schaut sich um und sondiert unter den mitreisenden Damen "die Marktlage". Ja, die wäre ja nett, oder die...wenn man nicht so verdammt schüchtern wäre!

Zwischenstop Berlin mit Besichtigung der Ost-Berliner Highlights Fernsehturm und Palast der Republik, inklusive Abendessen in "Erichs Lampenladen" - für ein sächsisches Provinzkind alles andere als eine normale Erfahrung. Der Trip ist schon in den ersten Stunden so neu, so aufregend, dass ich es kaum fassen kann.

Der Nachtzug nach Gdańsk, wie wir damals natürlich sagen, fährt etwa gegen 22 Uhr vom Bahnhof Berlin-Lichtenberg ab, wir sortieren uns irgendwie in unser Abteil ein, an Schlaf denkt schon aufgrund der Enge kaum jemand. Über Stettin, Köslin, Stolp und Gdingen kämpft sich der Zug entlang der Ostseeküste bis nach Danzig, welches wir - komplett übermüdet und zerschlagen - in den frühen Morgenstunden erreichen. Da sich das Ferienlager etwa 40 Kilometer außerhalb der Stadt befindet, werden wir in Busse verfrachtet und machen während der Fahrt durch die Straßen die Erfahrung, dass Danzig stellenweise sehr arm und heruntergekommen aussieht, was bei einem DDR-Einwohner, der auch nicht gerade in luxuriosen Verhältnissen residiert, schon einiges heißen will.

Die folgenden Tage vergehen wie im Fluge und mit einer Fülle von Ereignissen. Ob Besuche der Westerplatte, des Hafens oder einfach Abhängen am Strand - es ist traumhaft. Es wird wild durcheinandergeflirtet, die Sprachbarrieren zwischen anwesenden Polen, Tschechen und Deutschen werden irgendwie mit Händen und Füßen sowie dem von allen ungeliebten Schulrussisch überwunden. Ich ertrinke fast, als mich eine Welle umwirft und ich unter Wasser 20 Meter in Richtung Strand gespült werde, wo ich nach Luft japsend wieder auftauche, mir wird das richtige Küssen beigebracht (unter anderem abseits eines Lagerfeuers am nächtlichen Strand, zu dem wir mehrere Kilometer durch den stockfinsteren Wald gelaufen sind) und ich erlebe eine wilde Fummelnacht auf der Rückfahrt, als ein Liegewagenabteil im Zug mit Decken blickdicht gemacht und somit zum Liebesnest umfunktioniert wird.

All das und noch so einiges mehr wird immer wie von selbst in meiner Erinnerung abgerufen wenn die Zeilen "A little piece of you, the little peace in me, will die..." zu hören sind. Zwei Jahre später werde ich an diesen für mich magischen Ort zurückkehren und dort meine erste große Liebe erleben, natürlich begleitet von erinnernswerter Musik. Aber das ist eine andere Geschichte...

Donnerstag, 9. Dezember 2010

Soundtrack Of My Life (023): George Michael/Wham! - Careless Whisper (1984)

Durch einen nur acht Tage nach meiner Heirat angetretenen neuen Job war es anno 2000 mit einer großangelegten Hochzeitsreise natürlich Essig. Die Frischangetraute und ich holten das dann im Frühjahr 2001 nach, wobei uns die Tour in karibische Gefilde in die Dominikanische Republik führte, damals leider gerade auf dem besten Wege in das tropische Ballermannparadies von heute.

Um nicht völlig im Hotel zu versumpfen, unternahmen wir diverse Ausflüge nach draußen, wobei uns eine Tour an die Südküste in die Nähe von La Romana führte, um mit einem Boot auf die unbewohnte Isla Catalina überzusetzen, ein paar Schnorchelstops inklusive. Die etwa 70 Kilometer lange Anreise zum Hafen überstand die Gattin nicht ohne körperliche Malaisen, Bus fahren (gerade auf herausforderndem Straßenbelag) ist nun wirklich nicht ihre große Stärke. Dementsprechend grün um die Nase ging sie dann an Bord, doch das Schaukeln des Boots machte die Geschichte freilich auch nicht besser, im Gegenteil. Besserung stellte sich erst nach Landgang, dem Essen und der Rücktour ein, die uns noch einen Zwischenstop an einer geradezu traumhaften Sandbank bescherte. Vom Boot wurden diverse hochprozentige Mischgetränke ins etwa 28 Grad warme und sattgrüne Wasser gereicht, dazu die malerische Aussicht ans Ufer und noch die mir vorher nicht bekannte Extended Version von George Michaels (bzw. Wham!, wenn man mal über die etwas komplizierte Entstehungsgeschichte des Songs nachdenkt) Riesenhit "Careless Whisper" im Hintergrund - so stelle ich mir das Paradies vor.

Und so konnte ein mir damals schon seit über 15 Jahren liebgewonnenes Stück noch einmal völlig neue Stärken entfalten. Immer wenn ich etwas Sonnenschein im Gemüt brauche, pfeife ich auf die eigentliche Intention des Texts, werfe Herrn Panayiotou in den Player und schon ist die Wärme da...

Dienstag, 28. September 2010

Soundtrack Of My Life (021): Icehouse - Hey Little Girl (1983)

Wie ich bereits im letzten Eintrag dieser Rubrik schrieb - der Beginn meiner ernsthaften Beschäftigung mit Musik datiert zurück in das Jahr 1983. In diese Zeit fällt auch der erste Herzschmerz, natürlich eine frühpubertäre Schwärmerei für eine Mitschülerin. Ich erzähle wohl keine wissenschaftlich sensationellen Erkenntnisse, wenn ich erwähne, dass Altersgenossinnen in dieser Lebensphase alles andere als Augen für gleichaltrige Hormonverwirrte haben. Diese bittere Erkenntnis durfte also auch ich machen und was passte dann besser zum Bad im Selbstmitleid als Musik? Kramte man später den bockig-trotzigen "Du wirst schon sehen, was Du davon hast!"-Soundtrack á la "Zu spät" von den Ärzten hervor, fiel die Wahl in der Anfangszeit eher auf die melancholisch-sensible Variante.

Vielleicht täuscht im Rückblick die Erinnerung, aber das von mir immer noch hochverehrte "Hey Little Girl"der australischen Band Icehouse dürfte der erste musikalische Liebeskummerbegleiter meines Lebens gewesen sein. Immer noch zum Wegfließen...

Mittwoch, 15. September 2010

CD-Rezensionen (200): Die Ärzte - Die Ärzte (1986)

(Cover: Amazon.de)

Nach dem Rausschmiss ihres Bassisten Sahnie zum Duo geschrumpft, reduzierten Bela B. und Farin Urlaub alias Die Ärzte aus Berlin (aus Berlin!) den Titel ihres dritten Longplayers auf den Bandnamen - eigentlich ein damaliges Stilmittel für Debütalben - wohl auch, um einen Neuanfang zu symbolisieren. Dazu passen die von Starfotograf Jim Rakete recht düster gehaltenen Fotos auf Cover und im Booklet ebenso wie die eher morbide Grundausrichtung der gesamten Platte. Ob Liebeskummer, Vampire oder eher abgründige Seiten der Sexualität - hier war für alles gesorgt, so gründlich, dass sich auch wieder einmal die den Ärzten in herzlicher Abneigung verbundene Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften ins Geschehen einschaltete und den gesamten Tonträger aufgrund des Tracks "Geschwisterliebe" kurzerhand (wie schon beim Vor-Vorgänger "Debil" geschehen) auf den Index setzte.

Musikalisch geben sich die Herren B. und Urlaub wieder einmal die Klinke in die Hand und greifen bei den jeweils geschriebenen Titeln höchstselbst zum Mikrofon (B:: viermal, Urlaub: inklusive des mäßigen Coversongs "Jenseits von Eden" siebenmal), wobei der lange Blondschopf hauptsächlich für den drastisch-bissigen Teil und der damals als Paradewaver auftretende Bela für die dunkle Romantik verantwortlich zeichnet. Mir persönlich haben schon immer die Urlaub'schen Ergüsse mehr gelegen, so auch hier. Die Ärzte bildeten damals ohnehin den perfekten Soundtrack zu einer Jugend (auch, wie in meinem Falle, in der DDR) und demzufolge griff man bei erstem Liebeskummer zielgerichtet zu "Wie am ersten Tag" (der bekennende Beatles-Fan Urlaub bediente sich hier hörbar bei "Don't Bother Me" vom "With The Beatles"-Album) oder "Für immer", ohne bei Letzterem freilich die auslegbare Zweideutigkeit zu begreifen, eine Fähigkeit, die Farin Urlaub bis zur Meisterschaft perfektionierte. Geht man beispielsweise den textlichen Weg von "Zum letzten Mal" zu Ende, landet man gleich beim nächsten Indexkandidaten...

Natürlich ist dies alles schwer mit den heutigen Ärzten zu vergleichen, geradezu schlagermäßig und soft wirken die typischen 80er-Songs im Kontext zum aktuellen Gitarrengeknüppel der Kapelle. Trotzdem sind sich die Herren Doktoren bekanntlich nicht zu schade, das eine oder andere Frühwerk gelegentlich live zum Besten zu geben. Eine äußerst begrüßenswerte Haltung, die sich fürwahr nicht jede altgediente Band zu eigen macht. Aber Selbstironie war schon immer eine ganz große Stärke der Berliner.

"Die Ärzte" ist vielleicht nicht das beste Album aus der Frühphase der Truppe, enthält aber allerhand zu Klassikern avancierte Songs, wie das das Bandmaskottchen einführende "Sweet Sweet Gwendoline", das wohl auch heutigen Emos zusagende "Mysteryland" oder die mich immer noch zu Tränen rührende Nummer "Für immer". Ein deutscher Klassiker!

Bewertung: 4 von 5

Dienstag, 31. August 2010

Buch-Rezensionen (199): Thomas Hermanns - für immer d.i.s.c.o. (Hörbuch) (2009)

(Cover: Amazon.de)

Selten habe ich mich derart im Nachhinein zu der Entscheidung beglückwünscht, die Audiovariante eines Buches gewählt zu haben wie bei den Jugenderinnerungen des TV-Entertainers Thomas Hermanns. Die höchst unterhaltsamen Ausführungen über die zweite Hälfte der Siebziger und die frühen Achtziger Jahre, die damals die Tanzflächen beherrschende Disco-Music und Hermanns' erste Schritte in der Schwulenszene mögen auch in gedruckter Form funktionieren, aber wer einmal die brüllend komische Schilderung - besser: Nachinszenierung - eines geradezu bizarren Amanda Lear-"Konzerts" in der Nürnberger Meistersinger-Halle gehört hat, wird verstehen, was ich meine. Zusätzlich werden höchst passend im Text erwähnte Titel als Hintergrundmusik eingespielt, was die Wirkung und Verständlichkeit enorm erhöht.

Der Erfinder des "Quatsch Comedy Clubs" spannt einen weiten Bogen über seine von viel Musik in trister Wohnumgebung geprägten Kinder- und Jugendjahre in Nürnberg bis hin zu seinem Studium in München und den später erfolgten beruflichen Durchbruch. Zwar ist der überwiegende Teil von "für immer d.i.s.c.o." von Humor geprägt und wird von Hermanns in angenehmem Tonfall gewohnt charmant gelesen. Dennoch werden ernst Themen nicht ausgespart, angefangen von der ersten Gefühlsverwirrung, das eigene Coming Out über Schwulenfeindlichkeit im In- und Ausland bis hin zum HIV- und AIDS-Schock der frühen 80er mitsamt seiner Todesspur im Bereich der Disco-Musik. Dass ein dermaßen amüsierendes Buch immer wieder durch diese extremen Gegensätze radikal gebrochen wird, hat mir ganz besonders imponiert.

Ein weiteres Plus der Audiobookversion: Auf CD 4 sind noch einmal alle im Buch verwendeten Tracks in voller Länge - von Thomas Hermanns kurz anmoderiert - enthalten. Da darf man gleich mal die gegebenen Hustle-Tanzlektionen in die Praxis umsetzen...

Zielgruppe dieses Buchs? Vielfältig, möchte ich meinen. Der offen oder versteckt lebende Schwule wird sich ebenso einfinden wie das Kind der Siebziger, Interessierte an Musikgeschichte und Popkultur sowieso. Zwar kann "für immer d.i.s.c.o." nicht für sich in Anspruch nehmen, eine umfassende historische Darstellung dieses Musikstils zu liefern. Dafür werden ein paar allzu gewagte Verschwörungstheorien über das Ende der Ära aufgestellt. Schließlich verendete Disco nicht (wie von Hermanns und diversen ehemaligen Protagonisten suggeriert) an den permanenten Störmanövern von Gegnern in Musikbiz und Gesellschaft sondern schlicht und einfach an einem der normalsten Vorgänge der Musikwelt - der kontinuierlichen Weiterentwicklung. Jede Musik hat ihre Zeit, gelegentlich mit diversen Retrowellen geadelt. Doch diese gelegentlichen Ungereimtheiten seien einem bekennenden Disco-Aficionado nachgesehen - für mich ein klasse Hörbuch mit einigen persönlichen Musik-Neuentdeckungen, kam doch die Disco-Welle für mich ein dreiviertel Jahrzehnt zu früh...

Bewertung: 5 von 5

Donnerstag, 20. Mai 2010

CD-Rezensionen (189): Dance Aid - Do They Know It's Christmas? (Rave The World) (MCD) (1994)

(Cover: Amazon.de)

So sicher wie in das Amen in der Kirche ist die jährliche Dauerrotations-Beschallung zur Adventszeit mit den unvermeidlichen Weihnachtsheulern "Last Christmas" von Wham! und "Do They Know It's Christmas?" des von Midge Ure und Bob Geldof 1984 angesichts der Hungerkatastrophe in Äthiopien ins Leben gerufenen Benefiz-Projekts Band Aid. Auch wenn beide Songs in den über 25 Jahren inzwischen deutlich Patina angesetzt haben, kann ich sie persönlich immer noch problemlos und gern zu gegebener Zeit hören. Anders sieht es mit dieser von der heutigen Gattin in die Beziehung gebrachten Maxi-CD aus.

Wozu also ein Bumm-Bumm-Dance-Aufguss? Anno 1994 griffen sich zum 10jährigen Jubiläums des Songs die damals führenden Produzenten- und Technoprojekte Deutschlands die bekannte Melodie, drehten den Geschwindigkeits- und BpM-Regler ordentlich nach oben, fügten ein paar zum Teil arg schwachbrüstige Vocals hinzu und packten alles in den damals vorherrschenden Happysound - fertig. Musikalisch ist das so notwendig wie ein Kropf, ohnehin wirkt das Ganze wie ein fix zusammengeschluderter Schnellschuss. Ausgewiesen sind auf der insgesamt 14 Minuten langen CD nur zwei Tracks (Radio und Rave Mix), als Extra ist aber noch eine A cappella-Version dreingegeben, die allerdings besonders schlampig produziert wirkt, hört man doch auf den Aufnahmen der teilweise erschreckend dünnen und tonunsicheren Stimmen recht deutlich die Sounds aus den Kopfhörern der Gesangsakrobaten.

Einen Extrapunkt gibt es für den guten Zweck, flossen doch alle Einnahmen des in meiner Erinnerung nicht sonderlich von Chartserfolg gekrönten Projekts der Deutschen Welthungerhilfe zu. Na immerhin...

Bewertung: 2 von 5

Dienstag, 11. Mai 2010

Nachtgedanken (089)

In letzter Zeit beobachte ich in meinem realen und Online-Umfeld immer häufiger scheiternde Beziehungen, die zum Teil bereits 20 Jahre und länger auf dem Buckel haben. Man ist also auch als langzeit-Gebundener keineswegs vor allerlei Liebes-Unbill gefeit und sollte diesbezügliche Zeichen rechtzeitig bemerken und einzuordnen wissen, wie das schon Emil Claar (1842-1930) in "Entwicklung" tat.

Oft in plaudernden, tanzenden Reihn
War er allein und war sie allein,
In Stille leidend.

Und dann fast immer in einsamer Pein
War sie allein und war er allein
Einander meiden.

Und dann war nicht er und nicht sie allein,
Sie waren plötzlich immer zu zwei'n,
Von allen sich scheidend!

Freitag, 27. November 2009

Soundtrack Of My Life (015): Purple Schulz - Kleine Seen (1985)

Besonders in den Tagen des Teenager-Daseins hört man doch bei Songtexten oftmals deutlicher hin als sonst und stellt immer wieder verblüfft fest, wie einzelne Lyrics haargenau zum eigenen Befinden passen - nicht selten gerade, wenn wieder mal der Weltschmerz regiert oder der Liebeskummer zugeschlagen hat. Das heutige Exemplar aus der "Soundtrack Of My Life"-Kollektion ist so ein Fall.

Eigentlich ein Liebeslied über eine schon seit einiger Zeit existierende Beziehung, deutete ich den Song kurzerhand um, weil ich die einleitenden Zeilen "Vor 'nem halben Jahr kamst du durch diese Tür - und auf einmal war es da das zärtliche Gefühl - eine Ameisenarmee rannte über meine Haut - deine Gesten und dein Lachen warn mir irgendwie vertraut" kurzerhand für meine (unerwiderten) Empfindungen meiner damaligen Angebeteten gegenüber uminterpretierte. Hat alles nix genutzt, mehr als ein einmaliges Teeniegeknutsche nach einem Schul-Tanztee sprang dabei nicht heraus. Immerhin sieht man sich gelegentlich bei Klassentreffen, vielleicht sollte ich der Dame mal bei Gelegenheit diesen Blogeintrag präsentieren...nun denn, Frau S. im Exil: this one is for you...

Unabhängig davon - ein feines Stück Deutsch-Pop vom Meister aus Köln!

Montag, 2. November 2009

Soundtrack Of My Life (013): Die Ärzte - Für immer (1986)

Nach längerer Pause mal wieder ein Beitrag aus dieser Blogkategorie.

Das Erstaunliche an den Ärzten, ist die Fähigkeit, nunmehr schon seit mehr als 25 Jahren immer wieder neue Fanscharen zu rekrutieren und darüber hinaus irgendwie immer jederzeit mein Lebensgefühl getroffen zu haben. In den Zeiten, als die Kapelle aus Berlin (auuuus Berlin!) noch teeniekompatiblen Fun-Punk spielte, konnte man sich daher extrem sicher sein, als beziehungstechnisch benachteiligtes Mauerblümchen in der DDR den passenden Soundtrack von der anderen Seite der Mauer geliefert zu bekommen. So ging es mir in der Phase meiner ersten aussichtslosen Schwärmereien mit dem Song "Für immer", dessen tiefgründige Möglichkeit zur verschiedenen Interpretation des Textes (einfache Liebeserklärung an die Angebetete oder doch irgendwas Morbides?) sich mir erst viel später erschlossen haben. Aber immer noch ein wunderschönes Stück Musik. Seufz.

Mittwoch, 22. Juli 2009

Soundtrack Of My Life (012): Sophie B. Hawkins - Right Beside You (1994)

Wohl jeder hat in seinen Erinnerungen einen Song, den er mit einer bestimmten Person in Verbindung bringt. Im Grunde genommen gibt es zwar ein paar Stücke, die ich verflossenen Lieben zuordnen kann, aber nur ein einziges, das noch so präsent ist, dass es auch nach so vielen Jahren bei jedem Erklingen im Radio oder sonstwo eine Art Gefühlsaufwallung verursacht - "Right Beside You" der Amerikanerin Sophie B. Hawkins. Der Song war nicht einmal ein besonders großer Hit (Platz 17 in Deutschland, nur Position 56 in den USA), für mich wird er aber immer einen ganz besonderen Platz einnehmen. Also A., wo auch immer Du jetzt bist - das ist "unser" Lied...

Dienstag, 16. Juni 2009

Nachtgedanken (054)

Erstaunlich, welche Parallelen zum eigenen Leben man gelegentlich in jahrhundertealter Lyrik findet, denn die Geschichte, die "Versagter Abschied" von Wilhelm Jordan (1819-1904) erzählt, habe ich fast genau so im Frühsommer 1990 auf Rügen erlebt...

Vergebens, die letzte Minute verfloß
Und du hast mich nicht wiedersehn wollen.
Schon schnaubt das eiserne Feuerroß
Und die Räder beginnen zu rollen.
So sind wir denn wieder nach Tagen voll Glück
Wer weiß auf wie lange geschieden;
Ich ziehe den Kopf in den Wagen zurück
Getäuscht – und dennoch zufrieden.

So voll war des Wiedersehns Schlußakkord
Daß ich Tieferes wahrlich kaum wüßte,
Als ich gestern Abend beim Scheidewort
Die Hand herzinnig dir küßte.
Wohl auch heute nicht hätt' ich zu glauben gewagt
Daß Gehorsam mir freigestellt sei,
Wie lockend und laut mein Herz mir auch sagt
Daß an ihm dein Platz in der Welt sei.

In Eile wächst der uns trennende Raum
Und einsam im rasselnden Wagen
Durchleb' ich noch einmal in wachem Traum
Diese Reihe von glücklichen Tagen.
Fast reut's mich daß ich verzichten gelernt
Und ich strecke die Arme in's Leere,
Empfindend, als ob ich von dir entfernt
Ein Stück von mir selber entbehre.

Donnerstag, 11. Juni 2009

Soundtrack Of My Life (011): Phil Collins - Another Day In Paradise (1989)

Es gibt Songs, die liebe ich abgöttisch, viele finde ich einfach gut, so manche treffen überhaupt nicht meinen Geschmack, aber es gibt nur wenige , die ich abgrundtief verabscheue. "Another Day In Paradise" vom König des Konsens-Pops, Phil Collins, ist so ein Fall. Es ist weniger das Stück an sich, das sich mit dem Thema Obdachlosigkeit beschäftigt, sondern vielmehr ein seltsamer Zufall in meinem weit zurückliegenden Liebesleben. Denn gleich zweimal wurde, als dieses Lied im Hintergrund der Diskothek lief, mit mir Knall auf Fall Schluß gemacht. Das sitzt tief bis heute und verursacht immer noch aggressive Gefühle gegenüber einem Song, der immerhin weltweit und wochenlang die Nummer 1 der Charts belegte.

Samstag, 9. Mai 2009

Nachtgedanken (046)

Es darf ruhig auch einmal schwerverdaulich zugehen, denn "Wankelmut" aus der expressionistischen Feder August Stramms (1874-1915) erschließt sich nicht sofort.

Mein Suchen sucht!
Viel tausend wandeln Ich!
Ich taste Ich
Und fasse Du
Und halte Dich!
Versehne Ich!
Und Du und Du und Du
Viel tausend Du
Und immer Du
Allwege Du
Wirr
Wirren
Wirrer
Immer wirrer
Durch
Die Wirrnis
Du
Dich
Ich!

Dienstag, 5. Mai 2009

The End

Heute ist diese zerbrochene Liebe mit der offiziellen Scheidung zu Ende gegangen. Den beiden mit ihren neuen Partnern viel Glück in der Zukunft.

Montag, 6. April 2009

Nachtgedanken (033)

Mir ist heute ohne speziellen Anlass einmal nach Herzschmerz und daher gibt es als "Nachtgedanken" das Gedicht "Schwerer Abschied" des heute vor 125 Jahren gestorbenen Emanuel Geibel (1815-1884).

Niemals werd' ich das vergessen,
Wie dein Arm mich noch umfing,
Jedes Wort beim bangen Pressen
Dir in Thränen unterging.
Ach, wir lernten erst im Scheiden
Unsre Liebe ganz verstehn,
Und doch war's uns beiden, beiden:
S'ist auf Nimmerwiedersehn!

Seit der Stunde jener Schmerzen
Noch den Druck von deiner Hand
Fühl' ich kühl auf meinem Herzen,
Wie ich damals ihn empfand.
Und wenn Alles schweigt um mich,
Mir auf's Bett die Sterne scheinen,
Ist mir oft, ich höre dich
In der Ferne weinen.

Montag, 23. März 2009

Nachtgedanken (029)

Die Affäre, die der umstrittene Komponisten-Titan Richard Wagner (1813-1883) wahrscheinlich mit Mathilde Wesendonck (1828-1902)  unterhielt, sorgte dank Wagners Ehefrau Minna (1809-1866) für ordentlich Krach.  Aus der Feder der verheirateten Mathilde stammen die heutigen Nachtgedanken mit dem Titel "Träume". Die Texte der sogenannten "Wesendonck-Lieder" wurden von Wagner 1857/58 vertont.

Sag, welch wunderbare Träume
Halten meinen Sinn umfangen,
Daß sie nicht wie leere Schäume
Sind in ödes Nichts vergangen?

Träume, die in jeder Stunde,
Jedem Tage schöner blühn,
Und mit ihrer Himmelskunde
Selig durchs Gemüte ziehn!

Träume, die wie hehre Strahlen
In die Seele sich versenken,
Dort ein ewig Bild zu malen:
Allvergessen, Eingedenken!

Träume, wie wenn Frühlingssonne
Aus dem Schnee die Blüten küßt,
Daß zu nie geahnter Wonne
Sie der neue Tag begrüßt,

Daß sie wachsen, daß sie blühen,
Träumed spenden ihren Duft,
Sanft an deiner Brust verglühen,
Und dann sinken in die Gruft.

Samstag, 14. März 2009

Nachtgedanken (027)

Ein sehr jung gestorbener Autor ist heute für die "Nachtgedanken" verantwortlich - Herrmann Conradi (1862-1890). Titel: "Verlassen!"

Im Morgengrauen schritt ich fort –
Nebel lag in den Gassen . . .
In Qualen war mir das Herz verdorrt –
Die Lippe sprach kein Abschiedswort –
Sie stöhnte mir leise: Verlassen!

Verlassen! Kennst du das Marterwort?
Das frißt wie verruchte Schande!
In Qualen war mir das Herz verdorrt –
Im Morgengrauen ging ich fort –
Hinaus in die dämmernden Lande!

Entgegen dem jungen Maientag:
Das war ein seltsam Passen!
Mählich wurde die Welt nun wach –
Was war mir der prangende Frühlingstag –
Ich stöhnte nur leise: Verlassen! . . .

Freitag, 6. März 2009

Nachtgedanken (023)

Die Literaturgeschichte des 19. Jahrhunderts ist nicht eben arm an tragischen Schicksalen. Genie und Wahnsinn liegen wohl ebenso nah beieinander wie unglückliche Gefühlswallungen zu künstlerischen Höchstleistungen anspornen. Karoline von Günderrode (1780-1806) ist  ein solcher Fall, aus enttäuschter Liebe zu dem Philologen Friedrich Creuzer (1771-1858) erstach sie sich im Alter von nur 26 Jahren am Rheinufer bei Winkel. Irgendwie lassen sich die kommenden Ereignisse in "Die eine Klage" erahnen...

Wer die tiefste aller Wunden
Hat in Geist und Sinn empfunden
Bittrer Trennung Schmerz;
Wer geliebt was er verlohren,
Lassen muß was er erkohren,
Das geliebte Herz,

Der versteht in Lust die Thränen
Und der Liebe ewig Sehnen
Eins in Zwei zu sein,
Eins im Andern sich zu finden,
Daß der Zweiheit Gränzen schwinden
Und des Daseins Pein.

Wer so ganz in Herz und Sinnen
Konnt' ein Wesen liebgewinnen
O! den tröstet's nicht
Daß für Freuden, die verlohren,
Neue werden neu gebohren:
Jene sind's doch nicht.

Das geliebte, süße Leben,
Dieses Nehmen und dies Geben,
Wort und Sinn und Blick,
Dieses Suchen und dies Finden,
Dieses Denken und Empfinden
Giebt kein Gott zurück.