Montag, 4. Oktober 2010

Ein gelöstes Rätsel

Vor ein paar Monaten beschrieb ich an dieser Stelle das plötzliche Auftauchen eines geheimnisvollen und meinen Verwandten völlig unbekannten dritten Geschwisterkinds meines 1985 verstorbenen Großvaters. Die letzten Monate nahmen mich zeitmäßig etwas zu arg in Beschlag, um dem ganzen etwas auf die Spur zu gehen und mich im Kirchenarchiv der Gemeinde Zeithain zu vergraben. Heute morgen war es nun endlich soweit. Bewaffnet mit einer Kopien-Wunschliste, die alle mir bekannten Tauf-, Konfirmations-, Heirats- und Sterbedaten meiner Verwandten väterlicherseits umfasste, scheuchte ich die bedauernswerte Mitarbeiterin der Kirchverwaltung zwischen Archivraum und Kopierer hin und her, wobei sich das Scannen der dicken Wälzer als nicht unbedingt leicht von der Hand gehende Tätigkeit erwies, mussten doch zu allem Überfluß die nicht meine Forschung betreffenden Einträge anderer Personen aus Datenschutzgründen abgedeckt werden.

Schlussendlich zog ich dann mit gut zwei Dutzend Blättern und einem gelösten Rätsel wieder von dannen. Denn das Stöbern in den Registern förderte den Fakt zutage, dass meine Urgroßeltern am 20.06. 1913 Eltern eines Minna Margarete genannten Mädchens wurden. Ihr erstgeborenes Kind verstarb nur 10 Monate später, am 28.04. 1914 an einer Bronchitis. Tragisch...

Weitere Forschungsergebnisse der letzten Monate in Kurzform: ich verfüge durch das soziale Netzwerk Facebook zum Einen über einen direkten Kontakt in das heute polnische Dorf meiner Vorfahren, habe von dort von einer die gleiche Gegend beackernde Forscherkollegin aktuelle Fotos des Orts zugespielt bekommen und einen sehr freundlichen Kontakt zu drei Adelsfamilien aufgenommen, die das Gut des Dorfs im Laufe der Jahrzehnte besaßen. Als nächster Anlaufpunkt ist nun das Hauptstaatsarchiv in Dresden dran, wo ich weitere mir helfende Fundstücke vermute. Fortsetzung folgt...

Mittwoch, 29. September 2010

CD-Rezensionen (202): Distain! - Tears Of Joy Remix E.P. (1999)

(Cover: Amazon.de/distain.de)

Für die Remixtätigkeiten zu ihrer 1999er Single "Tears Of Joy" ließen die Augsburger Distain! mit Gareth Jones einen ganz großen Namen der Synthpop-Szene Hand ans Stück legen. Gleich zwei Neuversionen des Titelstücks steuerte der Brite, der teilweise bahnbrechende Alben von Depeche Mode, Erasure, Nick Cave oder den Einstürzenden Neubauten produzierte, für diese EP bei.

Der musikalische Reigen beginnt mit mit dem bandeigenen "Radio Mix", ein gefälliges Stück, das allerdings ohne größere Ecken und Kanten auskommt. Tanzbar und mit griffigem Refrain versehen - da kann man nicht viel falsch machen.

Deutlich tiefer greift hingegen Meister Jones in die Sound- und Effektekiste. Der "Club Mix #1" wummert mit ordentlich Tiefendruck aus den Boxen und verleiht dem Stück einen um Einiges höhere Intensivität, ohne dabei das Tempo großartig anzuheben. Gelegentlich nimmt sich der Track sogar etwas zurück um gleich im Anschluss wieder mit voller Kraft weiterzumachen. Sehr viel zurückhaltender und ganz seinem Namen verpflichtet hingegen der auf ein interessantes Wechselspiel von Drums und Effekten basierende "Chill Out Mix", der zudem einige vertraut erscheinende Sounds aus dem Œuvre Depeche Modes präsentiert. Das gefällt!

Mit "She's Gone" und "No Excuse" gibt es noch zwei Bonustracks obendrauf, wobei ersterer ein etwas angerocktes Stück und zweiterer ein gesanglich stellenweise gewöhnungsbedürftiger Popsong konventioneller Bauart mit sehr schönem Refrain darstellt.

Insgesamt sicherlich kein Meilenstein des Genres, aber ein qualitativ guter Tonträger von etwa achtzehneinhalb Minuten Spieldauer.

Bewertung: 4 von 5

Dienstag, 28. September 2010

Soundtrack Of My Life (021): Icehouse - Hey Little Girl (1983)

Wie ich bereits im letzten Eintrag dieser Rubrik schrieb - der Beginn meiner ernsthaften Beschäftigung mit Musik datiert zurück in das Jahr 1983. In diese Zeit fällt auch der erste Herzschmerz, natürlich eine frühpubertäre Schwärmerei für eine Mitschülerin. Ich erzähle wohl keine wissenschaftlich sensationellen Erkenntnisse, wenn ich erwähne, dass Altersgenossinnen in dieser Lebensphase alles andere als Augen für gleichaltrige Hormonverwirrte haben. Diese bittere Erkenntnis durfte also auch ich machen und was passte dann besser zum Bad im Selbstmitleid als Musik? Kramte man später den bockig-trotzigen "Du wirst schon sehen, was Du davon hast!"-Soundtrack á la "Zu spät" von den Ärzten hervor, fiel die Wahl in der Anfangszeit eher auf die melancholisch-sensible Variante.

Vielleicht täuscht im Rückblick die Erinnerung, aber das von mir immer noch hochverehrte "Hey Little Girl"der australischen Band Icehouse dürfte der erste musikalische Liebeskummerbegleiter meines Lebens gewesen sein. Immer noch zum Wegfließen...

Mittwoch, 22. September 2010

CD-Rezensionen (201): Front 242 - Official Version (1987)

(Cover: Amazon.de)

In der Reihe der 1992 mit neuem Cover-Artwork versehenen Re-Releases der Belgier behandelt "Official Version" Erscheinungen der Jahre 1986 bis 1987. Geboten wird wieder alles was das Herz des der Brachialelektronik zugeneigten Hörers erfreut - stampfende Rhythmen, hypnotischer Gesang und ein gerüttelt Maß an Düsternis.

Eröffnet wird die auf dieser Scheibe enthaltene Stunde vom Siebeneinhalbminüter "W.Y.H.I.W.Y.G.", bester Tanzbodenstoff im von den Stahlkappenschuh-Trägern geliebten "Drei Schritte vor, drei Schritte zurück"-Rhythmus. Gesungen wird dabei kaum sondern der Stampfer beschränkt sich überwiegend auf das effektvolle Einbinden von Samples der verschiedensten Art. Anders sieht das schon bei "Rerun Time" aus, bei dem Jean-Luc De Meyer seine Grabesstimme auspacken darf.

Insgesamt dominieren auf dieser CD die für die erfolgreichste Phase der Truppe typischen Sounds von stakkatohaften Rhythmen und metallisch-rumpelnden Klängen. Exemplarisch hierfür "Masterhit (Part I & II)", das von seinem Gegensatz von geradezu sanft vorgetragenen Vocals und treibend-einschneidender Musik lebt. Man greift bei diesem Tonträger also genau zu etwas Repräsentativem, kann aber trotzdem genug Abwechslung finden, wie beispielsweise beim fast schon balladenhaften "Slaughter", dem giftig flirrenden "Quite Unusual" oder dem von diversen Tempiwechseln geprägten "Red Team". Apokalyptischer Schlußpunkt hingegen "Angst" mit furchteinflößeneden Sprachsamples eines evangelikalen US-TV-Predigers.

Diese Neuveröffentlichung wartet darüber hinaus noch mit vier Bonustracks auf, den 12 Inch-Versionen von "Unusual" und "Aggressiva" sowie zwei "Masterhit"-Remixen, die dem Original noch einmal ganz andere Facetten entlocken. Insgesamt eine feine EBM-Scheibe!

Bewertung: 4 von 5

Dienstag, 21. September 2010

Buch-Rezensionen (201): Gerhard und Christiane Vogel - Blase und Bläschen (1963)

(Cover: Amazon.de)

Für mich war es immer ein Festtag, bei meinen Besuchen meiner Großeltern in den Kinderbüchern meines Vaters und seiner jüngeren Geschwister zu stöbern. Somit fielen mir ein ums andere Mal Erscheinungen aus den frühen 60er Jahren in die Hände, die man heute als Erwachsener als interessante Zeitdokumente der DDR jener Jahre lesen kann, so auch dieses 1963 erschienene Kinderbuch des Schriftstellerehepaars Gerhard und Christiane Vogel.

Erzählt wird die Geschichte der beiden befreundeten Zweitklässler Udo und Werner alias Blase und Bläschen. Diese leben in einem für die Jahre kurz nach der Zwangskollektivierung typischen Dorf der DDR und vertreiben sich die Zeit mit frechen Streichen. In den normalen Alltag platzt im April 1961 die Nachricht über Juri Gagarins ersten Weltraumflug. Der großsprecherische Blase ist sofort Feuer und Flamme und will selbstverständlich auch Kosmonaut werden. Doch erst einmal muss er seinen skeptischen Freund von der Notwendigkeit seiner außergewöhnlichen Trainingsmethoden überzeugen...

Die Euphorie, die gerade den Ostblock nach Gagarins Flug erfasste, kann man heute kaum noch nachvollziehen, ansatzweise ist sie aber in diesem Buch zu erahnen. Somit vermengen sich hier Kinderstreiche nach Art der Lausbubengeschichten mit realem geschichtlichen Hintergrund. Ein gewisser moralischer Zeigefinger ist dabei jederzeit zu bemerken, denn das sozialistische Erziehungsideal wirkt selbstverständlich umgehend auf alle Aktivitäten der beiden Neunjährigen ein. Dies wirkt aus heutiger Sicht etwas fremd, ebenso wie Begriffe und Einrichtungen, die schon zu meiner Kinderzeit - etwa 15 Jahre später - überholt waren, wie die Maschinen- bzw. Reparaturtechnischen Stationen (MTS und RTS) auf dem Land. Auch die im Buch noch zahlreich vorkommenden Maikäfer dürfte heutzutage nur noch selten jemand zu Gesicht bekommen.

Dies alles sollte man bei der Lektüre im Hinterkopf behalten, was aber nicht davon abhalten kann, dass "Blase und Bläschen" auch noch nach fast fünf Jahrzehnten zu unterhalten weiß. 1968 erschien mit "Feuer, Wasser und Wolkenbruch" eine weitere Geschichte um die beiden Jungen.

Bewertung: 4 von 5

Montag, 20. September 2010

DVD-Rezensionen (201): EM-Klassikersammlung, Ausgabe 01 - Viertelfinale (Hinspiel) 1972 England - BR Deutschland (1:3) (2008)

(Cover: Amazon.de)

Analog zu der zwei Jahre zuvor erschienen WM-Klassikersammlung veröffentlichte die "BILD am Sonntag" zusammen mit dem Sammelserien-Spezialisten DeAgostini im Vorfeld der Fußball-Europameisterschaft 2008 eine 40 Ausgaben umfassende Reihe, die große Partien der deutschen Elf bei europäischen Turnieren sowie einige Klassiker ohne deutsche Beteiligung in nicht-chronologischer Reihenfolge enthielt. Allen Scheiben war ein Begleitheft mit weiterführenden Informationen über Vorgeschichte, Hintergründe sowie statistischen Elementen wie Aufstellungen etc. beigefügt.

Der Auftakt der Edition enthält eines der legendenumwobensten Länderspiele der deutschen Fußball-Geschichte. Glücklicherweise räumt das Begleitheft mit so manchem Mythos auf, denn entgegen der existierenden landläufigen Meinung spielte man den Gegner eben nicht an die Wand, wovon weite Teile der zweiten Halbzeit mit wild anstürmenden Engländern zeugen. Dennoch wohnt man einem der besten Partien der DFB-Auswahl bei, nicht umsonst wurde die 72er-Mannschaft, die später auch den Europameistertitel holen sollte, als bestes deutsches Team aller Zeiten bejubelt. Auch wenn solche Vergleiche angesichts der permanenten Weiterentwicklung des Sports freilich hinken - es ist durchaus etwas dran!

Zunächst die bemerkenswerten Fakten: Der erste Sieg in Wembley gegen zu diesem Zeitpunkt seit sieben Jahren auf heimischen Boden ungeschlagene Engländer hat sicherlich eine historische Würdigung verdient. Dazu Günter Netzers bestes Spiel im (hier einmal grünen) Nationaltrikot, Uli Hoeneß und Paul Breitner als jeweils 20jährige Jungspunde oder der damals in der Regionalliga spielende Siggi Held als zweimaliger Tor-Vorbereiter. Trotzdem: sicher war der Sieg trotz der langen Führung nicht. Dem Strafstoß zum 2:1 ging beispielsweise eine krasse Fehlentscheidung des französischen Schiedsrichters Robert Héliès voraus. Zwar wurde Held offensichtlich von Englands "Sportler des Jahrhunderts" Bobby Moore gefoult, dies jedoch so klar vor der Strafraumgrenze, dass man den von Netzer mit viel Glück verwandelten Elfmeter durchaus als Geschenk ansehen kann. Müller machte anschließend mit einem für ihn wahrlich typischen Tor aus der Drehung den Deckel zu.

Vieles an diesem Spiel wirkt aus heutiger Sicht wie aus einer anderen Welt. Das fängt beim für aktuelle Zustände geradezu gemächlichen Spieltempo an, geht über absurde Frisuren- und Trainingsanzugmode bis hin zum Kommentar Werner Schneiders, der praktisch jeden Ballkontakt mit dem entsprechenden Spielernamen begleitet. Dazu noch der damalige EM-Modus mit Hin- und Rückspiel sowie die heute eher albern wirkenden "Deutschland vor, noch ein Tor!"-Sprechchöre von den Rängen - ja, die Zeiten haben sich wirklich geändert...

Dass man mit dieser DVD ein feines Stück Sportgeschichte in den Händen hält, täuscht nicht darüber hinweg, dass die Bildqualität allenfalls mäßig ist. Das Grün des Rasens flimmert unnatürlich und augenmalträtierend, die Digitalisierung des Ausgangsmaterials ist durch die deutlich sichtbaren Artefakte wenig sorgfältig ausgeführt worden. Zudem wird schon bei der ersten Folge der Reihe ein Manko der gesamten EM-Edition offensichtlich: Das die WM-Sammlung so interessant machende zusätzliche Material (Interviews, Vorberichte, Halbzeitanalysen etc.) fehlt hier praktisch auf jeder DVD, auf einigen gibt es geradezu eine böse Überraschung, doch dazu an entsprechender Stelle mehr...

Bewertung: 4 von 5

Freitag, 17. September 2010

Soundtrack Of My Life (020): Dan the Banjo Man - Dan the Banjo Man (1974)

Wenn ich auf die musikalische Begleitung meines bisherigen Lebens zurückschaue, muss ich das in zwei Zeitabschnitte einteilen. Der meine Kindheit prägende Sound der 70er speiste sich hauptsächlich aus im Hintergrund laufender Beschallung aus dem Radio, natürlich ohne zu wissen, wer da genau was singt. Richtig zielgerichtet mit Musik auseinandergesetzt - was mangels in der DDR käuflich zu erwerbender Tonträger gleichbedeutend war mit ganzen Nachmittagen bzw. Nächten am Aufnahmegerät verbrachten "Jagdsessions" - habe ich mich erst um das Jahr 1983.

So ist es bis auf die ganz großen Hits von ABBA & Co. im Nachhinein recht schwer, die mich vor diesem Zeitpunkt prägenden Songs zu rekonstruieren, hat man doch oftmals nicht mehr als eine Melodie in seiner Erinnerung, keine Bilder, keinen Text. Über ein ganz vertracktes Beispiel zerbrach ich mir jahrelang den Kopf. In meinen ersten Monaten im Internet machte ich die Erfahrung, dass es scheinbar für jedes Wissensproblem einen entsprechenden Online-Experten gibt. So auch bei der Suche nach in der Erinnerung hängengebliebenen Songs. Die Frage "Wie heißt das und wer singt es?" war oftmals mit ein paar rudimentär hervorgekramten Textfragmenten von irgend jemandem zu beantworten. Das Problem aber in meinem Fall: Wie beschreibt man ein Instrumentalstück?

Ich stellte die Frage mit einer vagen Beschreibung der Melodie und der Instrumentierung in mehreren Musikforen, ohne jemals das richtige Ergebnis zu erreichen. Die Lösung kam wie so oft durch einen absoluten Zufall. An einem langweiligen TV-Abend mit der an und für sich unsäglichen "ultimativen Chartshow" des Senders RTL zum Thema "One Hit Wonder" glaubte ich meinen Ohren nicht zu trauen. Da war es! Da war es! Insgesamt eine absurde Situation: ein mit "Dan the Banjo Man" obskurer Bandname, dazu ein gleichnamiger Song und als Krönung das Jahr. 1974, da war ich knapp drei und konnte mich an dieses Lied erinnern???

Donnerstag, 16. September 2010

Nachtgedanken (099)

Da ich mich heute wieder einmal des nächtlichen Arbeitens befleißigen muss und werde, habe ich für die letzte Ausgabe vor dem "Jubiläum" etwas zum Thema der dunklen Tageszeit ausgesucht. Autor von "Einsame Nacht" ist der Österreicher Leo Greiner (1876-1928).

Meines Hauses dunkle Giebel
steigen hoch ins Wolkenwehn.
Zauberbrunnen sind die Wände,
drin durch kühle Schattenhände
Eimer auf und niedergehn.

In dem Wechsel alles Schwebens
was bereitet doch die Zeit?
Alle Wandrer jetzt auf Erden
müssen schauernd Zeuge werden
ihrer tiefen Einsamkeit.

Haupt hinauf, wo im Gewölbten
wirkend eins ums andre kreist:
um die Wolken tanzen Sterne,
um die Sterne rollt die Ferne,
um die Ferne fährt der Geist.

In die Wanderschaft der Kreise
blühst du auf aus engem Schmerz:
Du auch wirst ein Ring im Ringe,
alle goldene Saat der Dinge
schließt sich reifend um dein Herz.

Mittwoch, 15. September 2010

CD-Rezensionen (200): Die Ärzte - Die Ärzte (1986)

(Cover: Amazon.de)

Nach dem Rausschmiss ihres Bassisten Sahnie zum Duo geschrumpft, reduzierten Bela B. und Farin Urlaub alias Die Ärzte aus Berlin (aus Berlin!) den Titel ihres dritten Longplayers auf den Bandnamen - eigentlich ein damaliges Stilmittel für Debütalben - wohl auch, um einen Neuanfang zu symbolisieren. Dazu passen die von Starfotograf Jim Rakete recht düster gehaltenen Fotos auf Cover und im Booklet ebenso wie die eher morbide Grundausrichtung der gesamten Platte. Ob Liebeskummer, Vampire oder eher abgründige Seiten der Sexualität - hier war für alles gesorgt, so gründlich, dass sich auch wieder einmal die den Ärzten in herzlicher Abneigung verbundene Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften ins Geschehen einschaltete und den gesamten Tonträger aufgrund des Tracks "Geschwisterliebe" kurzerhand (wie schon beim Vor-Vorgänger "Debil" geschehen) auf den Index setzte.

Musikalisch geben sich die Herren B. und Urlaub wieder einmal die Klinke in die Hand und greifen bei den jeweils geschriebenen Titeln höchstselbst zum Mikrofon (B:: viermal, Urlaub: inklusive des mäßigen Coversongs "Jenseits von Eden" siebenmal), wobei der lange Blondschopf hauptsächlich für den drastisch-bissigen Teil und der damals als Paradewaver auftretende Bela für die dunkle Romantik verantwortlich zeichnet. Mir persönlich haben schon immer die Urlaub'schen Ergüsse mehr gelegen, so auch hier. Die Ärzte bildeten damals ohnehin den perfekten Soundtrack zu einer Jugend (auch, wie in meinem Falle, in der DDR) und demzufolge griff man bei erstem Liebeskummer zielgerichtet zu "Wie am ersten Tag" (der bekennende Beatles-Fan Urlaub bediente sich hier hörbar bei "Don't Bother Me" vom "With The Beatles"-Album) oder "Für immer", ohne bei Letzterem freilich die auslegbare Zweideutigkeit zu begreifen, eine Fähigkeit, die Farin Urlaub bis zur Meisterschaft perfektionierte. Geht man beispielsweise den textlichen Weg von "Zum letzten Mal" zu Ende, landet man gleich beim nächsten Indexkandidaten...

Natürlich ist dies alles schwer mit den heutigen Ärzten zu vergleichen, geradezu schlagermäßig und soft wirken die typischen 80er-Songs im Kontext zum aktuellen Gitarrengeknüppel der Kapelle. Trotzdem sind sich die Herren Doktoren bekanntlich nicht zu schade, das eine oder andere Frühwerk gelegentlich live zum Besten zu geben. Eine äußerst begrüßenswerte Haltung, die sich fürwahr nicht jede altgediente Band zu eigen macht. Aber Selbstironie war schon immer eine ganz große Stärke der Berliner.

"Die Ärzte" ist vielleicht nicht das beste Album aus der Frühphase der Truppe, enthält aber allerhand zu Klassikern avancierte Songs, wie das das Bandmaskottchen einführende "Sweet Sweet Gwendoline", das wohl auch heutigen Emos zusagende "Mysteryland" oder die mich immer noch zu Tränen rührende Nummer "Für immer". Ein deutscher Klassiker!

Bewertung: 4 von 5

Dienstag, 14. September 2010

Nachtgedanken (098)

Das Schöne an meinen literarischen Streifzügen für diese Rubrik ist das immer neue Finden von Aussagen, die einem selbst in irgendeiner Form wichtig oder zutreffend erscheinen. So ging es mir auch wieder dieses Mal, als ich auf das Gedicht "Der Spruch" des im Ersten Weltkrieg gefallenen Ernst Stadler (1883-1914) stieß.

In einem alten Buche stieß ich auf ein Wort,
Das traf mich wie ein Schlag und brennt durch meine Tage fort:
Und wenn ich mich an trübe Lust vergeb,
Schein, Lug und Trug zu mir anstatt des Wesens hebe,
Wenn ich gefällig mich mit raschem Sinn belüge,
Als wäre Dunkles klar, als wenn nicht Leben tausend wild verschlossne Tor trüge,
Und Worte wieder spreche, deren Weite nie ich ausgefühlt,
Und Dinge fasse, deren Sein mich niemals aufgewühlt,
Wenn mich willkommner Traum mit Sammethänden streicht,
Und Tag und Wirklichkeit von mir entweicht,
Der Welt entfremdet, fremd dem tiefsten Ich,
Dann steht das Wort mir auf: Mensch, werde wesentlich!

Montag, 13. September 2010

Buch-Rezensionen (200): Thomas Bernhard - Der Untergeher (1983)

(Cover: Amazon.de)

An und für sich bilde ich mir ein, auch gegenüber anspruchsvoller und nicht en passant zu konsumierender Literatur aufgeschlossen zu sein. Gerade die Bibliothek der Süddeutschen Zeitung hat diesbezüglich einige Herausforderungen in petto. Dennoch kam ich nicht umhin, mich nach der anstrengenden Lektüre des fünften Buchs der Edition aus der Feder des 1989 verstorbenen Österreichers Thomas Bernhard zu fragen: "Was war das jetzt?"

Zunächst die Fakten: Das 1983 erschienene Buch ist ein Monolog eines namenlos bleibenden Ich-Erzählers über die zunehmende Sinnlosigkeit seines Lebens und das des befreundeten Wertheim, beide Konzertpianisten und angesichts der virtuosen Genialität des ehemaligen Mitstudenten am Salzburger Mozarteum, Glenn Gould, von schweren Zweifeln bis hin zu Suizidgedanken gequält.

Dies klingt gar nicht mal uninteressant, insbesondere die Verquickung zwischen fiktiven und historischen Personen wie Gould oder Vladimir Horowitz und deren Einbindung in einen Kontext, der den realen Personen einen frei erfundenen Lebenslauf zuweist, ist von einer gewissen Genialität geprägt. Allerdings gebe ich auch gerne zu, dass mich Bernhards sprachliche Umsetzung fast an den Rand des Wahnsinns getrieben hat. Dass das gesamte Buch mit gerade einmal vier Absätzen (von denen drei die ersten drei Zeilen bilden) auskommt, ordne ich noch in die Rubrik "verschrobenes Stilmittel" ein. Aber die endlosen Wiederholungen von "dachte ich" "dachte er", "sagte ich", "sagte er" in ewig langen Schachtelsätzen zauberte mir diverse Knoten in die Gehirnwindungen. Scheinbar ließ sich Sven Regener von diesem Buch zu den sehr ähnlich klingenden Absätzen in "Herr Lehmann" inspirieren.

In einem Buch muss nicht zwangsläufig viel passieren, um es spannend und interessant zu gestalten. Aber "Der Untergeher" hat mich stellenweise echt in die Knie gezwungen. Scheinbar bin ich der Höhenkammliteratur nicht in jedem Fall gewachsen. Ich versuche diesen subjektiv gesehenen Totalausfall der SZ-Bibliothek mit Humor zu nehmen und zitiere aus einer Sternstunde des deutschen Fernsehens: "Aber es muss doch wohl erlaubt sein, ähm, zu sagen ich kann damit nichts anfangen. Deswegen müssen Sie doch nicht sagen, ähm, dass ich also weniger intellektuell bin als andere Leute. ... Und das Lamm schrie: Hurz!!!"

Ein Extrapunkt für die Herausforderung.

Bewertung: 2 von 5

Bärbel Bohley & Claude Chabrol †

(Foto: faz.net)

Durch den ganzen Studiumstrubel der letzten Tage muss ich an dieser Stelle noch zwei Todesfälle nachtragen. Dies betrifft zum einen die DDR-Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley, die erst in den Wendetagen als Mitinitiatorin des "Neuen Forums" in meinen persönlichen Focus rückte. Wenn man das Anliegen der damaligen Aktivisten mit den dann tatsächlich erfolgten geschichtlichen Entwicklungen vergleicht, kann man schon verstehen, dass Frau Bohley sich aus der Öffentlichkeit zurückzog und sich unter anderem auf dem Balkan engagierte. Am 11.09. ist die Malerin im Alter von 65 Jahren einem Lungenkrebsleiden erlegen.

(Foto: SPIEGEL.de)

Einen Tag später verstarb im Alter von 80 Jahren einer der wohl wichtigsten europäischen Regisseure der letzten Jahrzehnte und einflussreiche Vertreter der Nouvelle Vague, der Franzose Claude Chabrol. Ich müsste mal wieder ein wenig in den alten Filmen kramen...

Freitag, 10. September 2010

Klausurnachbetrachtung

Gestern habe ich also mit der das Semester abschließenden Klausur meine erste schriftliche Prüfung seit stolzen 16 Jahren absolviert. Auch wenn das Ergebnis noch mehrere Wochen auf sich warten lassen wird - ich habe ein gutes Gefühl. 20 Fragen waren zu beantworten, von denen mich nur eine (mit 5 von insgesamt 100 zu erreichenden Punkten bewertete) vor ernsthafte Probleme stellte. Einen Notentip wage ich nicht, aber dass ich die zum Bestehen nötigen 38 Punkte erreicht habe, halte ich für sicher. Nun also wieder fein geduldig sein...

Freitag, 3. September 2010

Nachtgedanken (097)

Die nächste Woche hält mit meiner das zweite Semester abschließenden Klausur die erste schriftliche Prüfung nach 16 Jahren für mich bereit. Das Kribbeln im Magen hat schon angefangen, ich bemüh mich jedenfalls, die Aufregung (und sicherlich auch etwas Angst) in den Griff zu bekommen. Vielleicht sollte ich mal bei August Karl Silberstein (1827-1900) nachschlagen...

Ich nehm' es leicht,
Ob Schweres auch zu tragen!
Halb ist erreicht
Ein Ziel durch frohes Wagen.
Wer wird erst stehn und zagen,
Die Frische weicht.
Ob Schweres auch zu tragen,
Ich nehm' es leicht!

Ich nehm' es leicht,
Wie auch die Lose fallen!
Die Zeit verstreicht
Zu rasch ja mit uns allen ...
In Hütten wie in Hallen
Die Locke bleicht;
Wie auch die Lose fallen
Ich nehm' es leicht!

Donnerstag, 2. September 2010

DVD-Rezensionen (200): Kinski Paganini (1989)

(Cover: Amazon.de)

Ich gebe zu, dass mich Klaus Kinskis letzter Film etwas ratlos zurückgelassen hat. Etwa Mitte der 90er hatte ich das zugehörige, die teils unter chaotischen Umständen verlaufenen Dreharbeiten schildernde Buch gelesen und im Anschluss erwartet, es mit einem der wohl größten Meisterwerke der Kinogeschichte zu tun zu haben. Nachdem der Film über lange Zeit nirgendwo zu sehen oder erhältlich war, schlug ich als Kinski-Fan bei Erscheinen der Box natürlich sofort zu, um "Kinski Paganini" als persönliche DVD-Premiere zu erleben. Greifen wir einmal vor: Ich hatte Anderes, Größeres, erwartet.

Kinski ist zeit seines Lebens vorgeworfen worden, überwiegend sich selbst gespielt zu haben. Hier treibt er es aber von sich aus auf die Spitze, in dem er schon im Vorfeld eine mentale Verbindung und Seelenverwandschaft mit dem weltberühmten Violinisten Niccolò Paganini (1782-1840) herstellte, sich sogar als eine Art Reinkarnation des legendären Musikers inszenierte, ähnlich wie in seiner frühren Rolle als moderner François Villon. Auch wenn Einiges am Leben Paganinis nach wie vor ungeklärt sein mag, lässt sich eine scheinbare Ähnlichkeit im Charakter beider Ausnahmekünstler sicherlich nicht leugnen.

Dieses Projekt beschäftigte Kinski also seit Jahren, die Realisation scheiterte aber immer wieder an Finanzierungsproblemen und Kinskis Willen, den Film ganz nach seinen Vorstellungen zu gestalten. Werner Herzog lehnte bekanntlich ab, Regie zu führen, da er nach eigener Aussage Kinskis Drehbuch "für unverfilmbar hielt". Was nun schlussendlich herauskam, als der Schauspieler alles in seine Hände nahm, kann man auf dieser DVD in zwei Versionen besichtigen, einmal in einer vom verzweifelten Verleih umgeschnittenen und gekürzten Fassung in besserer Bildqualität und einmal in der Kinskis Vorstellung entsprechenden "Versione originale", deutlich rüder und teilweise mit pornographischen Elementen ausgestattet. Überzeugt haben mich beide nicht wirklich.

Dass Kinski auf Dinge wie eine halbwegs schlüssige Handlung und jegliche künstliche Ausleuchtung der Szenen verzichtete - geschenkt. So mancher Arthaus-Film hat mit ähnlichen Attributen beeindrucken können. Und auch die eigentliche Idee des Films, Paganini als einen von der Musik und den Frauen besessenen Getriebenen zu zeichnen, ist vom Ansatz her überhaupt nicht verkehrt. Schlimmer macht es eigentlich die pure Ideenlosigkeit in den einzelnen Szenen, die sich zum Teil komplett ereignislos dahindehnen. Es verwundert nicht, dass für diesen Film geradezu aberwitzige Mengen an Material belichtet wurden.

Trotzdem besitzt "Kinski Paganini" auch seine starken Momente, selbst wenn dies gelegentlich recht simplen filmischen Mitteln wie Zeitlupeneinstellungen geschuldet ist. Ein allein über eine Piazza wandelnder Kinski, dessen suchend-wissender Blick über die ihn umgebenden Personen wandert - das hat schon was! Da vergisst man auch die doch recht überschaubaren darstellerischen Qualitäten Kinskis damaliger Geliebter Debora Caprioglio als Antonia Bianchi. Sein Sohn Nikolai in seiner ersten Filmrolle hingegen macht seine Sache sehr gut, wie auch in den gemeinsamen Szenen auffällt, wie liebevoll der sonst als Berserker verschrieene Mime mit seinem Kind umgeht. Diese von geradezu abgöttischer Zuneigung geprägte Beziehung ist mir auch schon in Kinskis Lebenserinnerungen aufgefallen und wird durch das gemeinsame Spiel mehr als bestätigt.

Sehr gelungen ist die Aufmachung der Doppel-DVD. Neben den beiden Filmversionen finden sich darauf nicht verwendete Szenen, ein ausführliches "Making Of", sowie Bildergalerien, Trailer, Interviews und Kinskis legendäre Kurz-Pressekonferenz in Cannes, bei der er sich in der ihm eigenen Art über die Nichtzulassung seines Films beim dortigen Festival erregt. So mag ich das!

"Kinski Paganini" wird entweder abgöttisch geliebt oder grundlegend abgelehnt. Ich möchte mich dennoch irgendwo in der Mitte einreihen, da ich diversen Passagen des Films sehr wohl etwas abgewinnen kann. Ich würde zum Anschauen der "Versione originale" raten, da diese viel mehr den ungezügelten und authentischen Klaus Kinski zeigt als die geschnittene Fassung. Dennoch treibt mich nun schon lange eine Frage um: Was hätte Werner Herzog gemeinsam mit Kinski aus dem Stoff gemacht?

Bewertung: 3 von 5

Mittwoch, 1. September 2010

CD-Rezensionen (199): DJ Bobo - Keep On Dancing! (MCD) (1993)

(Cover: Amazon.de)

Die Nachfolgesingle des Schweizers zum den europaweiten Durchbruch bedeutenden Hit "Somebody Dance With Me" ist ein einziges Déjà-vu. Nicht nur dass sich beide (äußerst uninspiriert wirkende) CD-Cover sehr ähneln, auch ansonsten wurde komplett auf Nummer Sicher gegangen. Wieder wurden vier Tracks auf die Scheibe gepresst, wieder handelt es sich um vier Variationen des gleichen Songs und erneut bewegt sich der Gesamtinhalt um eine Gesamtlaufzeit von etwa 19 Minuten. Selbst die in Deutschland erreichte Chartsposition (5) stimmt fast punktgenau mit der des Vorgängers (Platz 4) überein. Wie sieht es aber nun mit dem musikalischen Inhalt aus?

Am nächsten an "Somebody Dance With Me" sind sicherlich die sich nur in ihrer Spieldauer unterscheidenden Tracks 1 und 3, der "Classic Radio Mix" und der "Classic Club Mix", dran. Da hämmern die selben Billig-Synthpianos ihren House-Rhythmus ins Gebälk, der Bass bumpert so vor sich hin und dazu gibt es Raps mit Gaga-Inhalt und einen mit dünnem Stimmchen vorgetragenenen weiblichen Refrain-Part. Feinster Eurodance-Trash, absolut typisch für die Zeit. Erwähnte ich eigentlich schon die Ähnlichkeit zur Vorgängersingle? Denn wie auch schon dort enthält die Maxi-CD einen sogenannten "Live"-Track, was nichts anderes als einen nur durch diverse Klatsch- und Pfeifgeräusche zu identifizierten Halbplayback-Auftritt namens "Live At The Gersag-Party". Klingt wie das Betriebsvergnügen des lokalen Energieversorgers...

Unfreiwillig komisch ist das Ganze schon, aber immerhin wagt sich Track 2, der "New Fashion Radio Edit", etwas auf neues Terrain und spielt ein wenig mit anderen Sounds herum, was das Ergebnis stellenweise deutlich housiger erscheinen lässt. Gar nicht mal so übel! Doch um die Ähnlichkeit zu mehrfach erwähnter Schwestersingle komplett zu machen, gibt es in diesem Falle von mir auch die selbe Wertung.

Bewertung: 2 von 5

Dienstag, 31. August 2010

Buch-Rezensionen (199): Thomas Hermanns - für immer d.i.s.c.o. (Hörbuch) (2009)

(Cover: Amazon.de)

Selten habe ich mich derart im Nachhinein zu der Entscheidung beglückwünscht, die Audiovariante eines Buches gewählt zu haben wie bei den Jugenderinnerungen des TV-Entertainers Thomas Hermanns. Die höchst unterhaltsamen Ausführungen über die zweite Hälfte der Siebziger und die frühen Achtziger Jahre, die damals die Tanzflächen beherrschende Disco-Music und Hermanns' erste Schritte in der Schwulenszene mögen auch in gedruckter Form funktionieren, aber wer einmal die brüllend komische Schilderung - besser: Nachinszenierung - eines geradezu bizarren Amanda Lear-"Konzerts" in der Nürnberger Meistersinger-Halle gehört hat, wird verstehen, was ich meine. Zusätzlich werden höchst passend im Text erwähnte Titel als Hintergrundmusik eingespielt, was die Wirkung und Verständlichkeit enorm erhöht.

Der Erfinder des "Quatsch Comedy Clubs" spannt einen weiten Bogen über seine von viel Musik in trister Wohnumgebung geprägten Kinder- und Jugendjahre in Nürnberg bis hin zu seinem Studium in München und den später erfolgten beruflichen Durchbruch. Zwar ist der überwiegende Teil von "für immer d.i.s.c.o." von Humor geprägt und wird von Hermanns in angenehmem Tonfall gewohnt charmant gelesen. Dennoch werden ernst Themen nicht ausgespart, angefangen von der ersten Gefühlsverwirrung, das eigene Coming Out über Schwulenfeindlichkeit im In- und Ausland bis hin zum HIV- und AIDS-Schock der frühen 80er mitsamt seiner Todesspur im Bereich der Disco-Musik. Dass ein dermaßen amüsierendes Buch immer wieder durch diese extremen Gegensätze radikal gebrochen wird, hat mir ganz besonders imponiert.

Ein weiteres Plus der Audiobookversion: Auf CD 4 sind noch einmal alle im Buch verwendeten Tracks in voller Länge - von Thomas Hermanns kurz anmoderiert - enthalten. Da darf man gleich mal die gegebenen Hustle-Tanzlektionen in die Praxis umsetzen...

Zielgruppe dieses Buchs? Vielfältig, möchte ich meinen. Der offen oder versteckt lebende Schwule wird sich ebenso einfinden wie das Kind der Siebziger, Interessierte an Musikgeschichte und Popkultur sowieso. Zwar kann "für immer d.i.s.c.o." nicht für sich in Anspruch nehmen, eine umfassende historische Darstellung dieses Musikstils zu liefern. Dafür werden ein paar allzu gewagte Verschwörungstheorien über das Ende der Ära aufgestellt. Schließlich verendete Disco nicht (wie von Hermanns und diversen ehemaligen Protagonisten suggeriert) an den permanenten Störmanövern von Gegnern in Musikbiz und Gesellschaft sondern schlicht und einfach an einem der normalsten Vorgänge der Musikwelt - der kontinuierlichen Weiterentwicklung. Jede Musik hat ihre Zeit, gelegentlich mit diversen Retrowellen geadelt. Doch diese gelegentlichen Ungereimtheiten seien einem bekennenden Disco-Aficionado nachgesehen - für mich ein klasse Hörbuch mit einigen persönlichen Musik-Neuentdeckungen, kam doch die Disco-Welle für mich ein dreiviertel Jahrzehnt zu früh...

Bewertung: 5 von 5

Montag, 30. August 2010

DVD-Rezensionen (199): WM-Klassikersammlung, Ausgabe 37 - Kleines Finale 2006 BR Deutschland - Portugal (3:1) (2006)

(Cover: Amazon.de)

Im Vorfeld der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland veröffentlichte die "BILD am Sonntag" zusammen mit dem Sammelserien-Spezialisten DeAgostini eine ursprünglich auf 30 Ausgaben angelegte, dann aber mit den hinzugefügten sieben Spielen der DFB-Elf bei der WM auf 37 DVDs erweiterte Reihe, die große Partien der deutschen Elf bei Weltmeisterschaften sowie einige Klassiker ohne deutsche Beteiligung in nicht-chronologischer Reihenfolge enthielt. Allen Scheiben war ein Begleitheft mit weiterführenden Informationen über Vorgeschichte, Hintergründe sowie statistischen Elementen wie Aufstellungen etc. beigefügt.

Mit dieser DVD endet die WM-Klassikersammlung und um es vorneweg zu sagen: Die Reihe hätte keinen besseren Abschluss finden können. Die das "Sommermärchen" beendende Partie gerät gleichzeitig zur Party und beinhaltet eine ganze Reihe emotionaler Momente, ergreifender Abschiede und stimmungsvoller Eindrücke und das nicht nur auf dem Rasen. Doch hübsch der Reihe nach.

Da wäre zum einen der sportliche Aspekt. Wie die oftmals als "Spiel um die Goldene Ananas" verschrieenen Matches um den 3. Platz einer Weltmeisterschaft bei früheren und auch späteren Turnieren gezeigt haben, bieten sie im Regelfall einen deutlich höheren Unterhaltungswert als die völlig verkrampften und bisweilen richtig hässlichen Finalspiele. So auch hier. Beide Mannschaften hatten den Ehrgeiz, sich mit erhobenem Haupt aus dem Turnier zu verabschieden und gaben - allen Umstellungen im Kader zu Trotz - ihr Bestes. Hatte Portugal in der ersten Hälfte noch mehr vom Spiel, mutierte die Begegnung in der zweiten Hälfte zur One-Man-Show von Bastian Schweinsteiger. Zwei praktisch identische Tore und ein halbes (Eigentor von Petit) führten zu einem bejubelten 3:1 Sieg und einem versöhnlichen Ende nach dem Schock des Ausscheidens im Halbfinale. Besonderen Schwung erhält das Ganze durch ein nimmermüdes und frenetisches Publikum im Stuttgarter Gottlieb-Daimler-Stadion, das von Sprechchören für einzelne Spieler über trotzige, das verpasste Finale kommentierende Gesänge wie "Stuttgart ist viel schöner als Berlin" bis zu begeistertem Getöse alles auffährt, was das Fan-Arsenal so hergibt. Besonders anrührend hierbei die feiernden Rufe für den fantastisch agierenden Oliver Kahn (bemerkenswert insbesondere angesichts seiner immer polarisierenden Person in der Vergangenheit) und den ebenfalls sein letztes Länderspiel bestreitenden Luís Figo auf portugiesischer Seite. Ein ganzes Stadion steht für einen Abschied nehmenden Spieler der gegnerisches Mannschaft auf - solche Gesten werden neben vielen anderen Eindrücken die WM 2006 für mich unvergesslich machen.

Die ganz großen Gefühle kommen nach Abpfiff zum Vorschein. Keiner mag nach Hause gehen, die Zuschauer feiern das Team und sich noch lange nach der Ehrung des dritten Platzes, genießen Feuerwerk und Ehrenrunden und zeigen auf unzähligen mit viel Liebe gebastelten Transparenten ihre Verbundenheit zum Team. Tenor hierbei: "Klinsi bleib!", eine Meinung, die ich damals auch inbrünstig vertrat. Andere wollten einfach nur "Danke" sagen für das unglaubliche Erlebnis in jenem Sommer. Kommentator Béla Réthy hatte wohl recht, als er meinte, dass der Kater im Land nach dieser Riesenparty namens Weltmeisterschaft wohl gigantisch werden wird. Mit seiner persönlichen Einschätzung, dass der Bundestrainer weitermachen würde, lag er allerdings - wie man heute weiß - gründlich daneben. Ich gebe zu, dass mir aufgrund der Wucht der Eindrücke an jenem Abend die Augen feucht wurden und noch immer berührt mich die ganze Szenerie sehr.

Auch ansonsten bietet diese letzte Folge volles Programm. Kurzanalyse in der Halbzeit mit Johannes B. Kerner, Jürgen Klopp und Urs Meier sowie ein Interview mit Michael Schumacher, nach der Partie Interviews mit Oliver Kahn, Jens Nowotny und Joachim Löw. Bei der Siegerehrung ein mit versteinertem Blick (er muss seine von ihm offen zugegebene Abneigung gegen die Deutschen ja nicht bei jeder Gelegenheit zeigen) in den Innenraum stapfender und vom Publikum mit "Allez, les Bleus!" begrüßter UEFA-Präsident Michel Platini, ein mit ohrenbetäubendem Jubel gefeierter Organisationskomitee-Chef Franz Beckenbauer und ein gnadenlos ausgepfiffener Gerhard Mayer-Vorfelder - neben Christiano Ronaldo die einzige Person im Stadion, der offene Ablehnung entgegenschlägt. Selbst die Jürgen Klinsmann herzende Kanzlerin wird da deutlich gnädiger empfangen. Neben dem vielfältig geäußerten Wunsch über die Fortsetzung der Bundestrainertätigkeit wird noch ein anderer Plakatspruch unerfüllt bleiben: "Sönke Wortmann, schenk uns einen tollen Fußballfilm!" Aber das ist eine andere Geschichte...

Fazit: Satte 140 Minuten pure Emotion - volle Punktzahl!

Bewertung: 5 von 5

Freitag, 27. August 2010

CD-Rezensionen (198): Enigma - The Screen Behind The Mirror (2000)

(Cover: Amazon.de)

Michael Cretu stand nach dem dritten Enigma-Album "Le Roi est mort, vive le Roi!" von 1996 vor einem echten Dilemma, hatte er doch auf diesem die Sounds der beiden ersten Platten "MCMXC A.D" (1990) und "The Cross Of Changes" (1993) in eine doch sehr gelungene Symbiose gebracht. Wie nun mit dem Nachfolger verfahren? Der Wahl-Ibizaer entschied sich zum Griff in die Klassikkiste und pickte sich ausgerechnet das komplett überstrapazierte "O Fortuna" aus Carl Orffs "Carmina Burana" als Leitmotiv heraus - eine denkbar schlechte Wahl. Die sattsam bekannten Chorpassagen zerstören so manchen Song, die eigentlich recht ordentliche Singleauskopplung "Gravity Of Love" oder das wüst stampfende "Camera Obscura" inklusive.

Ansonsten bleibt vieles beim Alten. Der Enigma-Konsument weiß im Regelfall ohnehin, was ihn vorher erwartet, doch hier wird das Sound- und Sample-Recycling auf die Spitze getrieben, exemplarisch hierfür "Smell Of Desire", in dem ganze Passagen des vom ersten Album stammenden "Mea Culpa" zitiert werden oder für "The Screen Behind The Mirror" gleich mal die Drumspur von "Sadeness" erneute Anwendung findet. Das wirkt wenig inspiriert und nur manchmal zucken ein paar Geistesblitze auf, wie wenn beispielsweise im sonst recht grobschlächtigen "Modern Crusaders" plötzlich sekundenlang Bachs berühmte Toccata D-Moll auftaucht.

Stark percussionsorientierte und ruhige Tracks wechseln sich ab, wobei in letzteren eigentlich die größere Stärke des Soundtüftlers Cretu liegt. Doch diesmal scheint stellenweise verkehrte Welt zu herrschen, "Traces (Light And Weight)" langweilt einfach, während "Push The Limits" für Enigma-Verhältnisse sogar richtig tanzbar ist und einen echten Höhepunkt des Albums darstellt.

In der Gesamtheit betrachtet ein schwächeres Enigma-Album, immer vorausgesetzt, dass man mit New Age- und Ethno-Sounds überhaupt etwas anfangen kann. Anspieltips: "Push The Limits", "Between Mind & Heart" und das den Schlusspunkt setzende "Silence Must Be Heard".

Bewertung: 3 von 5

Donnerstag, 26. August 2010

Neue Entwicklungen

Wegen der zeitlichen Beanspruchung von Familie, Job und Studium sind meine Bemühungen in der Familienforschung naturgemäß etwas hintenangestellt. Ich schreibe mal eine E-Mail an Ämter und Archive oder tätige gelegentlich einen Anruf - für mich als bekennenden Telefon-Hasser jedesmal eine echte Überwindung. Allerdings habe ich festgestellt, dass sich die öffentlichen Bediensteten mit der Reaktion auf elektronische Post im Regelfall sehr schwer tun, man muss sie scheinbar immer persönlich kitzeln. Umso lobenswerter die schnelle und unbürokratische Hilfe der Friedhofsverwaltung im brandenburgischen Birkenwerder, die mir einige erstaunliche Erkenntnisse brachte.

Rückblick: Ich habe die Wurzeln meiner Familie in ein kleines oberschlesisches Dorf zurückverfolgen können. Dank des Archivs des Evangelischen Kichenkreisverbandes Schlesische Oberlausitz in Görlitz verfüge ich über Kopien diverser Tauf- und Sterbeunterlagen meiner Vorfahren, die älteste aus dem Jahre 1758. Dadurch konnte ich auch einen durch Zufall in einem brandenburgischen Branchenbuch von 1938 entdeckten Verwandten als 1946 verstorbenen Cousin meines Urgroßvaters identifizieren. Durch eine andere Datenbank wusste ich ebenfalls von einem 1958 ebenfalls in Birkenwerder beerdigten Sohn dieses als Sattler tätigen Mannes.

Mein Erstaunen war nun freilich nicht schlecht, als mir die dortige Friedhofsverwaltung auf meine Anfrage neben nützlichen Informationen (letzte Adressen, Todesursachen etc.) mitteilte, dass beide Gräber immer noch existieren und ich sie mir nach Terminabsprache gerne einmal anschauen kann. Da die normale Ruhezeit beider Grabstellen schon längst abgelaufen ist, stellt sich mir natürlich die Frage, ob sich noch jemand aus der Nachkommenschaft um diese kümmert. Ich werde da noch einmal nachhaken, vielleicht habe ich ja die Möglichkeit, mit einem bisher unbekannten Teil der Familie in Kontakt zu kommen?

Desweiteren bin ich in der glücklichen Lage, durch das soziale Netwerk Facebook eine junge polnischen Dame kennengelernt zu haben, die in eben jenem erwähnten Dorf meiner Vorfahren lebt und sich dankenswerterweise als sehr hilfsbereit in Übersetzungsdingen und Informationen über die Gemeinde erwiesen hat.

Momentan steht noch ein wenig Kleinkram an, Dokumente sind zu sichten, neue Anfragen zu stellen. Nach meiner Klausur am 09.09. werde ich das Ganze sicherlich wieder etwas intensivieren können. Mehr dazu dann an dieser Stelle.

Mittwoch, 25. August 2010

Soundtrack Of My Life (019): Herman van Veen - Und er geht und er singt (1983)

Der Zusammenbruch der DDR hatte auch auf mein Berufsleben einige Auswirkungen. Ich steckte damals noch mitten in meiner Lehre zum Elektronikfacharbeiter mit Abitur und aus der im letzten Lehrjahr angedachten praktischen Ausbildung in meinem lokalen Einstellungsbetrieb wurde ein mangels vorhandener Arbeit tage- und wochenlanges Rumgammeln. In diesem chaotischen Zeitraum der Jahre 1990/91 wurde auch die firmeneigene Bibliothek aufgelöst und die vorhandenen Bestände für eine symbolische DM pro Stück verschleudert. So hatten wir drei damals noch Lehrlinge genannte Azubis mangels anderer Tätigkeit ausgiebigst Gelegenheit, in den Büchern, Zeitschriften und Tonträgern zu stöbern und so manche früher im freien Handel nicht erhältliche Rarität für einen Spottpreis zu abzuschleppen.

Mein damaliger Internatszimmergenosse, heutiger Arbeitskollege und immer noch bester Freund J. hatte anscheinend den Kapitalismus am schnellsten begriffen und deckte sich vor allem mit ganzen Stapeln von Lizenzausgaben westlicher Schallplatten ein. Sonderlich wählerisch ging er dabei nicht zu Werke. Ob Schlager oder Uralt-Rock ’n’ Roll-Heuler - immer her damit! Auf meine verständnislose Frage "Was willste denn mit all dem Scheiß?" erntete ich nur ein wissendes Lächeln. Keine Woche später eröffnete mein umtriebiger Mitbewohner in unserem Lehrlingswohnheim in Radeberg eine ganz private Plattenbörse. Mit ordentlichem Aufpreis versehen, gingen die besten Stücke ruck-zuck weg, Ladenhüter schmälerten den Gewinn nur unerheblich.

Der unverkäufliche Rest wurde in vielen gemeinsam durchgefeierten Stunden im privaten Kreis genossen und so kam mir in einer wohl doch sehr sentimentalen Nacht "Und er geht und er singt" des auch im Osten hochgeschätzten und mehrfach gastierenden Niederländers Herman van Veen unter die Finger. Wenn zwei junge Männer das fast in Endlosschleife hören und sich anschließend halb heulend in den Armen liegen, muss das wohl etwas ganz Besonderes anrühren und in sehr emotionalen Momenten krame ich den Song heute noch hervor. Danke Mijnheer van Veen für diese Erfahrung...

Dienstag, 24. August 2010

Lothar Loewe †

(Foto: Wikipedia)

Auch wenn die Ausweisung des ehemaligen Ost-Berliner ARD-Korrespondenten Lothar Loewe durch die DDR-Oberen nach einem kritischen Tagesschau-Kommentar zum Grenzregime 1976 etwas vor meiner aktiven Fernsehzeit lag, habe ich später immer mal wiederholte Reportagen mit großem Interesse verfolgt. Wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, drehte er sogar einmal in meiner Heimatstadt. Ein sehr bewegtes Journalistenleben ist gestern im Alter von 81 Jahren zu Ende gegangen. R.I.P.

Montag, 23. August 2010

Buch-Rezensionen (198): Michael Köhlmeier - Biblische Geschichten (Hörbuch) (2002)

(Cover: Amazon.de)

Ohne Frage kann man auch als Atheist an der Bibel Interesse finden. So vermittelt sie immer noch gültige ethische Werte und man stellt immer wieder fest, wie viele Redewendungen, Geschichten und Personen in den Alltagssprachgebrauch eingegangen sind. Und so kam es, dass ich diese von mir durch einen Zufall entdeckte Veröffentlichung mit großer Aufmerksamkeit verfolgt habe.

Diese auf 5 CDs versammelte Geschichtensammlung des Österreichers Michael Köhlmeier ist keine Lesung biblischer Texte, wie sie beispielsweise Ben Becker in seinem beeindruckenden Bühnenprogramm darbietet. Er erzählt sie eher im leichten Plauderton nach und bringt sie somit in einer zeitgerechten Fassung an den interessierten Zuhörer. Es handelt sich ausnahmslos um Schilderungen des Alten Testaments, eines bis auf wenige Ausnahme (Schöpfungsgeschichte, Sündenfall etc.) in der allgemeinen Wahrnehmung eher vernachlässigten Teils der Heiligen Schrift. Es ist ohnehin nicht leicht, sich in der dort vorherrschenden puren Masse von Namen zurechtzufinden, daher ist Köhlmeiers Ansatz, die Personen und ihre wechselseitige Beziehung etwas näher aufzudröseln, sehr lobenswert.

Zwar wirkt das ganze manchmal etwas improvisiert und unfertig, dennoch ist diese unorthodoxe Methode alles andere als misslungen. Keine Höchstwertung zwar, aber nahe dran - empfehlenswert!

Bewertung: 4 von 5

DVD-Rezensionen (198): Der Maulwurf als Filmstar (1987-1988)

(Cover: Amazon.de)

An und für sich ist gegen diese DVD mit dem liebenswerten Racker aus unserem Nachbarland nichts einzuwenden. Liebevoll gezeichnet wie immer, gewaltfrei und mit so manchem Aha-Effekt für Kinder versehen. Der Knackpunkt liegt eher in der Zusammenstellung dieser Scheibe. Im Gegensatz zu den auf den meisten anderen Ausgaben dieser Edition vertretenen 5 bis 14 Minuten langen Episoden hat man es hier mit zwei etwas weniger bekannten Halbstündern aus den Jahren 1987 (Der Maulwurf und Medizin) und 1988 (Der Maulwurf als Filmstar) zu tun. Da die Aufmerksamkeits- und Konzentrationsspanne von Kindern bekanntlich begrenzt ist, sollte man daher diese doch recht langen Brocken nicht gerade den Kleinsten vorführen.

Inhaltlich gibt es nix zu meckern. Der hilfsbereite Maulwurf sucht in einer Episode eine Medizin für die erkrankte Maus und muss dafür eine abenteuerliche und sehr lehrreiche Reise um die Welt unternehmen. In anderer Geschichte bekommt es der kleine Wühler mit den Schattenseiten des Ruhms als Filmstar zu tun. Auch das vielleicht für die Jüngsten etwas kompliziert zu begreifen.

Die Bildqualität ist nicht sonderlich gut und keineswegs mit heutigen Hochglanzproduktionen zu vergleichen. Immerhin verfügen die im unrestaurierten Bildformat 4:3 vorliegenden Episoden über das Tonformat Dolby Digital 2.0, Bonusmaterial fehlt hingegen völlig. Für Sammler sicherlich ein Grund zuzuschlagen, wer dem Nachwuchs jedoch erst einmal die Figur nahebringen will, sollte zu anderen DVDs wie beispielsweise "Der kleine Maulwurf und seine Abenteuer mit dem Igel" aus der gleichen Reihe greifen.

Bewertung: 4 von 5

Sonntag, 22. August 2010

Christoph Schlingensief †

(Foto: tagesschau.de)

Ich gebe zu, dass ich mich mit dem modernen Regietheater sehr schwer tue. Vieles daran erscheint mir als allzu bemühte Provokation, auffallen um des Auffallens willen. Von daher wußte ich auch nie so recht, wie ich Christoph Schlingensief, das Enfant terrible des deutschen Kulturwesens, für mich einordnen solle. Genialer Provokateur oder nur maßlos übertriebener Medienhype? Die breite Bestürzung, die der gestrige Lungenkrebstod des gerade einmal 49jährigen auslöste, ist jedenfalls umfassend, hier beispielhaft Nachrufe aus SPIEGEL, ZEIT und Süddeutscher Zeitung. R.I.P.

Freitag, 20. August 2010

Nachtgedanken (096)

Eine ziemlich kräftezehrende Arbeitswoche liegt hinter mir, aber sie ist noch nicht beendet, denn auch noch morgen heißt es um 04.45 Uhr: aufstehen! Ich hatte daher für die heutige Ausgabe eigentlich etwas mit dem Bezug zur Erwerbswelt gesucht und bin dabei auf den nicht ganz unumstrittenen Arbeiterdichter Heinrich Lersch (1889-1936) gestoßen. Titel: "Der Künstler" (1919).

Ich leb mein Leben schneller, Mensch, als du.
Mich kann der Dinge Schein nicht lange halten.
Mein Blick hat jedes Ding entzwei gespalten.
Ich schmeck den Kern und eile Neuem zu.

Im Weltensausen bin ich tiefste Ruh.
Denn ich bin eine von den Kraftgewalten,
die Welt in sich und sich zu Welt gestalten.
So ist mir alles ich und ich bin allem du.

Mich hält nicht Schönheit, Glanz, nicht Glück noch Macht.
Was gestern ich war, hab ich heut vergessen –
Wo euch noch Chaos stürzt, blüht mir schon Kosmos-Pracht.

Ihr staunt, daß gestern ich bei euch gesessen.....
Heut bin ich schon von neuem Trieb besessen
und taumle trunken in die neue Nacht.

Ob sie mich schimpfen oder sie mich loben.
das rührt, Geliebte, meine Seele nicht.
Mein Tun und Lassen, Tagwerk und Gedicht
sind bunte Bilder in mein Sein gewoben.

Und leuchten ruhig in ihr eitles Toben.
Ich funkle ja aus meinem eignen Licht,
das blitzgleich in ihr armes Dunkel bricht.
Ich bin so über allem Volk erhoben,

daß jedermann mich sehen muß und sieht,
daß ich dem einen Ziel, dem andern Abscheu bin,
daß der mir nachfolgt, daß mich jener flieht.

Doch flucht und lockt mich keiner zu sich hin.
Unwandelbar treibt mich der Gottheit Sinn.
Und was durch mich geschehen muß, geschieht!

Donnerstag, 19. August 2010

CD-Rezensionen (197): Gunther Schmäche - Gartenlied (MCD) (1996)

(Cover: Amazon.de)

"Gunther wer?" war meine verständnislose Frage, als mein Bruder begeistert von einem schnell bundeslandweit zur Kultfigur avancierten Radiocomedy-Original sprach. Als weitestgehender Formatradio-Abstinenzler war mir der zuerst auf dem Sender NRJ und später bei Radio PSR in heftigstem Leipziger Dialekt losblödelnde angebliche Kleinpösnaer Kleingartenfreund bis dato völlig unbekannt. Das änderte sich schnell, als umgehend diese CD den Weg in die eigenen Bestände fand.

Gleich zwei der größten Gassenhauer des von Jan Schlegel verkörperten renitenten Sachsen befinden sich auf dieser Maxi-CD. Das "Gartenlied", in dem das favorisierte Freizeitdomizil Schmäches besungen und gleichzeitig über die angeblich das Blumenwachstum fördernden Eigenschaften von menschlichem Erbrochenen philosophiert wird. Das Ganze wird in zwei Versionen, dem "Kleinen Pösna-Mix" und der "Rogg-Version" dargeboten, wobei letztere natürlich um Einiges tempoverschärft und gitarrenlastiger zur Sache geht. Zum bierseligen Mitgröhlen ist freilich die gemütliche Originalversion deutlich besser geeignet.

Apropos Bier. Ich kenne nur wenige Lobeshymnen an den Gerstensaft, die so festzeltgeeignet sind wie das "Bierlied". Banjo und Westernfiedel sorgen für gute Laune und Texthighlights á la "komm ich um drei nach Hause, da trink ich keine Brause" bedürfen keiner weiteren Erklärung. Prost! Abgerundet wird die CD von den wie immer enthaltenen Anrufbeantwortersprüchen. Leider ist der ganze Spaß schon nach knapp 12 Minuten vorüber (dafür etwas Wertungsabzug), es sei daher an dieser Stelle auf den ersten (und besten!) Longplayer Schmäches namens "Genau, genau, genau...!" aus dem gleichen Jahr verwiesen.

Fazit: Peinlich schlechte Sächsisch-Imitatoren gibt es zuhauf, warum also nicht lieber gleich etwas Originales?

Bewertung: 4 von 5

Mittwoch, 18. August 2010

Buch-Rezensionen (197): Jochen Hauser - Zwei Krähen fliegen aus (1979)

(Cover: Amazon.de)

Wie man ein an für sich ernstes Sujet humorvoll und augenzwinkernd darstellen kann, zeigt dieses 1979 erschienene Kinderbuch des sächsischen Autors Jochen Hauser. Thematisiert werden die Probleme alleinerziehender Eltern und deren Kinder im Alltag der DDR, immer beobachtet von den beiden verfressenen Krähen Kratsch und Kretsch.

Der neunjährige Jens und sein nach einem Verkehrsunfall verwitweter Vater ziehen in eine Kleinstadt nahe eines Braunkohletagebaus. Gleich am Tag seiner Ankunft gerät Jens mit dem gleichaltrigen Martin aneinander, der sich ausgerechnet noch als Mitschüler entpuppt. Beide Drittklässler bemühen sich um die Freundschaft zur aufgeweckten Mia, was die Rivalität nur noch verstärkt. Nach Monaten voller Gehässigkeiten und Missgunst platzt die Bombe - Jens' Vater und Martins geschiedene Mutter haben sich ineinander verliebt und schmieden Zukunftspläne. Das ist zu viel, beide Jungen reißen unabhängig voneinander von zu Hause aus. Doch die clevere Mia lockt sie auf dieselbe Insel...

Die DDR-typische Altersempfehlung des Buchs nennt die gleiche Jahreszahl wie das Alter der Protagonisten. Neunjährige dürfen sich also sowohl an einer kindgerechten Geschichte als auch an den tollen Illustrationen von Harri Parschau erfreuen. Der ernste Hintergrund wird wohl nur eher Erwachsenen auffallen, so dass ich mit Erstaunen feststellen konnte, nach so vielen Jahren immer noch deutliches Gefallen und Interesse an diesem Buch gefunden zu haben, auch wenn man ihm freilich den Entstehungszeitpunkt und -ort deutlich anmerkt. Dennoch: Unterhaltung für jung und alt - eine feine Mischung!

Bewertung: 4 von 5

Dienstag, 17. August 2010

DVD-Rezensionen (197): WM-Klassikersammlung, Ausgabe 36 - Halbfinale 2006 BR Deutschland - Italien (0:2 n.V.) (2006)

(Cover: Amazon.de)

Im Vorfeld der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland veröffentlichte die "BILD am Sonntag" zusammen mit dem Sammelserien-Spezialisten DeAgostini eine ursprünglich auf 30 Ausgaben angelegte, dann aber mit den hinzugefügten sieben Spielen der DFB-Elf bei der WM auf 37 DVDs erweiterte Reihe, die große Partien der deutschen Elf bei Weltmeisterschaften sowie einige Klassiker ohne deutsche Beteiligung in nicht-chronologischer Reihenfolge enthielt. Allen Scheiben war ein Begleitheft mit weiterführenden Informationen über Vorgeschichte, Hintergründe sowie statistischen Elementen wie Aufstellungen etc. beigefügt.

Ich gebe zu, dass ich erst weit über ein Jahr nach Erhalt dieser DVD in der Lage war, mir diese anzuschauen. Zu tief saß noch der Schock des 04. Juli 2006 in Dortmund. Ich kann mich an praktisch keine Fußball-Niederlage erinnern, die mich emotional dermaßen aufgewühlt hat wie das Halbfinal-Aus beim Turnier im eigenen Land. Über die Gründe für meine Scheu kann ich nach wie vor nur spekulieren. Wahrscheinlich kamen gleich mehrere Faktoren zusammen. Die Medienschlacht im Vorfeld nach der aus den Tumulten im Argentinienspiel resutierenden Sperre von Torsten Frings, deren Initiierung eine breite Öffentlichkeit bei italienischen Medien verortete und die kurzzeitig das WM-Motto "Zu Gast bei Freunden" außer Kraft setzte. Oder der mehr als unglückliche Zeitpunkt des ersten italienischen Tores durch Fabio Grosso, nur wenige Momente vor dem Elfmeterschießen. Vielleicht aber auch das eine oder andere Ereignis des italienischen Wegs ins Viertelfinale, sei es der unglaublich herausgeschundene Elfmeter gegen Australien im Achtelfinale oder De Rossis (mit Rot geahndeter) eine blutige Platzwunde hervorrufende Ellenbogencheck gegen Brian McBride (USA) in der Vorrunde.

Schaut man sich das Spiel allerdings heute noch einmal mit einigem Abstand und etwas emotionsloser an, werden einige Dinge sichtbar. Hier trafen sich zwei Mannschaften auf Augenhöhe zum wahrscheinlich besten Spiel des Turniers. Italien und vor allem seinem Coach Marcello Lippi darf man attestieren, entschlossener agiert zu haben. Während sich das DFB-Team schon auf die Entscheidung vom Punkt einzustellen schien und beim 0:1 (zu dessen Vorbereitung Pirlo in aller Seelenruhe die deutsche Strafraumgrenze ablaufen durfte, um dann den tödlichen Pass zu spielen) geistig regelrecht abwesend wirkte, drängten die Azzurri noch unablässig auf das Tor und spielten gegen Ende der Verlängerung mit drei Stürmern. Von den zwei Treffern an Pfosten und Latte innerhalb von 60 Sekunden unmittelbar nach Anpfiff der Extrazeit ganz zu schweigen. Das muss man einfach als fairer Sportsmann anerkennen. Deutschland hatte durch Schneider und Podolski Riesenchancen. Keine Tore - kein Sieg.

Das Bild der DVD ist etwas besser als das grauslige Gepixel der vorangegangenen Ausgabe. Neben dem Spiel gibt es noch eine kurze Halbzeitanalyse mit Johannes B. Kerner, Jürgen Klopp und Urs Meier sowie nach dem Spiel ein Interview mit Miroslav Klose. Macht insgesamt etwa 160 Minuten Inhalt.

Bewertung: 5 von 5

Montag, 16. August 2010

Nachtgedanken (095)

Eigentlich heute ein ähnlicher Anlass wie in der 94. Ausgabe. Ich habe mich in den letzten Tagen im Netz einige Male mit dem Freiheitsbegriff beschäftigen müssen. Sei es jetzt die Meinungs-, die Presse- oder ganz simpel die persönliche Freiheit. Mich erschreckt, welch geradezu diktatorischen Vorstellungen weit verbreitet sind, gepaart mit gefährlichem Halbwissen eine explosive Mischung. Also ein Hohelied auf die Freiheit, aufgeschrieben vom Österreicher Friedrich Halm (1806-1871):

Freiheit ist Liebe, Freiheit ist Recht,
Zum Menschen weiht und adelt sie den Knecht,
Bewaffnet steht sie an des Thrones Stufen,
Und Achtung dem Gesetz hört man sie rufen.
Achtung uns selbst und unsrer Menschenpflicht.
Wer sie verletzt, verdient die Freiheit nicht!