Samstag, 22. Januar 2011

Soundtrack Of My Life (026): Johnny Hates Jazz - Shattered Dreams (1987)

Die heutige Geschichte dreht sich eigentlich weniger um Musik, sondern um - Klamotten.

Bekanntlich kam man in der DDR zwar per Radio durchaus an die gängigen West-Hits, die zugehörigen Musikvideos bekam man aber höchst selten zu Gesicht. Im heimischen TV lief sowas praktisch gar nicht, mit viel Glück konnte man hier, hart am Rand des sogenannten "Tals der Ahnungslosen", mal halbwegs bildrauschfrei "Formel Eins" empfangen, oftmals blieb aber auch das nur Illusion. So kam es, dass ich den Clip des 87'er Hits von Johnny Hates Jazz erst mit einigen Jahren Verspätung so um das Jahr 1992/93 herum erstmals sah. Sänger Clark Datchler stiefelte darin, wenn er nicht mal gerade in schnieke End-Achtziger-Tapete gewandet war, in einer Art 20er Jahre Working Class-Outfit herum, das mir ausnehmend gut gefiel. Ich besorgte mir also umgehend ein paar Hosenträger (meiner Erinnerung nach ein paar hundsteure aus der CAMEL COLLECTION), ein weißes Hemd fand sich noch irgendwo im Schrank, dies mit ein paar Retro-Hosen und passenden Schuhen kombiniert und fertig war mein neuer Ausgehlook, gerne auch vervollständigt durch eine Schiebermütze, ein Familienerbstück. Das war wohl zwar alles andere als 90er Stil, aber mir war das wurscht.

In dieser Zeit pendelte mein Freundeskreis beim wochenendlichen "Pistengang" immer zwischen zwei weit auseinanderliegenden Clubs hin und her. Der eine lag praktisch vor der Haustür, der andere im etwa 150 Kilometer entfernten tschechischen Chomutov. Dort war es Anfang des Jahrzehnts natürlich spottbillig, wie quartierten uns für 14 DM/Nacht in einem Dreibettzimmer ein und waren selbst nach durchfeierter Nacht alles andere als pleite. Ein wenig musste man allerdings aufpassen, ob die dort herumtanzenden Damen rein privat oder aus "gewerblichen" Zwecken anwesend waren. Als mir beispielsweise in einer Freitagnacht die Luft in dem wohl halbillegalen und nicht viel mehr als wohnungsgroßen Etablissement doch zu schneidend wurde, trat ich auf die vorgelagerte Straße und wurde umgehend von zwei sichtlich aufgekratzten Vertreterinnen des Berufsstands angesprochen. Obwohl ich wenig Lust auf ungeplante Finanzausgaben verspürte, wurde mein "Shattered Dreams"-Gedächtnis-Hemd kurzerhand mit zahlreichen Lippenstift-Abdrücken dekoriert, ehe das Duo feixend weiter seines Weges zog. Ich war einfach zu perplex, um dagegen aufzumucken und bei der morgendlichen Inspektion des Kleidungsstücks wirkte das Kussmund-Muster schon wieder in irgendeiner Form cool.

Das wiederum brachte mich auf die verrückte Idee, das Teil in diesem Zustand am wieder in heimatlichen Gefilden verbrachten Samstagabend erneut anzuziehen. Verschwitzt, verraucht, nicht mehr taufrisch? Egal, ordentlich gelüftet und einparfümiert und es war wieder tragbar! Aus heutiger Sicht ist die ganze Geschichte zwar höchstgradig albern und spätpubertär, aber mit dem im Schwarzlicht odentlich hervorstechenden vollgeknutschten Hemd kam man sich in der Kleinstadtdisse wirklich vor wie die coolste Sau im Schweinestall... Danke, Clark!

Donnerstag, 20. Januar 2011

Soundtrack Of My Life (025): Stephan Remmler - Vogel der Nacht (1988)

Von Oktober 1994 bis September 1995 absolvierte ich meinen Wehrdienst in der Regensburger Nibelungenkaserne. Eines der oftmals angesteuerten Ziele nach Dienstschluss war das Mannschaftsheim, ein Mix aus Kneipe und Laden. Sei es, weil das Abendessen wieder einmal wenig einladend gewesen war oder man sich irgend eine Zeitschrift, diversen Soldaten-Nippes oder einfach nur eine Briefmarke für den Brief nach Hause leisten wollte, schließlich reden wir hier über die Prä-WWW-Zeit.

Einer der Mittelpunkte des hölzernen Einrichtungsalptraums war eine uralte Jukebox, deren musikalischer Inhalt scheinbar seit den ausgehenden 80er Jahren nicht mehr ausgetauscht worden war. Immerhin fanden sich darin für ein Mainstreampublikum doch recht ungewöhnliche musikalische Perlen wie "Close To Me" von The Cure, eindeutig meist gewähltetes Stück war jedoch der Schnulzenheuler "Vogel der Nacht" des ehemaligen Trio-Frontmanns Stephan Remmler und das hatte einen ganz bestimmten Grund.

Wurden die auf das Dienstende zusteuernden Rekruten der NVA im truppeninternen Jargon "EK's" (Entlassungskandidaten) genannt, so hatte sich bei der Bundeswehr der Begriff "Ausscheider" oder verknappend einfach "Scheider" eingebürgert. Dies wurde bei jeder sich bietenden Gelegenheit lautstark rufend zum Besten gegeben, manche hatten in der Betonung und Proklamation dieses Begriffs eine geradezu bewundernswerte Kreativität aufzubieten. Also von "Auuuuuuuuuuuuuuuusscheider" über "Aus! Schei! Der!" bis hin zum anbrüllenden "Scheider, Du Ratz!" gegenüber den eingeschüchterten "Frischlingen". Und um dem Ganzen auch noch eine musikalische Komponente hinzuzufügen, hatte man sich nun ausgerechnet des bereits erwähnten Remmler-Songs bemächtigt. Und so schallte es nach Geldeinwurf und Drücken der entsprechenden Taste regelmäßig im Rumbarhythmus durch das Mannschaftsheim:

"Scheider der Nacht! Flieg hinauf bis zum Mond..."

Montag, 17. Januar 2011

CD-Rezensionen (214): Farin Urlaub Racing Team - Die Wahrheit übers Lügen (2008)

(Cover: Amazon.de)

Wie so viele meiner Altersgenossen, die ihre Jugend in der DDR der 80er Jahre verbracht haben, bin ich ein langjähriger Ärzte-Fan, der Trennung und Wiederbeginn mit verändertem Stil wohlwollend begleitet hat. Irgendwann kristallisierte sich dann heraus, dass mir persönlich die Songs aus der Feder Farin Urlaubs sowohl in textlicher als auch musikalischer Hinsicht am deutlichsten zusagten. Insofern erschien es mir gar nicht einmal unlogisch, dass ich großen Gefallen an den beiden Soloveröffentlichungen des Blondschopfs, dem bissig-frechen "Endlich Urlaub!" (2001) und dem viel nachdenklicheren "Am Ende der Sonne" (2005) fand. Somit lag sowohl die Messlatte als auch meine Erwartungshaltung sehr hoch, als, nunmehr auch im Studio offiziell von seiner vielköpfigen Livetruppe "Farin Urlaub Racing Team" unterstützt, der dritte Solo-Silberling in die heimischen Plattenbestände wanderte.

Und scheinbar fügte sich alles wie gehabt zusammen. Gleich mit dem ersten Track-Trio kann ich prima leben, selbst wenn der eine oder andere Melodieverlauf arg vertraut erscheint. Die Single-Auskoppplung "Nichimgriff" knüppelt fröhlich vor sich hin, "Unscharf" thematisiert einmal mehr die Vertracktheit zwischenmenschlicher Kommunikation und das mit ordentlich Bläsereinsatz angeschärfte "Gobi Todic" rast durch seinen vor lauter Absurditäten geradezu strotzenden Text. Das ist nicht immer die hehre Kunst, aber mir gefällt's!

Schwieriger wird es danach. Farin Urlaub ist ein eigenwilliger und hochintelligenter Kopf, dessen persönliche Ansichten sich nicht immer mit den meinen decken. Sei's drum, ich mag es nur nicht, wenn ich vor lauter erhobenem Zeigefinger nicht mehr zum Musikhören komme. Das war schon bei "Lieber Staat" auf seinem Solo-Debüt so und setzt sich hier mit "Seltsam" fort. Ja, Pelze sind scheiße, aber das konnte man auch schon mal deutlich unplatter formulieren, schließlich hat man es doch hier eigentlich mit einem Meister des Wortwitzes zu tun.

"Krieg" (herrjeh, "Bap-schuwadiwadi"-Chöre habe ich das letzte Mal anno 1974 bei "Sugar Baby Love" von den Rubettes gehört...) trägt textlich und musikalisch geradezu Helge Schneidersche Züge und da ich den Mülheimer Jazzgott sehr verehre, kann also auch dieser Track bei mir punkten, ganz im Gegensatz zu "Pakistan". Die Reiselust des Autoren mal zu thematisieren ist sicherlich keine schlechte Idee, aber dies geschieht auf mich wenig packende Weise, das Liedchen plätschert halt vor sich hin, ohne jemals so richtig die Kurve zu kriegen.

"Niemals" hätte sehr gut auf "Das Ende der Sonne" gepasst, erneut werden unerwiderte Gefühle auf markerschütternde Art und Weise beschrieben, eindeutig eins der Highlights des Albums und bei "Leiche" ist der alte Zyniker Urlaub ganz in seinem Element. Vor zwei Dekaden hätte das eventuell einmal mehr die Indizierungsbeauftragten auf den Plan gerufen, heute wirkt das wunderbar entspannt. Sehr gut! "Monster" ist textlich zwar wahnsinnig plakativ, aber die Frage sei erlaubt: Trifft die Beschreibung der deutschen Formatradiolandschaft nicht den Nagel auf den Kopf? Und nach dem wunderschönen Liebeslied "Atem" wird bei "Karten" nochmal ordentlich in die Saiten gegriffen, leider ist der Refrain nur ein Wiedergänger von "Unter Wasser".

Damit wäre die "Büffelherde" benamste Haupt-CD abgeschlossen und der Vier-Track-Mini "Ponyhof" darf zu seinen Ehren kommen. Musikalisch komplett konträr wird hier in Reggae- und Dancehall-Gefilden gewildert, "I.F.D.G." groovt da mitsamt seinen bissigen Zeilen derart relaxt durch die Boxen, dass sich gleich ordentlich gute Laune einstellt. "Zu heiss", "Insel" blubbern da aber deutlich schwächer und uninspirierter vor sich hin. Wer mit derlei Musik ohnehin nichts anfangen kann, wird sich freilich irritiert abwenden. Wenigstens darf mit "Trotzdem" noch mal im Affentempo die Ska-Sau durchs Dorf gehetzt werden, selbst wenn der Text zum zigsten Mal die "Loser dieser Welt, gebt nicht auf!"-Thematik beackert. Insgesamt ein eher durchwachsenen Bonus.

Ich gebe zu, dass der Urlaub-Drittling im Gegensatz zu meinen Vorläufern deutlich mehr Durchläufe benötigte, um bei mir zu punkten. Ich mache das eigentlich ungern, entweder es packt mich sofort oder eben auch nicht. Dennoch hat es sich in diesem Falle durchaus gelohnt, auch wenn die zweithöchste Wertung nur für die Haupt-CD allein gilt, im Verbund mit dem "Ponyhof"-Anhang wird die um einen Punkt tiefere gezückt.

Bewertung: 4 von 5

Donnerstag, 6. Januar 2011

CD-Rezensionen (213): Blind Passengers - Born To Die (MCD) (1994)

(Cover: Amazon.de)

Sich musikalisch mit dem emotionalen Thema Tierversuche zu beschäftigen, ist auf dem ersten Blick erst einmal wohlfeil. Ein paar ergreifende Worte gegen die Qualen der Kreatur, dazu ein emotional aufwühlendes Coverfoto und der allseitige Beifall ist sicher. Ob man dann selbst im Alltag von den Ergebnissen der umstrittenen Tests profitiert oder sich konsequent deren Auswirkungen auf das Privatleben verweigert, ist dann freilich oftmals eine andere Sache. Unterstellen wir jedoch einmal den Berlinern bei ihrer 1994 erschienenen Single nur die besten Absichten.

Im Grunde genommen lässt sich "Born To Die" als Bindeglied zwischen den 1993 und 1996 erschienenen ersten beiden Alben der Blind Passengers verstehen, bietet der Tonträger doch einen Remix des von "The Glamour Of Darkness" bereits bekannten "Yes, Sir!" und mit den beiden Versionen des Titelstücks bereits einen Vorgriff auf den später erschienenen Zweitling "Destroyka". Kann aber der "Hospital-Mix" des erstgenannten Stücks mit gesteigerter Aggressivität und pumpendem Rhythmus noch einige Qualitätspunkte zulegen, fiel die schlußendlich für das '96er-Album verwendete Version von "Born To Die" deutlich schwächer aus als der hier verwendete Edit und der über sechsminütige "Gen-Mix".

Mit dem wild vorwärtsstürmenden "Headache... (New Prosperity)" und dem Instrumental "Sarajevo", welches mit getragenen Synthie-Streicherklängen den damals noch tobenden Bosnien-Krieg thematisiert, werden netterweise noch zwei qualitativ hochwertige B-Seiten als Bonus dreingegeben, in Zeiten, in denen auch mal gerne auschließlich Remixe ein und desselben Stücks auf Maxi-CDs gepressst wurden, ein sehr fanfreundlicher Umstand! Alles in allem bekommt man etwa 22 Minuten im Stil der frühen Bandphase geboten, bevor sich die Herren um Nik Page deutlich härteren Klängen zuwandten.

Bewertung: 4 von 5

Mittwoch, 5. Januar 2011

Soundtrack Of My Life (024): David Bowie & Pat Metheny Group - This Is Not America (1985)

Die heutige Anekdote beinhaltet ein Missverständnis: Für einige Zeit ordnete ich die "This Is Not America" intonierende Stimme falsch zu und vermeinte Boy George und nicht David Bowie singen zu hören. Zu meiner Ehrenrettung sei gesagt, dass ich - für ein Kind der DDR logisch - niemals den Originaltonträger in die Finger bekam und den damaligen Welthit anno 1985 nicht im Radio, sondern in aufregenden Sommertagen an der polnischen Ostseeküste kennenlernte. Aber hübsch der Reihe nach.

Nach der Ausrufung des Kriegsrechts durch General Jaruzelski Ende 1981 kam man als DDR-Bürger nicht mehr einfach so nach Polen hinein. Die Oberen in Ost-Berlin wollten schon aus Eigenschutz verhindern, dass irgendwelche oppositionellen Gedanken á la Solidarność per Urlaubsverkehr ins Land sickerten. Allerdings war die Abschottung nicht vollständig, per Einladung aus Polen oder organisierter Tour konnte man durchaus noch die Grenze überschreiten. Ein glücklicher Zufall wollte es, dass die damalige Firma, in der mein Vater arbeitete, im Austausch gegen eigene Kontingente in der DDR Ferienlagerplätze in der Nähe von Danzig organisiert hatte. Wow, 2 Wochen elternloses Ausland mit 13 Jahren und ich durfte dabeisein!

Treffpunkt Dresden Hauptbahnhof am frühen Nachmittag, ich sehe einige bekannte Gesichter aus einem Erzgebirgs-Camp des Jahres 1982 wieder, alle sind aufgrund der Reise, die bis zum darauffolgenden Morgen dauern wird, recht hibbelig. Und wie das als pubertierender Jüngling so ist - man schaut sich um und sondiert unter den mitreisenden Damen "die Marktlage". Ja, die wäre ja nett, oder die...wenn man nicht so verdammt schüchtern wäre!

Zwischenstop Berlin mit Besichtigung der Ost-Berliner Highlights Fernsehturm und Palast der Republik, inklusive Abendessen in "Erichs Lampenladen" - für ein sächsisches Provinzkind alles andere als eine normale Erfahrung. Der Trip ist schon in den ersten Stunden so neu, so aufregend, dass ich es kaum fassen kann.

Der Nachtzug nach Gdańsk, wie wir damals natürlich sagen, fährt etwa gegen 22 Uhr vom Bahnhof Berlin-Lichtenberg ab, wir sortieren uns irgendwie in unser Abteil ein, an Schlaf denkt schon aufgrund der Enge kaum jemand. Über Stettin, Köslin, Stolp und Gdingen kämpft sich der Zug entlang der Ostseeküste bis nach Danzig, welches wir - komplett übermüdet und zerschlagen - in den frühen Morgenstunden erreichen. Da sich das Ferienlager etwa 40 Kilometer außerhalb der Stadt befindet, werden wir in Busse verfrachtet und machen während der Fahrt durch die Straßen die Erfahrung, dass Danzig stellenweise sehr arm und heruntergekommen aussieht, was bei einem DDR-Einwohner, der auch nicht gerade in luxuriosen Verhältnissen residiert, schon einiges heißen will.

Die folgenden Tage vergehen wie im Fluge und mit einer Fülle von Ereignissen. Ob Besuche der Westerplatte, des Hafens oder einfach Abhängen am Strand - es ist traumhaft. Es wird wild durcheinandergeflirtet, die Sprachbarrieren zwischen anwesenden Polen, Tschechen und Deutschen werden irgendwie mit Händen und Füßen sowie dem von allen ungeliebten Schulrussisch überwunden. Ich ertrinke fast, als mich eine Welle umwirft und ich unter Wasser 20 Meter in Richtung Strand gespült werde, wo ich nach Luft japsend wieder auftauche, mir wird das richtige Küssen beigebracht (unter anderem abseits eines Lagerfeuers am nächtlichen Strand, zu dem wir mehrere Kilometer durch den stockfinsteren Wald gelaufen sind) und ich erlebe eine wilde Fummelnacht auf der Rückfahrt, als ein Liegewagenabteil im Zug mit Decken blickdicht gemacht und somit zum Liebesnest umfunktioniert wird.

All das und noch so einiges mehr wird immer wie von selbst in meiner Erinnerung abgerufen wenn die Zeilen "A little piece of you, the little peace in me, will die..." zu hören sind. Zwei Jahre später werde ich an diesen für mich magischen Ort zurückkehren und dort meine erste große Liebe erleben, natürlich begleitet von erinnernswerter Musik. Aber das ist eine andere Geschichte...

Mittwoch, 22. Dezember 2010

CD-Rezensionen (212): Air - 10.000 Hz Legend (2001)

(Cover: Amazon.de)

Es ist immer so eine vertrackte Sache, wenn man sich als Anhänger eines bestimmten Bandsounds so richtig schön in seiner Erwartungshaltung eingekuschelt hat. Man legt die CD in den Player, freut sich auf Wohlbekanntes in neuer Ausgabe und bekommt dann hin und wieder ganz gepflegt eins mit der "Ätsch!"-Keule übergezogen. So in etwa dürften sich viele "Moon Safarirista" beim erstmaligen Hören des vierten Air-Outputs "10.000 Hz Legend" gefühlt haben.

Dabei haut der Opener "Electronic Performers" durchaus in die Kerbe des Vertrauten. Es blubbert und plöngt zwar etwas heftiger als in früheren Tagen der Franzosen, das geht aber durchaus in Ordnung. Etwas komplizierter schaut die Lage bei "How Does It Make You Feel" aus. Da wird in einer Schmalzballade ziemlich viel zusammengeklöppelt, das auf den ersten Blick nur schwer zueinanderpassen mag. "70er-Schwulst meets OMD meets Beatles". Oder so. Mein Geschmacksdaumen bleibt dabei aber dennoch nach oben gereckt. Die Singleauskopplung "Radio #1" hingegen trifft aber nun gar nicht meinen Geschmack, zu wild zusammengewürfelt wirkt das Ganze.

Und so setzt sich das leider fort. Uninspierierte Vocals treffen auf dahinplätschernde Melodielinien, die Perlen, für die Nicolas Godin und Jean-Benoît Dunckel eigentlich bekannt sind, muss man sich dabei echt herausuchen. "Radian" ist so eine funkelnde Ausnahme. Weltmusikanleihen treffen auf düstere Elektronik, ein nervöser Grundrhythmus gibt die Schlagzahl vor, bis sich alles in die Breite auflöst und den Weg für die gewohnten Air-Spielereien freigibt. Mein Lieblingsstück des Albums! Auch das hyperaktive "Lucky And Unhappy", das wahrhaft giftige "Sex Born Poison" oder das etwas an die frühen Goldfrapp erinnernde schräge "Wonder Milky Bitch" oder der Glam-Hoppler "Don't Be Light" dürfen sich zu den wirklich gelungenen Songs der Platte zählen.

Ansonsten gilt: leider mehr Füllmaterial als früher. Neben bereits erwähntem "Radio #1" fallen auch "People In The City", "Caramel Prisoner" und der Bonustrack "The Way You Look Tonight" in die "durchaus verzichtbar"-Kategorie. Daher muss sich "10.000 Hz Legend" im bandinternen Ranking etwas weiter hinten anstellen, schon blöd, wenn man gleich zu Karrierebeginn so einen Überklopper wie "Moon Safari" auf den Markt geworfen hat...

Bewertung: 3 von 5

Donnerstag, 16. Dezember 2010

CD-Rezensionen (211): Gipsy Kings - Greatest Hits (1994)

(Cover: Amazon.de)

Die ganz großen kommerziellen Erfolge der vielköpfigen Gitans-Truppe sind zwar schon einige Jahre her, die mit diversen außereuropäischen Einflüssen angereicherte Flamenco-Musik der Gitarrenvirtuosen kann aber auch noch heute innerhalb weniger Augenblicke gute Laune, Urlaunsstimmung oder einfach pures Tanzvergnügen vermitteln. Ich tingelte jahrelang als Party-DJ durch die Lande und wenn man dann zu fortgeschrittener Stunde Kracher wie "Baila me" oder "Bamboleo" auflegte, gab es praktisch kein Halten mehr. Da mutiert selbst ein braver deutscher Familienvater schon mal zum feurigen Tanzboden-Torero... 

Zwar geht den Tracks dieser "Best Of"-Kopplung, hintereinander gehört, gelegentlich etwas die Abwechslung ab, dafür schrammeln sich aber die Herren Reyes und Baliardo auf der Mehrzahl der Songs ordentlich die Finger wund. Nur gelegentlich gibt es geradezu liebevoll reduzierte Kleinode wie das anrührende Instrumental "Moorea" zu hören, eine entspannende Pause im doch sonst so dynamisch vorpreschenden Gipsy Kings-Katalog. Und selbst meine Wenigkeit, der der Coverei der persönlichen Lieblingssongs äußerst kritisch gegenübersteht, ist von der Flamenco-Variante des unsterblichen Sinatra-Klassikers "My Way" namens "A Mi Manera (Comme d'habitude)" schwer begeistert!

Gelegentlich geht es sogar regelrecht düster zur Sache. "Un Amor" ist ein etwa dreieinhalbminütiges Stück purer Schwermut und Melancholie und geht arg unter die Haut. Ein in jeglicher Hinsicht außergewöhnliches Stück stellt hingegen "Escucha me" dar. Angetrieben von einem locker-flockigen Reggae-Groove, spielt der Song darüber hinaus mit Bläsersätzen und indischen Sitar-Klängen - eine tolle Mischung! Auch "La quiero" bedient sich mit seinen Steel Drums in eher karibischen Gefilden, "Vamos a Bailar" wildert dafür im argentinischem Tango-Sound.

Insgesamt eine prima Sommermischung auch für kalte Wintertage mit einigen qualitativen Ausreißern nach oben und unten.

Bewertung: 4 von 5 

Montag, 13. Dezember 2010

CD-Rezensionen (210): Digital Orgasm - Appearances Are Deceptive (1992)

(Cover: Amazon.de)

Da beißt die Maus keinen Faden ab, die 90er waren die Dekade der tanzorientierten Musik. Hatten sich bereits etwa ab Mitte der 80er die Dancefloor-Produktionen auf eine kaum noch überschaubare und mit immer neuen Bezeichnungen versehene stilistische Spartenvielfalt aufgesplittet, differenzierte sich das Ganze im Folgejahrzehnt weiter aus. Wo soll man also dieses 1992 erschiene Album von Digital Orgasm, einem der zahlreichen Nebenprojekte des Lords of Acid-Machers Praga Khan, verorten?

Deutlich hörbar hört man der Platte die New Beat-Herkunft seiner Protagonisten an, auch wenn auf "Appearances Are Deceptive" aus allen Branchen munter zusammengemischt wird. Da rumpelt der Opener "Another World" mit seinem Drumloops und wilden Breaks wie The Prodigy zu ihren besten Zeiten, während dem ähnlich beginnenden "Running Out Of Time" ein geradezu simpler Tralala-Refrain im Kommerz-Houserhythmus untergejubelt wird. Ansonsen sehr viele sägende und blubbernde Acid-Klänge, teilweise tanzbar bis zum Exzess. Auf die Dauer geht den Tracks aber deutlich die Abwechslung ab, man ist da schon fast dankbar, wenn einem bei "Switch The Mood" wahre Synthie-Giftpfeile um die Ohren fliegen.

Gelegentlich geht es auch schwer daneben. "Startouchers" paart pure Beliebigkeit mit nichtssagenden Vocals, wirklich einer der Tiefpunkte. So bleibt eine durchwachsene Mischung, ein typisches Nebenprodukt eben. Am ehesten vergleichbar mit dem "White Room"-Album der Pop-Radikalinskis The KLF, freilich ohne jemals dessen Klasse zu erreichen. Anspieltips: "Another World", "Reality" und die an Moments Of Love" von The Art Of Noise erinnernde Hammerballade "Forever And A Day".

Bewertung: 3 von 5

Donnerstag, 9. Dezember 2010

Soundtrack Of My Life (023): George Michael/Wham! - Careless Whisper (1984)

Durch einen nur acht Tage nach meiner Heirat angetretenen neuen Job war es anno 2000 mit einer großangelegten Hochzeitsreise natürlich Essig. Die Frischangetraute und ich holten das dann im Frühjahr 2001 nach, wobei uns die Tour in karibische Gefilde in die Dominikanische Republik führte, damals leider gerade auf dem besten Wege in das tropische Ballermannparadies von heute.

Um nicht völlig im Hotel zu versumpfen, unternahmen wir diverse Ausflüge nach draußen, wobei uns eine Tour an die Südküste in die Nähe von La Romana führte, um mit einem Boot auf die unbewohnte Isla Catalina überzusetzen, ein paar Schnorchelstops inklusive. Die etwa 70 Kilometer lange Anreise zum Hafen überstand die Gattin nicht ohne körperliche Malaisen, Bus fahren (gerade auf herausforderndem Straßenbelag) ist nun wirklich nicht ihre große Stärke. Dementsprechend grün um die Nase ging sie dann an Bord, doch das Schaukeln des Boots machte die Geschichte freilich auch nicht besser, im Gegenteil. Besserung stellte sich erst nach Landgang, dem Essen und der Rücktour ein, die uns noch einen Zwischenstop an einer geradezu traumhaften Sandbank bescherte. Vom Boot wurden diverse hochprozentige Mischgetränke ins etwa 28 Grad warme und sattgrüne Wasser gereicht, dazu die malerische Aussicht ans Ufer und noch die mir vorher nicht bekannte Extended Version von George Michaels (bzw. Wham!, wenn man mal über die etwas komplizierte Entstehungsgeschichte des Songs nachdenkt) Riesenhit "Careless Whisper" im Hintergrund - so stelle ich mir das Paradies vor.

Und so konnte ein mir damals schon seit über 15 Jahren liebgewonnenes Stück noch einmal völlig neue Stärken entfalten. Immer wenn ich etwas Sonnenschein im Gemüt brauche, pfeife ich auf die eigentliche Intention des Texts, werfe Herrn Panayiotou in den Player und schon ist die Wärme da...

Donnerstag, 25. November 2010

CD-Rezensionen (209): H-Blockx - Time To Move (1994)

(Cover: Amazon.de)

Wenn in der laut LivCom-Award "lebenswertesten Stadt der Welt" Münster mal eben so ein Debütalbum aus dem Armel geschüttelt wird, das dem geneigten Hörer ordentlich den Rost aus den Knochen zu pusten weiß, dann ist das schon mehr als nur bemerkenswert. Im beschaulichen Westfalen entstand somit ein echter Crossover-Kracher, der deutlich mehr als nur mehrere Hitsingles mit putzigen Musikvideos aufzubieten hat. Zwar erfanden die Mannen um Henning Wehland das Genre nicht neu, für deutsche Ohren gab es da zuvor aber vergleichsweise wenig zu hören, gleich gar nicht im Lichte einer breiten Medienöffentlichkeit.

Es rumpelt, kracht und scheppert also an allen Enden, dies alles getragen von einem zur körperlicher Aktivität anregenden Beat. Gelegentlich vermeint man diverse Vorbilder um die Ecke schauen zu sehen, wie beispielsweise die Red Hot Chili Peppers bei "Say Baby" (ein wild dazu springender Flea drängt sich da vor meinem inneren Auge förmlich auf), dies ist aber alles andere als pures Epigonentum. Vielmehr liefert man mit "Move" ein wirkliches Brett ab, nicht zu Unrecht als Single ausgewählt. 

Erst bei Track gibt es mit der Ballade "Little Girl" eine kleine Atempause, doch selbst die entfaltet noch ausreichend Druck, um den Gesamteindruck des Albums aufrecht zu erhalten. Sollte trotzdem der unwahrscheinliche Fall eingetreten sein, diesen Song zu schlaff zu finden, wird schon unmittelbar darauf mit "Risin' High" der Puls wieder ordentlich in die Höhe gejagt. Sägende Megaphon-Raps á la Mike D (Beastie Boys) wechseln sich ab mit amtlichem Gitarren-Geknüppel. Sehr fein, das! "Real Love" packt noch mal ordentlich Speed drauf, falls es also jemanden bis dato zu langsam zugegangen sein sollte - bitte sehr, damit kann im Wortsinn schnellstens Abhilfe geschaffen werden, wie auch bei "Go Freaky".

In der Summe gesehen ein erstaunliches Debütalbum, dem - in der Gesamtheit betrachtet - vielleicht ein wenig die Abwechslung abgeht, dies führt aber nur zu minimalen Abstrichen.

Bewertung: 4 von 5

Donnerstag, 18. November 2010

CD-Rezensionen (208): Beck - Loser (MCD) (1994)

(Cover: Amazon.de)

Da von dieser Single-Veröffentlichung diverse Formate mit differierendem Tracklisting existieren, eine Anmerkung vorneweg: Diese Rezension bezieht sich auf die vier Songs enthaltende Veröffentlichung von 1994.

"I'm A Loser Baby, So Why Don't You Kill Me?" Dieses lässig hingerotzte Statement passt wie die Faust aufs Auge für die 1994 mit dem Tod von Kurt Cobain zeitweise völlig gelähmte Grunge- und Alternative-Szene, auch wenn der Song schon im Jahr zuvor in Kleinstauflage bei einem Minilabel erschienen war. Doch erst mit der Wiederauflage beim mächtigen Geffen-Konzern schoss die schräge Nummer auf hohe Chartspositionen (Platz 10 in den USA, immerhin Position 18 in Deutschland). Dabei hat "Loser", bei Lichte besehen, alles andere als Hitpotential. Herr Hansen rappt mit Absicht leicht neben der Spur, alle Instrumente klingen irgendwie verstimmt, der Track schlurft im Zeitlupentempo vor sich hin und der Text ist ist an Abgedrehtheit auch kaum zu überbieten. Aber irgendwie ist die Nummer mit den Sitarklängen in ihrer Schluffigkeit verdammt cool.

In diesem Stile geht es weiter, auch "Totally Confused" klingt wie aus einer Riesen-Marihuanawolke vorgetragen. Ein dominierender Bass plongt nebst unterstützendem Schlagzeug scheinbar ziellos vor sich hin, während Beck damenunterstützt über die Liebe räsoniert. Das hat fast schon Woodstock-Qualitäten! "Corvette Bummer" hingegen läd trotz schaumgebremstem Tempo dank seines lässigen Grooves sogar zum gepflegten Abhotten ein. Sehr genehm, das!

Das wenig schmeichelhafte Statement "MTV Makes Me Want To Smoke Crack" gibt gleichnamigen Song seine Titelzeile - wenn ich mich recht erinnere, war die damals noch hauptsächlich Musik sendende Station so selbstironisch, dies als gelegentlichen Jingle einzuspielen. Der gesamte Song ist eine interessante Soundcollage, die ein wenig planlos beginnt, sich dann aber dann zu einer Las Vegas-Entertainernummer á la "Rat Pack" entwickelt. Ungewöhnlich, aber gut, was für die gesamte Maxi-CD gilt. Knapp 16 Minuten originelle Alternative-Musik!

Bewertung: 4 von 5

Donnerstag, 11. November 2010

Soundtrack Of My Life (022): Kim Wilde - The Second Time (1984)

Ich habe es in dieser Rubrik schon mehrfach erwähnt - als Jugendlicher in der DDR war man nicht eben gesegnet mit Originaltonträgern westlicher Bands und Solisten. Hatte man keine spendable Verwandschaft jenseits der Grenze oder schickte man nicht die reiseberechtigte eigene Oma zum Plattenkauf gen Westen, musste halt das rührige Jugendradio DT64 mit seinen zahlreichen Mitschnittsendungen oder auch das normale Tagesprogramm - welches auch dankenswerterweise die gespielten Songs ohne störendes Reingequatsche der Moderatoren sendete - herhalten. Um so etwas wie Copyright scherte man sich im Funkhaus in der Ostberliner Nalepastraße ohehin wenig bis gar nicht.

Irgendwann im Frühwinter 1984 hockte ich dann mit meinen knapp 13 Jahren auch erstmals bewußt vor dem Radiorecorder, stundenlang auf der Jagd nach Hits und seltenen Stücken. Ich kann mich sogar noch sehr genau an meine ersten Beutestücke jenes kalten Nachmittags erinnern, auch wenn die damals aufgenommene ORWO-Kassette schon längst den Weg alles Irdischen gegangen ist. Ein völlig wilder Stilmix kam da zusammen, "Some Guys Have All The Luck" von Rod Stewart, "Tea In The Sahara" von The Police, "Thank God It's Christmas" von Queen und "Nutbush City Limits" von Ike & Tina Turner. Den Höhepunkt dieses ersten bewußten Musikhörens stellte wohl aber ein absoluter New Wave/New Romantics-Heuler dar, das damals brandneue "The Second Time (Go For It)" der Britin Kim Wilde. Aus heutiger Sicht eine recht schräge Nummer mit all seinen Staccato-Klängen, Miss Wildes dünnem Stimmchen und den fräsendem Synthie-Geplärr. Trotzdem: Schon aus nostalgischen Aufwallungen eine von mir immer wieder gern herausgekramte Nummer.

PS: Über meine damalige lautmalerische Niederschrift der Songtitel im Kassetten-Inlay decken wir an dieser Stelle mal besser den großen dunklen Mantel des Schweigens. Zur Entschuldigung: Mein Englischunterricht in der Schule hatte erst ein Vierteljahr zuvor begonnen...

Samstag, 6. November 2010

CD-Rezensionen (207): Enya - The Memory Of Trees (1995)

(Cover: Amazon.de)

Das Gute an Enya-Alben ist für mich die Tatsache, dass man so herrlich kontrovers darüber diskutieren kann. Wunderschöne Kontinuität oder der in Töne gegossene Stillstand, das Hochhalten irisch-keltischer Traditionen oder mit Klangbombast überzuckerter Edelkitsch - so ganz wird man sich da wohl nie einigen können. Ich gebe zu, dass ich die Erzeugnisse aus dem Hause Bhraonáin/Brennan auch nicht täglich genießen kann, aber bei entsprechender Situation und Gefühlslage gibt es wenig, das mir derart innere Ruhe verschafft.

Auch beim vierten Album geht es aus oben genannten Gründen vertraut zur Sache. Getragenes Tempo, vielfältige Hall- und Soundeffekte plus Enyas gar nicht mal umfangreiche, aber dennoch sehr berührende Stimme, die sowohl englische als auch lateinische und gälische Texte interpretiert, erzeugen einen Film im Kopf, bei dem man buchstäblich ganze Heerscharen von Tolkienschen Fantasy-Gestalten durch abenteuerliche Landschaften wandeln sieht. Herausragend hierbei "Pax Deorum", das mit seinen düsteren Klängen eine bedrohliche Atmosphäre erzeugt. "Anywhere Is" hingegen gelangte durch umfangreichen Radioeinsatz zu Weltruhm (immerhin Platz 7 in den britischen Charts).

Gelegentlich rutscht die Irin aber doch deutlich über die Kitschgrenze ("Hope Has A Place"), zudem ist im Allgemeinen die Gefahr der Verwechselbarkeit einzelner Songs aufgrund der gelegentlich sehr ähnlichen Arrangements groß. Eine echte Ausnahme bietet da "Tea-House Moon" mit seinen asiatisch angehauchten Sounds. Und für Enya-Verhältnisse geradezu fröhlich-optimistisch geht das Album mit "On My Way Home" zu Ende. Insgesamt eine wiederum typische Veröffentlichung, die an schlechtgelaunten Tagen drei, an melancholischen vier Wertungspunkte einfährt.

Bewertung: 4 von 5

Donnerstag, 4. November 2010

"Haste Scheiße am Fuß..." - Part Three!

Langsam mache ich mir über meine Alltagstauglichkeit Sorgen. Ich fühle mich derzeit arg an die Folge der Kult-Sitcom "Eine schrecklich nette Familie" erinnert, in der Bud "Dumpfbacke" Kelly für die Teilnahme an einem TV-Sportquiz brieft. Zum Schluss der Vorbereitung ist Kellys Kopf dann zwar randvoll mit allerlei Sportstatistiken und Athletennamen, für die Speicherkapazität mussten dann aber ein paar Basics im Hirn gelöscht werden. Genauso fühle ich mich seit einigen Tagen auch. Schießt sich eine Einser-Klausur und bekommt dann privat kein Bein mehr auf den Boden. Aber wieder einmal hübsch der Reihe nach.

In den Wochen wie dieser, in der ich mich arbeitstechnisch der Spätschicht widme, gehört es zu meinen Aufgaben, den Junior in den Kindergarten zu bringen. Man steht auf, macht Sohnemann Frühstück und begibt sich dann kurz nach Acht auf den Weg - solange das Wetter noch mitspielt, per Rad. Ich greife mir also heute Rucksack und Helm für den Zwerg, der mir schon stolz wie Bolle draußen die Schuhe zum Anziehen hingestellt hat. Ich ziehe also die Tür hinter mir zu und merke in gleichen Moment, dass der Schlüssel noch steckt - innen! Gleich panisches Kopfkino: Handy dabei? Nö, wozu auch, geh ja nicht auf Weltreise. Fahrrad nicht greifbar, da eingeschlossen und Kindergarten knapp 2 Kilometer weg, also zu weit zu Fuß. Letzter Ausweg: meine Eltern, zumindestens um den Kleinen an seinen Bestimmungsort zu bringen. Macht auch 25 Minuten Fußweg, die Sohnemann aber klaglos und mit Interesse durch die Blättermassen stapfend, absolviert.

Also mit Dad automobile Rundtour, da meine letzte Hoffung den Namen meiner Schwiegermutter trägt, da bei ihr ein Ersatzschlüssel geparkt ist. Aber auf der Arbeitsstelle treffe ich sie nicht an und zu Hause geht weder jemand ans Telefon noch wird die Tür trotz Sturmklingelns aufgemacht. Dabei steht das Auto vor der Tür und eine Jalousie ist noch unten - verdammt!

Nächster Anlauf: Schwägerin. Hat die nicht auch einen? Hmmmm...also raus aufs Land. Auto steht da, Glück gehabt! Der Freund empfängt mich mit "Pssst, Nachtschicht..." Geminsames Suchen in den Schlüsselbeständen - kein Ergebnis. Wieder zurück, wieder Anruf bei der Schwiegermutter - keiner da. Letzte Hoffnung: die Großeltern meiner Frau. Vielleicht steckt SchwieMu ja da? Kurzes Telefonat - negativ. Juniors Urgroßeltern versprechen mir allerdings, sich an der Fahndung zu beteiligen und bekommen irgendwann später die Gesuchte doch noch ans Telefon, die mich dann endlich bei meinen Eltern zurückruft. Also wieder Aufbruch - Zweitschlüssel abholen. Dabei plagt mich immer mehr ein Gedanke. Der Schlüssel steckte doch innen - oder doch nicht? Und falls ja, lässt sich dann der Ersatz überhaupt einstecken und schließen?

Gemeinsam mit meinem Geduldigen Senior stehe ich dann schlussendlich vor meiner Wohnungstür. Der große Moment fällt erwartungsgemäß unerfreulich aus. Der Schlüssel geht zwar ins Schloss, drehen läss er sich allem Ruckeln und Drücken zum Trotz aber nicht. Zudem werden wir misstrauisch von ein paar Möbelpackern beäugt, die im Haus einen Umzug stemmen. Sieht ja auch seltsam aus, wie sich gleich zwei an einem Türschloss zu schaffen machen.

Ich will gerade entnervt die vorher rausgesuchte Nummer des Schüsseldienstes anrufen, als meinem alten Herrn noch eine Idee kommt. "Die Tür ist doch nur rangezogen, nicht zugeschlossen oder?" Ich nicke stumm. "Das macht der Schlüsseldienst auch nur mit so einer Art Karte auf, das probieren wir mal. " Ich überlege noch, welches meiner Plastikteile am ehesten Bruch machen darf und finde im Portemonnaie Gott sei Dank noch eine Payback-Punktekarte, um die es nicht weiter schade wäre. Na, wenn jetzt die Möbelfritzen kommen...

Zwei, drei Rüttler und Stochereien später ist die Tür auf. In meiner Familie tummeln sich schon komische Talente...und ich brauch dringend was mit Ginseng!

Dienstag, 2. November 2010

CD-Rezensionen (206): DJ Bobo - Take Control (MCD) (1993)

(Cover: Amazon.de)

Genau drei Tonträger des umtriebigen Schweizers haben es in meine CD-Bestände geschafft, allesamt durch großzügige Überlassungen meines zum Erscheinungszeitpunkt der Maxi-Singles elfjährigen Bruders. Gelegentlich werden also aus Nostalgiegründen im Familienkreis die drei 93er-Erscheinungen "Somebody Dance With Me", "Keep On Dancing!" und "Take Control" herausgekramt. Was erwartet also nun den geneigten Hörer bei diesem dritten Streich?

"Nur kein Risiko" schien hier die vorherrschende Devise zu sein, denn auch wenn sich der Song durchaus eigenständiger anhört als seine sich wie ein Ei dem anderen gleichenden Vorgänger, gibt es dennoch all den üblichen Zutatenmischmasch der damaligen Eurodance-Ära zu hören. Herr Baumann rappt Knallerzeilen á la "You Take, You Shake, You Break, I'm Not Fake" und eine nicht weiter erwähnenswerte Dame darf im Refrain ebenfalls Lyrics sinnbefreiter Art zum Besten geben. Da muss "Trance" natürlich auf "Dance" folgen - reim Dich oder ich fress Dich!

Diese Höhenflüge mitteleuropäischen Tonschaffens gibt es hier in drei Versionen (Radio Mix, Club Dance Mix und Instrumental), wobei der gestreckte Clubremix einen gewissen trashigen Reiz hat. Richtig dreist allerdings der Bonustrack "Move Your Feet", der einerseits billig aus Schnipseln der anderen Singles wie auch als schamlos geklauten Passagen des Haddaway-Heulers "What Is Love?" aus dem selben Jahr zusammengeschustert wurde. Als Krönung dazu noch ein paar Alltime-Tanzboden-Phrasen wie "Move Your Feet To The Rhythm Of The Beat" oder "Pump Up The Volume" und fertig ist ein Produkt mit aufpappendem Recycling-Siegel.

Nach nicht ganz zwanzig Minuten ist der Spaß zu Ende. Fazit: Musik mit deutlichen Verfallserscheinungen, aber einem nicht unsympathischen Nostalgiefaktor.

Bewertung: 2 von 5

Mittwoch, 27. Oktober 2010

"Haste Scheiße am Fuß..." Reloaded

Heute Nachmittag gegen 15.45 Uhr wähnte ich mich wirklich im falschen Film. Nach all den Pleiten, Pech und Pannen der letzten Tage ereilte mich das nächste Desaster.

Die Vorgeschichte: Nach Nachtschicht und dem anschließenden Schlaf radelte ich zum Kindergarten, um den Junior abzuholen. Auf dem Rückweg kurzer Zwischenstop im Supermarkt um ein paar Kleinigkeiten mitzunehmen. Mein üblicher Wagenchip hing diesmal nicht am Schlüsselbund, sondern befand sich noch in der von mir gestern getragenen Hose. Daher Portemonnaie aus dem Rucksack fischen, Euro rausholen, einschieben, Sohnemann in die Kiste setzen, Geldbörse in die Jacke, ab die Post!

Nach nicht mal 5 Minuten waren alle Sachen erledigt, also Kasse, Zeug rauf auf's Band, Griff in die Jacke - Portemonnaie weg! Hektische Blicke in alle Richtungen - nix. Kassiererin Bescheid geben, Einkäufe wieder vom Band holen, umdrehen und zurück in den Laden stürzen war praktisch eins. Mit zunehmender Verzeiflung alle Regale abgefahren, an denen ich war, keine Spur. Personal gefragt, Leute angehauen - nur Kopfschütteln. Es frage sich jeder ehrlich: wie reagiert man selbst, wenn man was findet?

Das enthaltene Geld war weniger das Poblem, ich schleppe eh nie viel Bares mit mir rum, mehr als 20 Euro waren es daher nicht. Aber erst am Samstag das Handy und jetzt das hier - das war einfach zu viel. Besonders bizarr, dass während ich kurz vor dem Hyperventilieren stand, der Kleine alles für einen großartigen Spaß hielt und demzufolge bester Laune war. Ich rechne mir also demzufolge den zeitlichen und finanziellen Aufwand für die den Ersatz/die Sperrung von Personalausweis, Führerschein, Krankenkassen - und EC-Karte aus, als ich den Laden irgendwann ergebnislos verlasse.  beim Losschließen des Fahrrads spricht mich noch eine ältere Dame an, die das ganze Drama mitbekommen hat. "Es gibt halt keine ehrlichen Menschen mehr" meint sie bedauernd. "Das Geld wird rausgenommen, der Rest fliegt in die nächste Mülltonne - schlimm sowas."

Zu Hause angekommen ziehe ich mir aus dem Netz erst einmal alle Informationen zum Procedere bei Verlust von Dokumenten - herzlichen Glückwunsch aber auch! Ich wappne mich schon für den Bericht an meinen familiären Finanzminister, als es eine Stunde nach geschehen des Ganzen an meiner Tür klingelt. Und das Wunder geschieht. Die nette Dame vom Fahrradständer steht nebst Ehemann vor der Tür und überreicht mir strahlend das Corpus delicti mit vollständigem Inhalt. Es muss mir wohl im Vorraum des Supermarkts im Sichtfeld des dortigen Bäckerstands aus der Jackentasche geflogen sein und gelangte so in die Hände der Lady hinter dem Tresen. Die durchforstete daraufhin die Börse nach einer Telefonnummer (erfolgslos, wir stehen auch nicht mehr im Telefonbuch) und kam wohl mit besagtem Paar ins Gespräch - manchmal ist Smalltalk auch zu etwas Nutze! Die beiden erklärten sich bereit das Fundstück bei mir abzuliefern und weigerten sich dann hartnäckig, auch nur den geringsten Finderlohn von mir anzunehmen. ich bin dann nochmal eine Runde gefahren und hab mich bei allen Beteiligten ausführlich bedankt. Mein Menschenbild ist heute wieder etwas optimistischer geworden, aber dank der andauernden Pechstähne hatte ich selbst bei simplen abendlichen Schnippelarbeiten in der Küche ein ungutes Gefühl. Bei meinem derzeitigen Lauf säge ich mir noch halbe Finger ab...

Dienstag, 26. Oktober 2010

CD-Rezensionen (205): a-ha - East Of The Sun, West Of The Moon (1990)

(Cover: Amazon.de)

Es deutete sich bereits in einigen Stücken des dritten a-ha-Outputs "Stay On These Roads" (1988) an - die drei Norweger investierten hörbar in Bemühungen, sich vom Synthie- und Teenager-Pop-Klang der ersten Alben zu lösen. Wie das nach dem stellenweise noch etwas unentschlossen klingenden Vorgänger konsequent zu einem überzeugenden Endergebnis entwickelt wurde, kann man sehr gut an "East Of The Sun, West Of The Moon" ablesen, auch wenn der Platte kein ganz großer kommerzieller Erfolg mehr beschieden war.

Vielmehr hat man es hier mit einer Mischung aus Jazz ("Early Morning", "I Call Your Name", "The Way We Talk"), erwachsen gewordenem Pop ("Slender Frame", "Rolling Thunder" und ganz toll: "Waiting For Her") oder Blues ("Sycamore Leaves") zu tun, die sich zwar merklich von älteren Songs unterscheidet, deren Qualität dies aber überhaupt keinen Abbruch tut. Im Gegenteil, die neue Ernsthaftigkeit bringt eine ungewohnte, aber sehr wohltuende Klangfarbe mit ins Spiel. Mein Albumfavorit, das traumhaft-düstere "East Of The Sun" wäre im rein synthesizerlastigen Popbereich wirklich verschenkte Liebesmüh.

Die als Singleauskopplung fungierende Coverversion des Everly Brothers-Hits von 1961 "Crying In The Rain" fällt da ob ihrer Radiotauglichkeit fast schon aus dem Rahmen, "Seemingly Nonstop July" verweigert sich etwas einer stilistischen Einordnung und das etwas bemüht auf rockig getrimmte "Cold River" kann nicht wirklich überzeugen. Ansonsten bietet dieses Album nur wenig Angriffspunkte, auch wenn sich der eine oder andere a-ha-Fan damals etwas vor den Kopf gestoßen gefühlt haben mag. Auch bei mir hat "East Of The Sun, West Of The Moon" erst einige Umwege und Jahre benötigt, bis ich es wirklich zu schätzen gelernt habe. Nun möchte ich aber dieses erwachsene Stück Musik nicht mehr missen.

Bewertung: 4 von 5

"Haste Scheiße am Fuß...

...haste Scheiße am Fuß." Ein unsterblicher Spruch von Andreas Brehme. Langsam bin ich geneigt, dem Final-Torschützen von 1990 zuzustimmen, denn nach dem ohnehin verkorksten Wochenende ging es gestern munter in dieser Gangart weiter. Zunächst stand ein Weiterbildungslehrgang in der Firma an. Leider mächtig an der Praxis vorbeiproduziert, denn mit Messsensortechnik arbeiten im Haus allenfalls die Abteilungen Entwicklung und Musterbau, während es sich in der Prüf- und Testsektion der Produktion eher im Bereich der Kontaktmessung abspielt. Und wenn dann noch ein Prof. Dr. der TU Dresden als Dozent loslegt, schlackern dem gemeinen Facharbeiter aber mal so richtig die Ohren...

Wieder zu Hause die nächste Hiobsbotschaft. Das von mir für Ende November belegte Präsenzseminar in Leipzig wird mangels ausreichender Teilnehmermeldungen nicht stattfinden. Ich muss im Laufe der Studienzeit zwei solche Seminare absolvieren und hatte mich über die Tatsache gefreut, dass endlich mal eines in erreichbarer Nähe stattfindet. Aber wie ich schon auf der Studierendenplattform der FernUni mitbekommen habe - allzuviele Ossis sind im Bereich der Politikwissenschaft nicht am Start, so dass ich mich wohl oder übel für diese Seminare auf etwas Reisetätigkeit einstellen muss.

Zu guter Letzt noch ein Reinfall bei einer Hausbesichtigung, da man mit der Anschaffung von Wohneigentum liebäugelt. Nicht zu übersehende Fassadenschäden an einem gerade mal 15 Jahre alten Haus, dazu völlig überzogene Preisvorstellungen und ein (wahrscheinlich durch einen finanziellen Notstand bedingt) sehr aggressiver Alteigentümer - nee, das war auch nix... Es darf sehr schnell sehr viel besser werden, langsam nervt die Situation.

Sonntag, 24. Oktober 2010

Ein mieses Wochenende

"Es gibt Tage, da bleibt man besser im Bett". Dies ist keine besonders neue Weisheit. Aber wenn ich nun auf dieses ausklingende Wochenende zurückschaue, muss ich dem unbekannten Verfasser dieses Satzes sehr recht geben. Gestern wieder 4.45 Uhr aufstehen, um die sechste Frühschicht abzureißen, nach einer kurzen Pause der eigentlich zur Entspannung geplante Besuch eines hier stattfindenden Box-Events mit dem besten Freund. Die sportliche Qualität - gerade des Hauptkampfs - war allenfalls mäßig, zu allem Überfluss bemerkte ich auf dem Heimweg noch den Verlust meines Handys. Die sofortige Umkehr und Suche vor Ort verlief natürlich ergebnislos, das Ding wird sicherlich in den nächsten Tagen bei Ebay auftauchen. Auch wenn das Teil nicht sehr neu war und die SIM-Karte sofort gesperrt wurde, ärgert mich das doch, gerade weil Fotos von Sohnemann drauf sind.

Natürlich hat man an dem Abend ein, zwei (vielleicht auch drei) Bier getrunken, aber muss man deswegen gleich am Tag danach verkatert sein? Früher hat man ganze Nächte durchgefeiert und war trotzdem morgens einigermaßen fit. Man wird wohl wirklich alt... Dummerweise hatte ich meinem alten Herrn noch die Mithilfe bei ein paar Umräum- und Transportarbeiten zugesagt - mit Kopfschmerzen wirklich eine tolle Erfahrung! Dazu scheiterte am Mittag noch die Ersteigerung zweier Bücher im Netz, langsam sollte ich wohl besser mal ins Bett gehen, bevor noch mehr gegen die Wand läuft. Morgen aufgrund einer Weiterbildungsmaßnahme nochmal früh raus - mir reichts!

Freitag, 15. Oktober 2010

CD-Rezensionen (204): Culture Beat - Anything (MCD) (1993)

(Cover: Amazon.de)

Als diese Single als dritte Auskopplung aus dem "Serenity"-Album im Dezember 1993 erschien, war Produzent Torsten Fenslau bedingt durch einen Verkehrsunfall seit etwa einem Monat tot. Man kann diese Maxi mit insgesamt fünf Versionen des Songs (Grosser Club Mix, Introless, Tribal House Mix, Radio Converted, MTV Mix) also durchaus als das musikalische Vermächtnis des zur damaligen Zeit äußerst populären und erfolgreichen DJs und Produzenten betrachten.

Den Auftakt zur "Variation" des Reißbrett-Tracks bietet mit dem "Grossen Club Mix" die bereits beste Interpretation des insgesamt recht durchschnittlichen Eurodance-Stampfers klassischer Bauart. Ein sich langsam und düster aufbauendes Intro leitet die siebeneinhalb Minuten ein, die so alles beinhalten, was damals in der Rezepteküche des ausufernden Genres zu finden war. Abwechselnde männliche Rap- und weibliche Vocalparts, die fixen HiHat-Klänge im Hintergrund und klassischer Beat höherer Schlagzahl. Das bekam man in den Jahren 93/94 derartig oft und nur minimal variiert zu hören, dass einen im Nachhinein der kommerzielle Erfolg (in vorliegendem Fall Platz 4 der deutschen und Position 5 der britischen Charts) doch arg erstaunt. Gerade die Remixe borden nicht eben vor Kreativität über, so ist Track Zwei tatsächlich nur eine des Intros beraubte Version des ersten.

Selbst der recht vielversprechend beginnende "Tribal House Mix" erschöpft sich schon sehr bald im gewohnten Einheitssound, der nur mit ganz leichten Synthiespielereien angereichert wurde. Auch beim Rest ist sieht es nicht wirklich anders aus, so dass man den Eindruck eines knapp halbstündigen Endlostracks hat. Viel verschenktes Potential, schade.

Bewertung: 3 von 5

Dienstag, 12. Oktober 2010

CD-Rezensionen (203): The Cure - Pornography (Deluxe Edition) (1982)

(Cover: Amazon.de)

Es gibt in der Geschichte der populären Musik einige Platten, die man als seelisch labiler Mensch mit etwas Vorsicht genießen sollte. Das 1982er Erzeugnis der Herren Smith, Gallup und Tolhurst gehört mit Sicherheit dazu. Die zu diesem Zeitpunkt schwer drogen- und alkoholgeplagte Band goss hier alles, was die wenig optimistischen frühen 80er Jahre an Hoffnungslosigkeit zu bieten hatten, in ein absolut markerschütterndes Soundgewand, eine Ton gewordene Ausgabe von Goethes "Die Leiden des jungen Werthers" in acht Songs.

Wo soll man anfangen? Mit der die abgrundtiefe Stoßrichtung bereits zu Beginn aufzeigenden Textzeile "It Doesn't Matter If We All Die" beim mit seinen sägenden Gitarrenklängen schwer unter die Haut gehenden "One Hundred Years"? Oder dem wilden Bass/Drums-Duell der Singleauskopplung "The Hanging Garden"? Man taucht mit zunehmender Spieldauer immer tiefer in die Cure'sche Abwärtsspirale ein, Smiths teilweise wie hingeworfen klingende Gitarrenakkorde wirken in ihrer Filigranität wie ein Netz, das sich den Hörer umso tiefer darin verstricken lässt, je energischer er sich daraus zu befreien sucht. Diese hypnotische Wirkung wirkt faszinierend und beunruhigend zugleich, sehr gut beispielsweise beim Track "Siamese Twins" oder dem über sechsminütigen "The Figurehead" zu beobachten.

"A Strange Day" bekam einen grandiosen Chorus spendiert, der gegen die tiefdepressiven Strophen aufzubegehren scheint. Übertroffen noch von "Cold", einer einzigartigen Mischung aus Synthesizer- und Cello-Klängen, Robert Smiths klagendem Gesang und stark schaumgebremsten Drums. Sollte es jemals so etwas wie eine ultimative Wave-Hymne geben - hier ist sie! Mit der verstörenden Soundcollage "Pornography" entrinnt man dem Alptraum mit knapper Not, nicht ohne jedoch den Ratschlag "Find A Sickness, Find A Cure!" hinterhergerufen zu bekommen. Ein schaurig-schöner Höllentrip!

Die Bonus-CD dieser Deluxe Edition widmet sich wie auch schon diejenigen der Vorgängeralben allerlei Raritäten aus dem Demo- und Liveaufnahmenbereich. In ersterem darf "Break" schräg aus den Boxen scheppern, während die ohne Vocals aufgenommenen "Demise" und "Temptation" wie auch "The Figurehead" und "The Hanging Garden" in sehr guter Soundqualität daherkommen. "One Hundred Years" klingt hingegen noch richtig unfertig, eine breit wabernde Synthiefläche drängt die das Albumoriginal prägenden Gitarrensounds deutlich in den Hintergrund, die Drums sind lediglich behelfsmäßig mit einer Sequencer-Linie vertreten. Richtig experimentell geht es hingegen beim 13minütigen "Airlock: The Soundtrack" zur Sache. Ein wild und scheinbar ohne Plan klimperndes Piano, kombiniert mit allerlei Geräuschkulisse und einem ebenfalls eher improvisierten Bass ergeben ein schwerverdauliches, aber nicht uninteressantes Endergebnis.

Sechs Live-Tracks in Bootleg-Qualität (bis auf die scheinbar aus dem Soundboard gezogenen "A Short Time Effect" und "Siamese Twins") geben einen guten Einblick in die Konzertqualitäten der Truppe, bevor das hervorragende Studiodemo "Temptation Two" nach stolzen 115 Minuten Spieldauer einen Schlußpunkt unter dieses Glanzstück einer jeden Musiksammlung setzt. Volle Punktzahl, gar keine Frage!

Bewertung: 5 von 5

Montag, 4. Oktober 2010

Ein gelöstes Rätsel

Vor ein paar Monaten beschrieb ich an dieser Stelle das plötzliche Auftauchen eines geheimnisvollen und meinen Verwandten völlig unbekannten dritten Geschwisterkinds meines 1985 verstorbenen Großvaters. Die letzten Monate nahmen mich zeitmäßig etwas zu arg in Beschlag, um dem ganzen etwas auf die Spur zu gehen und mich im Kirchenarchiv der Gemeinde Zeithain zu vergraben. Heute morgen war es nun endlich soweit. Bewaffnet mit einer Kopien-Wunschliste, die alle mir bekannten Tauf-, Konfirmations-, Heirats- und Sterbedaten meiner Verwandten väterlicherseits umfasste, scheuchte ich die bedauernswerte Mitarbeiterin der Kirchverwaltung zwischen Archivraum und Kopierer hin und her, wobei sich das Scannen der dicken Wälzer als nicht unbedingt leicht von der Hand gehende Tätigkeit erwies, mussten doch zu allem Überfluß die nicht meine Forschung betreffenden Einträge anderer Personen aus Datenschutzgründen abgedeckt werden.

Schlussendlich zog ich dann mit gut zwei Dutzend Blättern und einem gelösten Rätsel wieder von dannen. Denn das Stöbern in den Registern förderte den Fakt zutage, dass meine Urgroßeltern am 20.06. 1913 Eltern eines Minna Margarete genannten Mädchens wurden. Ihr erstgeborenes Kind verstarb nur 10 Monate später, am 28.04. 1914 an einer Bronchitis. Tragisch...

Weitere Forschungsergebnisse der letzten Monate in Kurzform: ich verfüge durch das soziale Netzwerk Facebook zum Einen über einen direkten Kontakt in das heute polnische Dorf meiner Vorfahren, habe von dort von einer die gleiche Gegend beackernde Forscherkollegin aktuelle Fotos des Orts zugespielt bekommen und einen sehr freundlichen Kontakt zu drei Adelsfamilien aufgenommen, die das Gut des Dorfs im Laufe der Jahrzehnte besaßen. Als nächster Anlaufpunkt ist nun das Hauptstaatsarchiv in Dresden dran, wo ich weitere mir helfende Fundstücke vermute. Fortsetzung folgt...

Mittwoch, 29. September 2010

CD-Rezensionen (202): Distain! - Tears Of Joy Remix E.P. (1999)

(Cover: Amazon.de/distain.de)

Für die Remixtätigkeiten zu ihrer 1999er Single "Tears Of Joy" ließen die Augsburger Distain! mit Gareth Jones einen ganz großen Namen der Synthpop-Szene Hand ans Stück legen. Gleich zwei Neuversionen des Titelstücks steuerte der Brite, der teilweise bahnbrechende Alben von Depeche Mode, Erasure, Nick Cave oder den Einstürzenden Neubauten produzierte, für diese EP bei.

Der musikalische Reigen beginnt mit mit dem bandeigenen "Radio Mix", ein gefälliges Stück, das allerdings ohne größere Ecken und Kanten auskommt. Tanzbar und mit griffigem Refrain versehen - da kann man nicht viel falsch machen.

Deutlich tiefer greift hingegen Meister Jones in die Sound- und Effektekiste. Der "Club Mix #1" wummert mit ordentlich Tiefendruck aus den Boxen und verleiht dem Stück einen um Einiges höhere Intensivität, ohne dabei das Tempo großartig anzuheben. Gelegentlich nimmt sich der Track sogar etwas zurück um gleich im Anschluss wieder mit voller Kraft weiterzumachen. Sehr viel zurückhaltender und ganz seinem Namen verpflichtet hingegen der auf ein interessantes Wechselspiel von Drums und Effekten basierende "Chill Out Mix", der zudem einige vertraut erscheinende Sounds aus dem Œuvre Depeche Modes präsentiert. Das gefällt!

Mit "She's Gone" und "No Excuse" gibt es noch zwei Bonustracks obendrauf, wobei ersterer ein etwas angerocktes Stück und zweiterer ein gesanglich stellenweise gewöhnungsbedürftiger Popsong konventioneller Bauart mit sehr schönem Refrain darstellt.

Insgesamt sicherlich kein Meilenstein des Genres, aber ein qualitativ guter Tonträger von etwa achtzehneinhalb Minuten Spieldauer.

Bewertung: 4 von 5

Dienstag, 28. September 2010

Soundtrack Of My Life (021): Icehouse - Hey Little Girl (1983)

Wie ich bereits im letzten Eintrag dieser Rubrik schrieb - der Beginn meiner ernsthaften Beschäftigung mit Musik datiert zurück in das Jahr 1983. In diese Zeit fällt auch der erste Herzschmerz, natürlich eine frühpubertäre Schwärmerei für eine Mitschülerin. Ich erzähle wohl keine wissenschaftlich sensationellen Erkenntnisse, wenn ich erwähne, dass Altersgenossinnen in dieser Lebensphase alles andere als Augen für gleichaltrige Hormonverwirrte haben. Diese bittere Erkenntnis durfte also auch ich machen und was passte dann besser zum Bad im Selbstmitleid als Musik? Kramte man später den bockig-trotzigen "Du wirst schon sehen, was Du davon hast!"-Soundtrack á la "Zu spät" von den Ärzten hervor, fiel die Wahl in der Anfangszeit eher auf die melancholisch-sensible Variante.

Vielleicht täuscht im Rückblick die Erinnerung, aber das von mir immer noch hochverehrte "Hey Little Girl"der australischen Band Icehouse dürfte der erste musikalische Liebeskummerbegleiter meines Lebens gewesen sein. Immer noch zum Wegfließen...

Mittwoch, 22. September 2010

CD-Rezensionen (201): Front 242 - Official Version (1987)

(Cover: Amazon.de)

In der Reihe der 1992 mit neuem Cover-Artwork versehenen Re-Releases der Belgier behandelt "Official Version" Erscheinungen der Jahre 1986 bis 1987. Geboten wird wieder alles was das Herz des der Brachialelektronik zugeneigten Hörers erfreut - stampfende Rhythmen, hypnotischer Gesang und ein gerüttelt Maß an Düsternis.

Eröffnet wird die auf dieser Scheibe enthaltene Stunde vom Siebeneinhalbminüter "W.Y.H.I.W.Y.G.", bester Tanzbodenstoff im von den Stahlkappenschuh-Trägern geliebten "Drei Schritte vor, drei Schritte zurück"-Rhythmus. Gesungen wird dabei kaum sondern der Stampfer beschränkt sich überwiegend auf das effektvolle Einbinden von Samples der verschiedensten Art. Anders sieht das schon bei "Rerun Time" aus, bei dem Jean-Luc De Meyer seine Grabesstimme auspacken darf.

Insgesamt dominieren auf dieser CD die für die erfolgreichste Phase der Truppe typischen Sounds von stakkatohaften Rhythmen und metallisch-rumpelnden Klängen. Exemplarisch hierfür "Masterhit (Part I & II)", das von seinem Gegensatz von geradezu sanft vorgetragenen Vocals und treibend-einschneidender Musik lebt. Man greift bei diesem Tonträger also genau zu etwas Repräsentativem, kann aber trotzdem genug Abwechslung finden, wie beispielsweise beim fast schon balladenhaften "Slaughter", dem giftig flirrenden "Quite Unusual" oder dem von diversen Tempiwechseln geprägten "Red Team". Apokalyptischer Schlußpunkt hingegen "Angst" mit furchteinflößeneden Sprachsamples eines evangelikalen US-TV-Predigers.

Diese Neuveröffentlichung wartet darüber hinaus noch mit vier Bonustracks auf, den 12 Inch-Versionen von "Unusual" und "Aggressiva" sowie zwei "Masterhit"-Remixen, die dem Original noch einmal ganz andere Facetten entlocken. Insgesamt eine feine EBM-Scheibe!

Bewertung: 4 von 5

Dienstag, 21. September 2010

Buch-Rezensionen (201): Gerhard und Christiane Vogel - Blase und Bläschen (1963)

(Cover: Amazon.de)

Für mich war es immer ein Festtag, bei meinen Besuchen meiner Großeltern in den Kinderbüchern meines Vaters und seiner jüngeren Geschwister zu stöbern. Somit fielen mir ein ums andere Mal Erscheinungen aus den frühen 60er Jahren in die Hände, die man heute als Erwachsener als interessante Zeitdokumente der DDR jener Jahre lesen kann, so auch dieses 1963 erschienene Kinderbuch des Schriftstellerehepaars Gerhard und Christiane Vogel.

Erzählt wird die Geschichte der beiden befreundeten Zweitklässler Udo und Werner alias Blase und Bläschen. Diese leben in einem für die Jahre kurz nach der Zwangskollektivierung typischen Dorf der DDR und vertreiben sich die Zeit mit frechen Streichen. In den normalen Alltag platzt im April 1961 die Nachricht über Juri Gagarins ersten Weltraumflug. Der großsprecherische Blase ist sofort Feuer und Flamme und will selbstverständlich auch Kosmonaut werden. Doch erst einmal muss er seinen skeptischen Freund von der Notwendigkeit seiner außergewöhnlichen Trainingsmethoden überzeugen...

Die Euphorie, die gerade den Ostblock nach Gagarins Flug erfasste, kann man heute kaum noch nachvollziehen, ansatzweise ist sie aber in diesem Buch zu erahnen. Somit vermengen sich hier Kinderstreiche nach Art der Lausbubengeschichten mit realem geschichtlichen Hintergrund. Ein gewisser moralischer Zeigefinger ist dabei jederzeit zu bemerken, denn das sozialistische Erziehungsideal wirkt selbstverständlich umgehend auf alle Aktivitäten der beiden Neunjährigen ein. Dies wirkt aus heutiger Sicht etwas fremd, ebenso wie Begriffe und Einrichtungen, die schon zu meiner Kinderzeit - etwa 15 Jahre später - überholt waren, wie die Maschinen- bzw. Reparaturtechnischen Stationen (MTS und RTS) auf dem Land. Auch die im Buch noch zahlreich vorkommenden Maikäfer dürfte heutzutage nur noch selten jemand zu Gesicht bekommen.

Dies alles sollte man bei der Lektüre im Hinterkopf behalten, was aber nicht davon abhalten kann, dass "Blase und Bläschen" auch noch nach fast fünf Jahrzehnten zu unterhalten weiß. 1968 erschien mit "Feuer, Wasser und Wolkenbruch" eine weitere Geschichte um die beiden Jungen.

Bewertung: 4 von 5

Montag, 20. September 2010

DVD-Rezensionen (201): EM-Klassikersammlung, Ausgabe 01 - Viertelfinale (Hinspiel) 1972 England - BR Deutschland (1:3) (2008)

(Cover: Amazon.de)

Analog zu der zwei Jahre zuvor erschienen WM-Klassikersammlung veröffentlichte die "BILD am Sonntag" zusammen mit dem Sammelserien-Spezialisten DeAgostini im Vorfeld der Fußball-Europameisterschaft 2008 eine 40 Ausgaben umfassende Reihe, die große Partien der deutschen Elf bei europäischen Turnieren sowie einige Klassiker ohne deutsche Beteiligung in nicht-chronologischer Reihenfolge enthielt. Allen Scheiben war ein Begleitheft mit weiterführenden Informationen über Vorgeschichte, Hintergründe sowie statistischen Elementen wie Aufstellungen etc. beigefügt.

Der Auftakt der Edition enthält eines der legendenumwobensten Länderspiele der deutschen Fußball-Geschichte. Glücklicherweise räumt das Begleitheft mit so manchem Mythos auf, denn entgegen der existierenden landläufigen Meinung spielte man den Gegner eben nicht an die Wand, wovon weite Teile der zweiten Halbzeit mit wild anstürmenden Engländern zeugen. Dennoch wohnt man einem der besten Partien der DFB-Auswahl bei, nicht umsonst wurde die 72er-Mannschaft, die später auch den Europameistertitel holen sollte, als bestes deutsches Team aller Zeiten bejubelt. Auch wenn solche Vergleiche angesichts der permanenten Weiterentwicklung des Sports freilich hinken - es ist durchaus etwas dran!

Zunächst die bemerkenswerten Fakten: Der erste Sieg in Wembley gegen zu diesem Zeitpunkt seit sieben Jahren auf heimischen Boden ungeschlagene Engländer hat sicherlich eine historische Würdigung verdient. Dazu Günter Netzers bestes Spiel im (hier einmal grünen) Nationaltrikot, Uli Hoeneß und Paul Breitner als jeweils 20jährige Jungspunde oder der damals in der Regionalliga spielende Siggi Held als zweimaliger Tor-Vorbereiter. Trotzdem: sicher war der Sieg trotz der langen Führung nicht. Dem Strafstoß zum 2:1 ging beispielsweise eine krasse Fehlentscheidung des französischen Schiedsrichters Robert Héliès voraus. Zwar wurde Held offensichtlich von Englands "Sportler des Jahrhunderts" Bobby Moore gefoult, dies jedoch so klar vor der Strafraumgrenze, dass man den von Netzer mit viel Glück verwandelten Elfmeter durchaus als Geschenk ansehen kann. Müller machte anschließend mit einem für ihn wahrlich typischen Tor aus der Drehung den Deckel zu.

Vieles an diesem Spiel wirkt aus heutiger Sicht wie aus einer anderen Welt. Das fängt beim für aktuelle Zustände geradezu gemächlichen Spieltempo an, geht über absurde Frisuren- und Trainingsanzugmode bis hin zum Kommentar Werner Schneiders, der praktisch jeden Ballkontakt mit dem entsprechenden Spielernamen begleitet. Dazu noch der damalige EM-Modus mit Hin- und Rückspiel sowie die heute eher albern wirkenden "Deutschland vor, noch ein Tor!"-Sprechchöre von den Rängen - ja, die Zeiten haben sich wirklich geändert...

Dass man mit dieser DVD ein feines Stück Sportgeschichte in den Händen hält, täuscht nicht darüber hinweg, dass die Bildqualität allenfalls mäßig ist. Das Grün des Rasens flimmert unnatürlich und augenmalträtierend, die Digitalisierung des Ausgangsmaterials ist durch die deutlich sichtbaren Artefakte wenig sorgfältig ausgeführt worden. Zudem wird schon bei der ersten Folge der Reihe ein Manko der gesamten EM-Edition offensichtlich: Das die WM-Sammlung so interessant machende zusätzliche Material (Interviews, Vorberichte, Halbzeitanalysen etc.) fehlt hier praktisch auf jeder DVD, auf einigen gibt es geradezu eine böse Überraschung, doch dazu an entsprechender Stelle mehr...

Bewertung: 4 von 5

Freitag, 17. September 2010

Soundtrack Of My Life (020): Dan the Banjo Man - Dan the Banjo Man (1974)

Wenn ich auf die musikalische Begleitung meines bisherigen Lebens zurückschaue, muss ich das in zwei Zeitabschnitte einteilen. Der meine Kindheit prägende Sound der 70er speiste sich hauptsächlich aus im Hintergrund laufender Beschallung aus dem Radio, natürlich ohne zu wissen, wer da genau was singt. Richtig zielgerichtet mit Musik auseinandergesetzt - was mangels in der DDR käuflich zu erwerbender Tonträger gleichbedeutend war mit ganzen Nachmittagen bzw. Nächten am Aufnahmegerät verbrachten "Jagdsessions" - habe ich mich erst um das Jahr 1983.

So ist es bis auf die ganz großen Hits von ABBA & Co. im Nachhinein recht schwer, die mich vor diesem Zeitpunkt prägenden Songs zu rekonstruieren, hat man doch oftmals nicht mehr als eine Melodie in seiner Erinnerung, keine Bilder, keinen Text. Über ein ganz vertracktes Beispiel zerbrach ich mir jahrelang den Kopf. In meinen ersten Monaten im Internet machte ich die Erfahrung, dass es scheinbar für jedes Wissensproblem einen entsprechenden Online-Experten gibt. So auch bei der Suche nach in der Erinnerung hängengebliebenen Songs. Die Frage "Wie heißt das und wer singt es?" war oftmals mit ein paar rudimentär hervorgekramten Textfragmenten von irgend jemandem zu beantworten. Das Problem aber in meinem Fall: Wie beschreibt man ein Instrumentalstück?

Ich stellte die Frage mit einer vagen Beschreibung der Melodie und der Instrumentierung in mehreren Musikforen, ohne jemals das richtige Ergebnis zu erreichen. Die Lösung kam wie so oft durch einen absoluten Zufall. An einem langweiligen TV-Abend mit der an und für sich unsäglichen "ultimativen Chartshow" des Senders RTL zum Thema "One Hit Wonder" glaubte ich meinen Ohren nicht zu trauen. Da war es! Da war es! Insgesamt eine absurde Situation: ein mit "Dan the Banjo Man" obskurer Bandname, dazu ein gleichnamiger Song und als Krönung das Jahr. 1974, da war ich knapp drei und konnte mich an dieses Lied erinnern???

Donnerstag, 16. September 2010

Nachtgedanken (099)

Da ich mich heute wieder einmal des nächtlichen Arbeitens befleißigen muss und werde, habe ich für die letzte Ausgabe vor dem "Jubiläum" etwas zum Thema der dunklen Tageszeit ausgesucht. Autor von "Einsame Nacht" ist der Österreicher Leo Greiner (1876-1928).

Meines Hauses dunkle Giebel
steigen hoch ins Wolkenwehn.
Zauberbrunnen sind die Wände,
drin durch kühle Schattenhände
Eimer auf und niedergehn.

In dem Wechsel alles Schwebens
was bereitet doch die Zeit?
Alle Wandrer jetzt auf Erden
müssen schauernd Zeuge werden
ihrer tiefen Einsamkeit.

Haupt hinauf, wo im Gewölbten
wirkend eins ums andre kreist:
um die Wolken tanzen Sterne,
um die Sterne rollt die Ferne,
um die Ferne fährt der Geist.

In die Wanderschaft der Kreise
blühst du auf aus engem Schmerz:
Du auch wirst ein Ring im Ringe,
alle goldene Saat der Dinge
schließt sich reifend um dein Herz.

Mittwoch, 15. September 2010

CD-Rezensionen (200): Die Ärzte - Die Ärzte (1986)

(Cover: Amazon.de)

Nach dem Rausschmiss ihres Bassisten Sahnie zum Duo geschrumpft, reduzierten Bela B. und Farin Urlaub alias Die Ärzte aus Berlin (aus Berlin!) den Titel ihres dritten Longplayers auf den Bandnamen - eigentlich ein damaliges Stilmittel für Debütalben - wohl auch, um einen Neuanfang zu symbolisieren. Dazu passen die von Starfotograf Jim Rakete recht düster gehaltenen Fotos auf Cover und im Booklet ebenso wie die eher morbide Grundausrichtung der gesamten Platte. Ob Liebeskummer, Vampire oder eher abgründige Seiten der Sexualität - hier war für alles gesorgt, so gründlich, dass sich auch wieder einmal die den Ärzten in herzlicher Abneigung verbundene Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften ins Geschehen einschaltete und den gesamten Tonträger aufgrund des Tracks "Geschwisterliebe" kurzerhand (wie schon beim Vor-Vorgänger "Debil" geschehen) auf den Index setzte.

Musikalisch geben sich die Herren B. und Urlaub wieder einmal die Klinke in die Hand und greifen bei den jeweils geschriebenen Titeln höchstselbst zum Mikrofon (B:: viermal, Urlaub: inklusive des mäßigen Coversongs "Jenseits von Eden" siebenmal), wobei der lange Blondschopf hauptsächlich für den drastisch-bissigen Teil und der damals als Paradewaver auftretende Bela für die dunkle Romantik verantwortlich zeichnet. Mir persönlich haben schon immer die Urlaub'schen Ergüsse mehr gelegen, so auch hier. Die Ärzte bildeten damals ohnehin den perfekten Soundtrack zu einer Jugend (auch, wie in meinem Falle, in der DDR) und demzufolge griff man bei erstem Liebeskummer zielgerichtet zu "Wie am ersten Tag" (der bekennende Beatles-Fan Urlaub bediente sich hier hörbar bei "Don't Bother Me" vom "With The Beatles"-Album) oder "Für immer", ohne bei Letzterem freilich die auslegbare Zweideutigkeit zu begreifen, eine Fähigkeit, die Farin Urlaub bis zur Meisterschaft perfektionierte. Geht man beispielsweise den textlichen Weg von "Zum letzten Mal" zu Ende, landet man gleich beim nächsten Indexkandidaten...

Natürlich ist dies alles schwer mit den heutigen Ärzten zu vergleichen, geradezu schlagermäßig und soft wirken die typischen 80er-Songs im Kontext zum aktuellen Gitarrengeknüppel der Kapelle. Trotzdem sind sich die Herren Doktoren bekanntlich nicht zu schade, das eine oder andere Frühwerk gelegentlich live zum Besten zu geben. Eine äußerst begrüßenswerte Haltung, die sich fürwahr nicht jede altgediente Band zu eigen macht. Aber Selbstironie war schon immer eine ganz große Stärke der Berliner.

"Die Ärzte" ist vielleicht nicht das beste Album aus der Frühphase der Truppe, enthält aber allerhand zu Klassikern avancierte Songs, wie das das Bandmaskottchen einführende "Sweet Sweet Gwendoline", das wohl auch heutigen Emos zusagende "Mysteryland" oder die mich immer noch zu Tränen rührende Nummer "Für immer". Ein deutscher Klassiker!

Bewertung: 4 von 5