Donnerstag, 31. Dezember 2009

Buch-Rezensionen (178): Ernst Günther - 33 Zirkusgeschichten (1977)

(Cover: Amazon.de)

Das Zeitalter des Zirkus mit seiner Blüte im 20. Jahrhundert ist allem Anschein nach endgültig vorbei. Verflogen die Faszination, wenn ein oder zwei Mal im Jahr einer der drei großen DDR-Staatszirkusse in unsere Kleinstadt kam und dies ein ganz besonderes gesellschaftliches Ereignis darstellte. Heutzutage kämpfen zig kleine und kleinste Unternehmen um Zuschauer und Einnahmen, kritisiert von Tierschützern und ignoriert von der breiten Masse, die im um Größenordnungen breiter gewordenen Unterhaltungsangebot zumeist andere Dinge favorisiert.

Dieses 1977 in der DDR erschienen Buch widmet sich in 33 Episoden Anekdoten, Personen und Historie des Zirkus. Dies geschieht nicht im dokumentarischen Stil, sondern im nacherzählendem Tonfall - Geschichten eben. Der Bogen reicht von den Anfängen des Zirkus der Neuzeit durch die Gründung einer Kunstreitschule durch Philip Astley im Jahre 1768 bis hin zu der weltweit zu Berühmtheit gelangten Eisbärendompteuse Ursula Böttcher.

Breiter Raum wird dabei Unfällen und Katastrophen im Zirkusgeschäft eingeräumt. Seien es die tragischen Tode der Dompteuse Helen Bright (1879) oder der Kunstreiterin Emilie Loisset (1882), dem durch mutmaßliche Brandstiftung hervorgerrufenen Großfeuer im Zirkus Sarrasani (der durch das spezielle Interesse des Buchautors mehrfach in den Geschichten vertreten ist) in Antwerpen 1932, dem Trapezunfall der Artistin Greta Frisk 1963 oder der in Skandinavien zum Allgemeinwissen gehörenden unglücklichen Liebesgeschichte der Seiltänzerin Elvira Madigan. Zudem werden in diversen Geschichten prominente Zirkusdirektoren wie Ernst Jakob Renz, Scipione Ciniselli oder Carl Krone porträtiert.

Gerade weil viele der im Buch aufgeführten Protagonisten heute weitestgehend vergessen sind, gebührt Ernst Günther für seine zusammentragende Arbeit großer Respekt. Der armlose Geiger Carl Hermann Unthan, die Hochseilartistin Maria Spelterini, der Trapezkünstler Jules Léotard, der Springclown Jean-Baptiste (Louis) Auriol mögen zu ihrer Zeit Superstars gewesen sein, heute jedoch findet sich selbst im weltweiten Netz kaum noch Material zu diesen Vertretern einer scheinbar untergegangenen Epoche. Eine faszinierende Sammlung mit zum Teil seltenen Fotos! Einzig und allein eine Handvoll eher belanglose Kapitel ziehen die Wertung geringfügig nach unten.

Bewertung: 4 von 5