Mittwoch, 22. Dezember 2010

CD-Rezensionen (212): Air - 10.000 Hz Legend (2001)

(Cover: Amazon.de)

Es ist immer so eine vertrackte Sache, wenn man sich als Anhänger eines bestimmten Bandsounds so richtig schön in seiner Erwartungshaltung eingekuschelt hat. Man legt die CD in den Player, freut sich auf Wohlbekanntes in neuer Ausgabe und bekommt dann hin und wieder ganz gepflegt eins mit der "Ätsch!"-Keule übergezogen. So in etwa dürften sich viele "Moon Safarirista" beim erstmaligen Hören des vierten Air-Outputs "10.000 Hz Legend" gefühlt haben.

Dabei haut der Opener "Electronic Performers" durchaus in die Kerbe des Vertrauten. Es blubbert und plöngt zwar etwas heftiger als in früheren Tagen der Franzosen, das geht aber durchaus in Ordnung. Etwas komplizierter schaut die Lage bei "How Does It Make You Feel" aus. Da wird in einer Schmalzballade ziemlich viel zusammengeklöppelt, das auf den ersten Blick nur schwer zueinanderpassen mag. "70er-Schwulst meets OMD meets Beatles". Oder so. Mein Geschmacksdaumen bleibt dabei aber dennoch nach oben gereckt. Die Singleauskopplung "Radio #1" hingegen trifft aber nun gar nicht meinen Geschmack, zu wild zusammengewürfelt wirkt das Ganze.

Und so setzt sich das leider fort. Uninspierierte Vocals treffen auf dahinplätschernde Melodielinien, die Perlen, für die Nicolas Godin und Jean-Benoît Dunckel eigentlich bekannt sind, muss man sich dabei echt herausuchen. "Radian" ist so eine funkelnde Ausnahme. Weltmusikanleihen treffen auf düstere Elektronik, ein nervöser Grundrhythmus gibt die Schlagzahl vor, bis sich alles in die Breite auflöst und den Weg für die gewohnten Air-Spielereien freigibt. Mein Lieblingsstück des Albums! Auch das hyperaktive "Lucky And Unhappy", das wahrhaft giftige "Sex Born Poison" oder das etwas an die frühen Goldfrapp erinnernde schräge "Wonder Milky Bitch" oder der Glam-Hoppler "Don't Be Light" dürfen sich zu den wirklich gelungenen Songs der Platte zählen.

Ansonsten gilt: leider mehr Füllmaterial als früher. Neben bereits erwähntem "Radio #1" fallen auch "People In The City", "Caramel Prisoner" und der Bonustrack "The Way You Look Tonight" in die "durchaus verzichtbar"-Kategorie. Daher muss sich "10.000 Hz Legend" im bandinternen Ranking etwas weiter hinten anstellen, schon blöd, wenn man gleich zu Karrierebeginn so einen Überklopper wie "Moon Safari" auf den Markt geworfen hat...

Bewertung: 3 von 5

Donnerstag, 16. Dezember 2010

CD-Rezensionen (211): Gipsy Kings - Greatest Hits (1994)

(Cover: Amazon.de)

Die ganz großen kommerziellen Erfolge der vielköpfigen Gitans-Truppe sind zwar schon einige Jahre her, die mit diversen außereuropäischen Einflüssen angereicherte Flamenco-Musik der Gitarrenvirtuosen kann aber auch noch heute innerhalb weniger Augenblicke gute Laune, Urlaunsstimmung oder einfach pures Tanzvergnügen vermitteln. Ich tingelte jahrelang als Party-DJ durch die Lande und wenn man dann zu fortgeschrittener Stunde Kracher wie "Baila me" oder "Bamboleo" auflegte, gab es praktisch kein Halten mehr. Da mutiert selbst ein braver deutscher Familienvater schon mal zum feurigen Tanzboden-Torero... 

Zwar geht den Tracks dieser "Best Of"-Kopplung, hintereinander gehört, gelegentlich etwas die Abwechslung ab, dafür schrammeln sich aber die Herren Reyes und Baliardo auf der Mehrzahl der Songs ordentlich die Finger wund. Nur gelegentlich gibt es geradezu liebevoll reduzierte Kleinode wie das anrührende Instrumental "Moorea" zu hören, eine entspannende Pause im doch sonst so dynamisch vorpreschenden Gipsy Kings-Katalog. Und selbst meine Wenigkeit, der der Coverei der persönlichen Lieblingssongs äußerst kritisch gegenübersteht, ist von der Flamenco-Variante des unsterblichen Sinatra-Klassikers "My Way" namens "A Mi Manera (Comme d'habitude)" schwer begeistert!

Gelegentlich geht es sogar regelrecht düster zur Sache. "Un Amor" ist ein etwa dreieinhalbminütiges Stück purer Schwermut und Melancholie und geht arg unter die Haut. Ein in jeglicher Hinsicht außergewöhnliches Stück stellt hingegen "Escucha me" dar. Angetrieben von einem locker-flockigen Reggae-Groove, spielt der Song darüber hinaus mit Bläsersätzen und indischen Sitar-Klängen - eine tolle Mischung! Auch "La quiero" bedient sich mit seinen Steel Drums in eher karibischen Gefilden, "Vamos a Bailar" wildert dafür im argentinischem Tango-Sound.

Insgesamt eine prima Sommermischung auch für kalte Wintertage mit einigen qualitativen Ausreißern nach oben und unten.

Bewertung: 4 von 5 

Montag, 13. Dezember 2010

CD-Rezensionen (210): Digital Orgasm - Appearances Are Deceptive (1992)

(Cover: Amazon.de)

Da beißt die Maus keinen Faden ab, die 90er waren die Dekade der tanzorientierten Musik. Hatten sich bereits etwa ab Mitte der 80er die Dancefloor-Produktionen auf eine kaum noch überschaubare und mit immer neuen Bezeichnungen versehene stilistische Spartenvielfalt aufgesplittet, differenzierte sich das Ganze im Folgejahrzehnt weiter aus. Wo soll man also dieses 1992 erschiene Album von Digital Orgasm, einem der zahlreichen Nebenprojekte des Lords of Acid-Machers Praga Khan, verorten?

Deutlich hörbar hört man der Platte die New Beat-Herkunft seiner Protagonisten an, auch wenn auf "Appearances Are Deceptive" aus allen Branchen munter zusammengemischt wird. Da rumpelt der Opener "Another World" mit seinem Drumloops und wilden Breaks wie The Prodigy zu ihren besten Zeiten, während dem ähnlich beginnenden "Running Out Of Time" ein geradezu simpler Tralala-Refrain im Kommerz-Houserhythmus untergejubelt wird. Ansonsen sehr viele sägende und blubbernde Acid-Klänge, teilweise tanzbar bis zum Exzess. Auf die Dauer geht den Tracks aber deutlich die Abwechslung ab, man ist da schon fast dankbar, wenn einem bei "Switch The Mood" wahre Synthie-Giftpfeile um die Ohren fliegen.

Gelegentlich geht es auch schwer daneben. "Startouchers" paart pure Beliebigkeit mit nichtssagenden Vocals, wirklich einer der Tiefpunkte. So bleibt eine durchwachsene Mischung, ein typisches Nebenprodukt eben. Am ehesten vergleichbar mit dem "White Room"-Album der Pop-Radikalinskis The KLF, freilich ohne jemals dessen Klasse zu erreichen. Anspieltips: "Another World", "Reality" und die an Moments Of Love" von The Art Of Noise erinnernde Hammerballade "Forever And A Day".

Bewertung: 3 von 5

Donnerstag, 9. Dezember 2010

Soundtrack Of My Life (023): George Michael/Wham! - Careless Whisper (1984)

Durch einen nur acht Tage nach meiner Heirat angetretenen neuen Job war es anno 2000 mit einer großangelegten Hochzeitsreise natürlich Essig. Die Frischangetraute und ich holten das dann im Frühjahr 2001 nach, wobei uns die Tour in karibische Gefilde in die Dominikanische Republik führte, damals leider gerade auf dem besten Wege in das tropische Ballermannparadies von heute.

Um nicht völlig im Hotel zu versumpfen, unternahmen wir diverse Ausflüge nach draußen, wobei uns eine Tour an die Südküste in die Nähe von La Romana führte, um mit einem Boot auf die unbewohnte Isla Catalina überzusetzen, ein paar Schnorchelstops inklusive. Die etwa 70 Kilometer lange Anreise zum Hafen überstand die Gattin nicht ohne körperliche Malaisen, Bus fahren (gerade auf herausforderndem Straßenbelag) ist nun wirklich nicht ihre große Stärke. Dementsprechend grün um die Nase ging sie dann an Bord, doch das Schaukeln des Boots machte die Geschichte freilich auch nicht besser, im Gegenteil. Besserung stellte sich erst nach Landgang, dem Essen und der Rücktour ein, die uns noch einen Zwischenstop an einer geradezu traumhaften Sandbank bescherte. Vom Boot wurden diverse hochprozentige Mischgetränke ins etwa 28 Grad warme und sattgrüne Wasser gereicht, dazu die malerische Aussicht ans Ufer und noch die mir vorher nicht bekannte Extended Version von George Michaels (bzw. Wham!, wenn man mal über die etwas komplizierte Entstehungsgeschichte des Songs nachdenkt) Riesenhit "Careless Whisper" im Hintergrund - so stelle ich mir das Paradies vor.

Und so konnte ein mir damals schon seit über 15 Jahren liebgewonnenes Stück noch einmal völlig neue Stärken entfalten. Immer wenn ich etwas Sonnenschein im Gemüt brauche, pfeife ich auf die eigentliche Intention des Texts, werfe Herrn Panayiotou in den Player und schon ist die Wärme da...

Donnerstag, 25. November 2010

CD-Rezensionen (209): H-Blockx - Time To Move (1994)

(Cover: Amazon.de)

Wenn in der laut LivCom-Award "lebenswertesten Stadt der Welt" Münster mal eben so ein Debütalbum aus dem Armel geschüttelt wird, das dem geneigten Hörer ordentlich den Rost aus den Knochen zu pusten weiß, dann ist das schon mehr als nur bemerkenswert. Im beschaulichen Westfalen entstand somit ein echter Crossover-Kracher, der deutlich mehr als nur mehrere Hitsingles mit putzigen Musikvideos aufzubieten hat. Zwar erfanden die Mannen um Henning Wehland das Genre nicht neu, für deutsche Ohren gab es da zuvor aber vergleichsweise wenig zu hören, gleich gar nicht im Lichte einer breiten Medienöffentlichkeit.

Es rumpelt, kracht und scheppert also an allen Enden, dies alles getragen von einem zur körperlicher Aktivität anregenden Beat. Gelegentlich vermeint man diverse Vorbilder um die Ecke schauen zu sehen, wie beispielsweise die Red Hot Chili Peppers bei "Say Baby" (ein wild dazu springender Flea drängt sich da vor meinem inneren Auge förmlich auf), dies ist aber alles andere als pures Epigonentum. Vielmehr liefert man mit "Move" ein wirkliches Brett ab, nicht zu Unrecht als Single ausgewählt. 

Erst bei Track gibt es mit der Ballade "Little Girl" eine kleine Atempause, doch selbst die entfaltet noch ausreichend Druck, um den Gesamteindruck des Albums aufrecht zu erhalten. Sollte trotzdem der unwahrscheinliche Fall eingetreten sein, diesen Song zu schlaff zu finden, wird schon unmittelbar darauf mit "Risin' High" der Puls wieder ordentlich in die Höhe gejagt. Sägende Megaphon-Raps á la Mike D (Beastie Boys) wechseln sich ab mit amtlichem Gitarren-Geknüppel. Sehr fein, das! "Real Love" packt noch mal ordentlich Speed drauf, falls es also jemanden bis dato zu langsam zugegangen sein sollte - bitte sehr, damit kann im Wortsinn schnellstens Abhilfe geschaffen werden, wie auch bei "Go Freaky".

In der Summe gesehen ein erstaunliches Debütalbum, dem - in der Gesamtheit betrachtet - vielleicht ein wenig die Abwechslung abgeht, dies führt aber nur zu minimalen Abstrichen.

Bewertung: 4 von 5

Donnerstag, 18. November 2010

CD-Rezensionen (208): Beck - Loser (MCD) (1994)

(Cover: Amazon.de)

Da von dieser Single-Veröffentlichung diverse Formate mit differierendem Tracklisting existieren, eine Anmerkung vorneweg: Diese Rezension bezieht sich auf die vier Songs enthaltende Veröffentlichung von 1994.

"I'm A Loser Baby, So Why Don't You Kill Me?" Dieses lässig hingerotzte Statement passt wie die Faust aufs Auge für die 1994 mit dem Tod von Kurt Cobain zeitweise völlig gelähmte Grunge- und Alternative-Szene, auch wenn der Song schon im Jahr zuvor in Kleinstauflage bei einem Minilabel erschienen war. Doch erst mit der Wiederauflage beim mächtigen Geffen-Konzern schoss die schräge Nummer auf hohe Chartspositionen (Platz 10 in den USA, immerhin Position 18 in Deutschland). Dabei hat "Loser", bei Lichte besehen, alles andere als Hitpotential. Herr Hansen rappt mit Absicht leicht neben der Spur, alle Instrumente klingen irgendwie verstimmt, der Track schlurft im Zeitlupentempo vor sich hin und der Text ist ist an Abgedrehtheit auch kaum zu überbieten. Aber irgendwie ist die Nummer mit den Sitarklängen in ihrer Schluffigkeit verdammt cool.

In diesem Stile geht es weiter, auch "Totally Confused" klingt wie aus einer Riesen-Marihuanawolke vorgetragen. Ein dominierender Bass plongt nebst unterstützendem Schlagzeug scheinbar ziellos vor sich hin, während Beck damenunterstützt über die Liebe räsoniert. Das hat fast schon Woodstock-Qualitäten! "Corvette Bummer" hingegen läd trotz schaumgebremstem Tempo dank seines lässigen Grooves sogar zum gepflegten Abhotten ein. Sehr genehm, das!

Das wenig schmeichelhafte Statement "MTV Makes Me Want To Smoke Crack" gibt gleichnamigen Song seine Titelzeile - wenn ich mich recht erinnere, war die damals noch hauptsächlich Musik sendende Station so selbstironisch, dies als gelegentlichen Jingle einzuspielen. Der gesamte Song ist eine interessante Soundcollage, die ein wenig planlos beginnt, sich dann aber dann zu einer Las Vegas-Entertainernummer á la "Rat Pack" entwickelt. Ungewöhnlich, aber gut, was für die gesamte Maxi-CD gilt. Knapp 16 Minuten originelle Alternative-Musik!

Bewertung: 4 von 5

Donnerstag, 11. November 2010

Soundtrack Of My Life (022): Kim Wilde - The Second Time (1984)

Ich habe es in dieser Rubrik schon mehrfach erwähnt - als Jugendlicher in der DDR war man nicht eben gesegnet mit Originaltonträgern westlicher Bands und Solisten. Hatte man keine spendable Verwandschaft jenseits der Grenze oder schickte man nicht die reiseberechtigte eigene Oma zum Plattenkauf gen Westen, musste halt das rührige Jugendradio DT64 mit seinen zahlreichen Mitschnittsendungen oder auch das normale Tagesprogramm - welches auch dankenswerterweise die gespielten Songs ohne störendes Reingequatsche der Moderatoren sendete - herhalten. Um so etwas wie Copyright scherte man sich im Funkhaus in der Ostberliner Nalepastraße ohehin wenig bis gar nicht.

Irgendwann im Frühwinter 1984 hockte ich dann mit meinen knapp 13 Jahren auch erstmals bewußt vor dem Radiorecorder, stundenlang auf der Jagd nach Hits und seltenen Stücken. Ich kann mich sogar noch sehr genau an meine ersten Beutestücke jenes kalten Nachmittags erinnern, auch wenn die damals aufgenommene ORWO-Kassette schon längst den Weg alles Irdischen gegangen ist. Ein völlig wilder Stilmix kam da zusammen, "Some Guys Have All The Luck" von Rod Stewart, "Tea In The Sahara" von The Police, "Thank God It's Christmas" von Queen und "Nutbush City Limits" von Ike & Tina Turner. Den Höhepunkt dieses ersten bewußten Musikhörens stellte wohl aber ein absoluter New Wave/New Romantics-Heuler dar, das damals brandneue "The Second Time (Go For It)" der Britin Kim Wilde. Aus heutiger Sicht eine recht schräge Nummer mit all seinen Staccato-Klängen, Miss Wildes dünnem Stimmchen und den fräsendem Synthie-Geplärr. Trotzdem: Schon aus nostalgischen Aufwallungen eine von mir immer wieder gern herausgekramte Nummer.

PS: Über meine damalige lautmalerische Niederschrift der Songtitel im Kassetten-Inlay decken wir an dieser Stelle mal besser den großen dunklen Mantel des Schweigens. Zur Entschuldigung: Mein Englischunterricht in der Schule hatte erst ein Vierteljahr zuvor begonnen...

Samstag, 6. November 2010

CD-Rezensionen (207): Enya - The Memory Of Trees (1995)

(Cover: Amazon.de)

Das Gute an Enya-Alben ist für mich die Tatsache, dass man so herrlich kontrovers darüber diskutieren kann. Wunderschöne Kontinuität oder der in Töne gegossene Stillstand, das Hochhalten irisch-keltischer Traditionen oder mit Klangbombast überzuckerter Edelkitsch - so ganz wird man sich da wohl nie einigen können. Ich gebe zu, dass ich die Erzeugnisse aus dem Hause Bhraonáin/Brennan auch nicht täglich genießen kann, aber bei entsprechender Situation und Gefühlslage gibt es wenig, das mir derart innere Ruhe verschafft.

Auch beim vierten Album geht es aus oben genannten Gründen vertraut zur Sache. Getragenes Tempo, vielfältige Hall- und Soundeffekte plus Enyas gar nicht mal umfangreiche, aber dennoch sehr berührende Stimme, die sowohl englische als auch lateinische und gälische Texte interpretiert, erzeugen einen Film im Kopf, bei dem man buchstäblich ganze Heerscharen von Tolkienschen Fantasy-Gestalten durch abenteuerliche Landschaften wandeln sieht. Herausragend hierbei "Pax Deorum", das mit seinen düsteren Klängen eine bedrohliche Atmosphäre erzeugt. "Anywhere Is" hingegen gelangte durch umfangreichen Radioeinsatz zu Weltruhm (immerhin Platz 7 in den britischen Charts).

Gelegentlich rutscht die Irin aber doch deutlich über die Kitschgrenze ("Hope Has A Place"), zudem ist im Allgemeinen die Gefahr der Verwechselbarkeit einzelner Songs aufgrund der gelegentlich sehr ähnlichen Arrangements groß. Eine echte Ausnahme bietet da "Tea-House Moon" mit seinen asiatisch angehauchten Sounds. Und für Enya-Verhältnisse geradezu fröhlich-optimistisch geht das Album mit "On My Way Home" zu Ende. Insgesamt eine wiederum typische Veröffentlichung, die an schlechtgelaunten Tagen drei, an melancholischen vier Wertungspunkte einfährt.

Bewertung: 4 von 5

Donnerstag, 4. November 2010

"Haste Scheiße am Fuß..." - Part Three!

Langsam mache ich mir über meine Alltagstauglichkeit Sorgen. Ich fühle mich derzeit arg an die Folge der Kult-Sitcom "Eine schrecklich nette Familie" erinnert, in der Bud "Dumpfbacke" Kelly für die Teilnahme an einem TV-Sportquiz brieft. Zum Schluss der Vorbereitung ist Kellys Kopf dann zwar randvoll mit allerlei Sportstatistiken und Athletennamen, für die Speicherkapazität mussten dann aber ein paar Basics im Hirn gelöscht werden. Genauso fühle ich mich seit einigen Tagen auch. Schießt sich eine Einser-Klausur und bekommt dann privat kein Bein mehr auf den Boden. Aber wieder einmal hübsch der Reihe nach.

In den Wochen wie dieser, in der ich mich arbeitstechnisch der Spätschicht widme, gehört es zu meinen Aufgaben, den Junior in den Kindergarten zu bringen. Man steht auf, macht Sohnemann Frühstück und begibt sich dann kurz nach Acht auf den Weg - solange das Wetter noch mitspielt, per Rad. Ich greife mir also heute Rucksack und Helm für den Zwerg, der mir schon stolz wie Bolle draußen die Schuhe zum Anziehen hingestellt hat. Ich ziehe also die Tür hinter mir zu und merke in gleichen Moment, dass der Schlüssel noch steckt - innen! Gleich panisches Kopfkino: Handy dabei? Nö, wozu auch, geh ja nicht auf Weltreise. Fahrrad nicht greifbar, da eingeschlossen und Kindergarten knapp 2 Kilometer weg, also zu weit zu Fuß. Letzter Ausweg: meine Eltern, zumindestens um den Kleinen an seinen Bestimmungsort zu bringen. Macht auch 25 Minuten Fußweg, die Sohnemann aber klaglos und mit Interesse durch die Blättermassen stapfend, absolviert.

Also mit Dad automobile Rundtour, da meine letzte Hoffung den Namen meiner Schwiegermutter trägt, da bei ihr ein Ersatzschlüssel geparkt ist. Aber auf der Arbeitsstelle treffe ich sie nicht an und zu Hause geht weder jemand ans Telefon noch wird die Tür trotz Sturmklingelns aufgemacht. Dabei steht das Auto vor der Tür und eine Jalousie ist noch unten - verdammt!

Nächster Anlauf: Schwägerin. Hat die nicht auch einen? Hmmmm...also raus aufs Land. Auto steht da, Glück gehabt! Der Freund empfängt mich mit "Pssst, Nachtschicht..." Geminsames Suchen in den Schlüsselbeständen - kein Ergebnis. Wieder zurück, wieder Anruf bei der Schwiegermutter - keiner da. Letzte Hoffnung: die Großeltern meiner Frau. Vielleicht steckt SchwieMu ja da? Kurzes Telefonat - negativ. Juniors Urgroßeltern versprechen mir allerdings, sich an der Fahndung zu beteiligen und bekommen irgendwann später die Gesuchte doch noch ans Telefon, die mich dann endlich bei meinen Eltern zurückruft. Also wieder Aufbruch - Zweitschlüssel abholen. Dabei plagt mich immer mehr ein Gedanke. Der Schlüssel steckte doch innen - oder doch nicht? Und falls ja, lässt sich dann der Ersatz überhaupt einstecken und schließen?

Gemeinsam mit meinem Geduldigen Senior stehe ich dann schlussendlich vor meiner Wohnungstür. Der große Moment fällt erwartungsgemäß unerfreulich aus. Der Schlüssel geht zwar ins Schloss, drehen läss er sich allem Ruckeln und Drücken zum Trotz aber nicht. Zudem werden wir misstrauisch von ein paar Möbelpackern beäugt, die im Haus einen Umzug stemmen. Sieht ja auch seltsam aus, wie sich gleich zwei an einem Türschloss zu schaffen machen.

Ich will gerade entnervt die vorher rausgesuchte Nummer des Schüsseldienstes anrufen, als meinem alten Herrn noch eine Idee kommt. "Die Tür ist doch nur rangezogen, nicht zugeschlossen oder?" Ich nicke stumm. "Das macht der Schlüsseldienst auch nur mit so einer Art Karte auf, das probieren wir mal. " Ich überlege noch, welches meiner Plastikteile am ehesten Bruch machen darf und finde im Portemonnaie Gott sei Dank noch eine Payback-Punktekarte, um die es nicht weiter schade wäre. Na, wenn jetzt die Möbelfritzen kommen...

Zwei, drei Rüttler und Stochereien später ist die Tür auf. In meiner Familie tummeln sich schon komische Talente...und ich brauch dringend was mit Ginseng!

Dienstag, 2. November 2010

CD-Rezensionen (206): DJ Bobo - Take Control (MCD) (1993)

(Cover: Amazon.de)

Genau drei Tonträger des umtriebigen Schweizers haben es in meine CD-Bestände geschafft, allesamt durch großzügige Überlassungen meines zum Erscheinungszeitpunkt der Maxi-Singles elfjährigen Bruders. Gelegentlich werden also aus Nostalgiegründen im Familienkreis die drei 93er-Erscheinungen "Somebody Dance With Me", "Keep On Dancing!" und "Take Control" herausgekramt. Was erwartet also nun den geneigten Hörer bei diesem dritten Streich?

"Nur kein Risiko" schien hier die vorherrschende Devise zu sein, denn auch wenn sich der Song durchaus eigenständiger anhört als seine sich wie ein Ei dem anderen gleichenden Vorgänger, gibt es dennoch all den üblichen Zutatenmischmasch der damaligen Eurodance-Ära zu hören. Herr Baumann rappt Knallerzeilen á la "You Take, You Shake, You Break, I'm Not Fake" und eine nicht weiter erwähnenswerte Dame darf im Refrain ebenfalls Lyrics sinnbefreiter Art zum Besten geben. Da muss "Trance" natürlich auf "Dance" folgen - reim Dich oder ich fress Dich!

Diese Höhenflüge mitteleuropäischen Tonschaffens gibt es hier in drei Versionen (Radio Mix, Club Dance Mix und Instrumental), wobei der gestreckte Clubremix einen gewissen trashigen Reiz hat. Richtig dreist allerdings der Bonustrack "Move Your Feet", der einerseits billig aus Schnipseln der anderen Singles wie auch als schamlos geklauten Passagen des Haddaway-Heulers "What Is Love?" aus dem selben Jahr zusammengeschustert wurde. Als Krönung dazu noch ein paar Alltime-Tanzboden-Phrasen wie "Move Your Feet To The Rhythm Of The Beat" oder "Pump Up The Volume" und fertig ist ein Produkt mit aufpappendem Recycling-Siegel.

Nach nicht ganz zwanzig Minuten ist der Spaß zu Ende. Fazit: Musik mit deutlichen Verfallserscheinungen, aber einem nicht unsympathischen Nostalgiefaktor.

Bewertung: 2 von 5

Mittwoch, 27. Oktober 2010

"Haste Scheiße am Fuß..." Reloaded

Heute Nachmittag gegen 15.45 Uhr wähnte ich mich wirklich im falschen Film. Nach all den Pleiten, Pech und Pannen der letzten Tage ereilte mich das nächste Desaster.

Die Vorgeschichte: Nach Nachtschicht und dem anschließenden Schlaf radelte ich zum Kindergarten, um den Junior abzuholen. Auf dem Rückweg kurzer Zwischenstop im Supermarkt um ein paar Kleinigkeiten mitzunehmen. Mein üblicher Wagenchip hing diesmal nicht am Schlüsselbund, sondern befand sich noch in der von mir gestern getragenen Hose. Daher Portemonnaie aus dem Rucksack fischen, Euro rausholen, einschieben, Sohnemann in die Kiste setzen, Geldbörse in die Jacke, ab die Post!

Nach nicht mal 5 Minuten waren alle Sachen erledigt, also Kasse, Zeug rauf auf's Band, Griff in die Jacke - Portemonnaie weg! Hektische Blicke in alle Richtungen - nix. Kassiererin Bescheid geben, Einkäufe wieder vom Band holen, umdrehen und zurück in den Laden stürzen war praktisch eins. Mit zunehmender Verzeiflung alle Regale abgefahren, an denen ich war, keine Spur. Personal gefragt, Leute angehauen - nur Kopfschütteln. Es frage sich jeder ehrlich: wie reagiert man selbst, wenn man was findet?

Das enthaltene Geld war weniger das Poblem, ich schleppe eh nie viel Bares mit mir rum, mehr als 20 Euro waren es daher nicht. Aber erst am Samstag das Handy und jetzt das hier - das war einfach zu viel. Besonders bizarr, dass während ich kurz vor dem Hyperventilieren stand, der Kleine alles für einen großartigen Spaß hielt und demzufolge bester Laune war. Ich rechne mir also demzufolge den zeitlichen und finanziellen Aufwand für die den Ersatz/die Sperrung von Personalausweis, Führerschein, Krankenkassen - und EC-Karte aus, als ich den Laden irgendwann ergebnislos verlasse.  beim Losschließen des Fahrrads spricht mich noch eine ältere Dame an, die das ganze Drama mitbekommen hat. "Es gibt halt keine ehrlichen Menschen mehr" meint sie bedauernd. "Das Geld wird rausgenommen, der Rest fliegt in die nächste Mülltonne - schlimm sowas."

Zu Hause angekommen ziehe ich mir aus dem Netz erst einmal alle Informationen zum Procedere bei Verlust von Dokumenten - herzlichen Glückwunsch aber auch! Ich wappne mich schon für den Bericht an meinen familiären Finanzminister, als es eine Stunde nach geschehen des Ganzen an meiner Tür klingelt. Und das Wunder geschieht. Die nette Dame vom Fahrradständer steht nebst Ehemann vor der Tür und überreicht mir strahlend das Corpus delicti mit vollständigem Inhalt. Es muss mir wohl im Vorraum des Supermarkts im Sichtfeld des dortigen Bäckerstands aus der Jackentasche geflogen sein und gelangte so in die Hände der Lady hinter dem Tresen. Die durchforstete daraufhin die Börse nach einer Telefonnummer (erfolgslos, wir stehen auch nicht mehr im Telefonbuch) und kam wohl mit besagtem Paar ins Gespräch - manchmal ist Smalltalk auch zu etwas Nutze! Die beiden erklärten sich bereit das Fundstück bei mir abzuliefern und weigerten sich dann hartnäckig, auch nur den geringsten Finderlohn von mir anzunehmen. ich bin dann nochmal eine Runde gefahren und hab mich bei allen Beteiligten ausführlich bedankt. Mein Menschenbild ist heute wieder etwas optimistischer geworden, aber dank der andauernden Pechstähne hatte ich selbst bei simplen abendlichen Schnippelarbeiten in der Küche ein ungutes Gefühl. Bei meinem derzeitigen Lauf säge ich mir noch halbe Finger ab...

Dienstag, 26. Oktober 2010

CD-Rezensionen (205): a-ha - East Of The Sun, West Of The Moon (1990)

(Cover: Amazon.de)

Es deutete sich bereits in einigen Stücken des dritten a-ha-Outputs "Stay On These Roads" (1988) an - die drei Norweger investierten hörbar in Bemühungen, sich vom Synthie- und Teenager-Pop-Klang der ersten Alben zu lösen. Wie das nach dem stellenweise noch etwas unentschlossen klingenden Vorgänger konsequent zu einem überzeugenden Endergebnis entwickelt wurde, kann man sehr gut an "East Of The Sun, West Of The Moon" ablesen, auch wenn der Platte kein ganz großer kommerzieller Erfolg mehr beschieden war.

Vielmehr hat man es hier mit einer Mischung aus Jazz ("Early Morning", "I Call Your Name", "The Way We Talk"), erwachsen gewordenem Pop ("Slender Frame", "Rolling Thunder" und ganz toll: "Waiting For Her") oder Blues ("Sycamore Leaves") zu tun, die sich zwar merklich von älteren Songs unterscheidet, deren Qualität dies aber überhaupt keinen Abbruch tut. Im Gegenteil, die neue Ernsthaftigkeit bringt eine ungewohnte, aber sehr wohltuende Klangfarbe mit ins Spiel. Mein Albumfavorit, das traumhaft-düstere "East Of The Sun" wäre im rein synthesizerlastigen Popbereich wirklich verschenkte Liebesmüh.

Die als Singleauskopplung fungierende Coverversion des Everly Brothers-Hits von 1961 "Crying In The Rain" fällt da ob ihrer Radiotauglichkeit fast schon aus dem Rahmen, "Seemingly Nonstop July" verweigert sich etwas einer stilistischen Einordnung und das etwas bemüht auf rockig getrimmte "Cold River" kann nicht wirklich überzeugen. Ansonsten bietet dieses Album nur wenig Angriffspunkte, auch wenn sich der eine oder andere a-ha-Fan damals etwas vor den Kopf gestoßen gefühlt haben mag. Auch bei mir hat "East Of The Sun, West Of The Moon" erst einige Umwege und Jahre benötigt, bis ich es wirklich zu schätzen gelernt habe. Nun möchte ich aber dieses erwachsene Stück Musik nicht mehr missen.

Bewertung: 4 von 5

"Haste Scheiße am Fuß...

...haste Scheiße am Fuß." Ein unsterblicher Spruch von Andreas Brehme. Langsam bin ich geneigt, dem Final-Torschützen von 1990 zuzustimmen, denn nach dem ohnehin verkorksten Wochenende ging es gestern munter in dieser Gangart weiter. Zunächst stand ein Weiterbildungslehrgang in der Firma an. Leider mächtig an der Praxis vorbeiproduziert, denn mit Messsensortechnik arbeiten im Haus allenfalls die Abteilungen Entwicklung und Musterbau, während es sich in der Prüf- und Testsektion der Produktion eher im Bereich der Kontaktmessung abspielt. Und wenn dann noch ein Prof. Dr. der TU Dresden als Dozent loslegt, schlackern dem gemeinen Facharbeiter aber mal so richtig die Ohren...

Wieder zu Hause die nächste Hiobsbotschaft. Das von mir für Ende November belegte Präsenzseminar in Leipzig wird mangels ausreichender Teilnehmermeldungen nicht stattfinden. Ich muss im Laufe der Studienzeit zwei solche Seminare absolvieren und hatte mich über die Tatsache gefreut, dass endlich mal eines in erreichbarer Nähe stattfindet. Aber wie ich schon auf der Studierendenplattform der FernUni mitbekommen habe - allzuviele Ossis sind im Bereich der Politikwissenschaft nicht am Start, so dass ich mich wohl oder übel für diese Seminare auf etwas Reisetätigkeit einstellen muss.

Zu guter Letzt noch ein Reinfall bei einer Hausbesichtigung, da man mit der Anschaffung von Wohneigentum liebäugelt. Nicht zu übersehende Fassadenschäden an einem gerade mal 15 Jahre alten Haus, dazu völlig überzogene Preisvorstellungen und ein (wahrscheinlich durch einen finanziellen Notstand bedingt) sehr aggressiver Alteigentümer - nee, das war auch nix... Es darf sehr schnell sehr viel besser werden, langsam nervt die Situation.

Sonntag, 24. Oktober 2010

Ein mieses Wochenende

"Es gibt Tage, da bleibt man besser im Bett". Dies ist keine besonders neue Weisheit. Aber wenn ich nun auf dieses ausklingende Wochenende zurückschaue, muss ich dem unbekannten Verfasser dieses Satzes sehr recht geben. Gestern wieder 4.45 Uhr aufstehen, um die sechste Frühschicht abzureißen, nach einer kurzen Pause der eigentlich zur Entspannung geplante Besuch eines hier stattfindenden Box-Events mit dem besten Freund. Die sportliche Qualität - gerade des Hauptkampfs - war allenfalls mäßig, zu allem Überfluss bemerkte ich auf dem Heimweg noch den Verlust meines Handys. Die sofortige Umkehr und Suche vor Ort verlief natürlich ergebnislos, das Ding wird sicherlich in den nächsten Tagen bei Ebay auftauchen. Auch wenn das Teil nicht sehr neu war und die SIM-Karte sofort gesperrt wurde, ärgert mich das doch, gerade weil Fotos von Sohnemann drauf sind.

Natürlich hat man an dem Abend ein, zwei (vielleicht auch drei) Bier getrunken, aber muss man deswegen gleich am Tag danach verkatert sein? Früher hat man ganze Nächte durchgefeiert und war trotzdem morgens einigermaßen fit. Man wird wohl wirklich alt... Dummerweise hatte ich meinem alten Herrn noch die Mithilfe bei ein paar Umräum- und Transportarbeiten zugesagt - mit Kopfschmerzen wirklich eine tolle Erfahrung! Dazu scheiterte am Mittag noch die Ersteigerung zweier Bücher im Netz, langsam sollte ich wohl besser mal ins Bett gehen, bevor noch mehr gegen die Wand läuft. Morgen aufgrund einer Weiterbildungsmaßnahme nochmal früh raus - mir reichts!

Freitag, 15. Oktober 2010

CD-Rezensionen (204): Culture Beat - Anything (MCD) (1993)

(Cover: Amazon.de)

Als diese Single als dritte Auskopplung aus dem "Serenity"-Album im Dezember 1993 erschien, war Produzent Torsten Fenslau bedingt durch einen Verkehrsunfall seit etwa einem Monat tot. Man kann diese Maxi mit insgesamt fünf Versionen des Songs (Grosser Club Mix, Introless, Tribal House Mix, Radio Converted, MTV Mix) also durchaus als das musikalische Vermächtnis des zur damaligen Zeit äußerst populären und erfolgreichen DJs und Produzenten betrachten.

Den Auftakt zur "Variation" des Reißbrett-Tracks bietet mit dem "Grossen Club Mix" die bereits beste Interpretation des insgesamt recht durchschnittlichen Eurodance-Stampfers klassischer Bauart. Ein sich langsam und düster aufbauendes Intro leitet die siebeneinhalb Minuten ein, die so alles beinhalten, was damals in der Rezepteküche des ausufernden Genres zu finden war. Abwechselnde männliche Rap- und weibliche Vocalparts, die fixen HiHat-Klänge im Hintergrund und klassischer Beat höherer Schlagzahl. Das bekam man in den Jahren 93/94 derartig oft und nur minimal variiert zu hören, dass einen im Nachhinein der kommerzielle Erfolg (in vorliegendem Fall Platz 4 der deutschen und Position 5 der britischen Charts) doch arg erstaunt. Gerade die Remixe borden nicht eben vor Kreativität über, so ist Track Zwei tatsächlich nur eine des Intros beraubte Version des ersten.

Selbst der recht vielversprechend beginnende "Tribal House Mix" erschöpft sich schon sehr bald im gewohnten Einheitssound, der nur mit ganz leichten Synthiespielereien angereichert wurde. Auch beim Rest ist sieht es nicht wirklich anders aus, so dass man den Eindruck eines knapp halbstündigen Endlostracks hat. Viel verschenktes Potential, schade.

Bewertung: 3 von 5

Dienstag, 12. Oktober 2010

CD-Rezensionen (203): The Cure - Pornography (Deluxe Edition) (1982)

(Cover: Amazon.de)

Es gibt in der Geschichte der populären Musik einige Platten, die man als seelisch labiler Mensch mit etwas Vorsicht genießen sollte. Das 1982er Erzeugnis der Herren Smith, Gallup und Tolhurst gehört mit Sicherheit dazu. Die zu diesem Zeitpunkt schwer drogen- und alkoholgeplagte Band goss hier alles, was die wenig optimistischen frühen 80er Jahre an Hoffnungslosigkeit zu bieten hatten, in ein absolut markerschütterndes Soundgewand, eine Ton gewordene Ausgabe von Goethes "Die Leiden des jungen Werthers" in acht Songs.

Wo soll man anfangen? Mit der die abgrundtiefe Stoßrichtung bereits zu Beginn aufzeigenden Textzeile "It Doesn't Matter If We All Die" beim mit seinen sägenden Gitarrenklängen schwer unter die Haut gehenden "One Hundred Years"? Oder dem wilden Bass/Drums-Duell der Singleauskopplung "The Hanging Garden"? Man taucht mit zunehmender Spieldauer immer tiefer in die Cure'sche Abwärtsspirale ein, Smiths teilweise wie hingeworfen klingende Gitarrenakkorde wirken in ihrer Filigranität wie ein Netz, das sich den Hörer umso tiefer darin verstricken lässt, je energischer er sich daraus zu befreien sucht. Diese hypnotische Wirkung wirkt faszinierend und beunruhigend zugleich, sehr gut beispielsweise beim Track "Siamese Twins" oder dem über sechsminütigen "The Figurehead" zu beobachten.

"A Strange Day" bekam einen grandiosen Chorus spendiert, der gegen die tiefdepressiven Strophen aufzubegehren scheint. Übertroffen noch von "Cold", einer einzigartigen Mischung aus Synthesizer- und Cello-Klängen, Robert Smiths klagendem Gesang und stark schaumgebremsten Drums. Sollte es jemals so etwas wie eine ultimative Wave-Hymne geben - hier ist sie! Mit der verstörenden Soundcollage "Pornography" entrinnt man dem Alptraum mit knapper Not, nicht ohne jedoch den Ratschlag "Find A Sickness, Find A Cure!" hinterhergerufen zu bekommen. Ein schaurig-schöner Höllentrip!

Die Bonus-CD dieser Deluxe Edition widmet sich wie auch schon diejenigen der Vorgängeralben allerlei Raritäten aus dem Demo- und Liveaufnahmenbereich. In ersterem darf "Break" schräg aus den Boxen scheppern, während die ohne Vocals aufgenommenen "Demise" und "Temptation" wie auch "The Figurehead" und "The Hanging Garden" in sehr guter Soundqualität daherkommen. "One Hundred Years" klingt hingegen noch richtig unfertig, eine breit wabernde Synthiefläche drängt die das Albumoriginal prägenden Gitarrensounds deutlich in den Hintergrund, die Drums sind lediglich behelfsmäßig mit einer Sequencer-Linie vertreten. Richtig experimentell geht es hingegen beim 13minütigen "Airlock: The Soundtrack" zur Sache. Ein wild und scheinbar ohne Plan klimperndes Piano, kombiniert mit allerlei Geräuschkulisse und einem ebenfalls eher improvisierten Bass ergeben ein schwerverdauliches, aber nicht uninteressantes Endergebnis.

Sechs Live-Tracks in Bootleg-Qualität (bis auf die scheinbar aus dem Soundboard gezogenen "A Short Time Effect" und "Siamese Twins") geben einen guten Einblick in die Konzertqualitäten der Truppe, bevor das hervorragende Studiodemo "Temptation Two" nach stolzen 115 Minuten Spieldauer einen Schlußpunkt unter dieses Glanzstück einer jeden Musiksammlung setzt. Volle Punktzahl, gar keine Frage!

Bewertung: 5 von 5

Montag, 4. Oktober 2010

Ein gelöstes Rätsel

Vor ein paar Monaten beschrieb ich an dieser Stelle das plötzliche Auftauchen eines geheimnisvollen und meinen Verwandten völlig unbekannten dritten Geschwisterkinds meines 1985 verstorbenen Großvaters. Die letzten Monate nahmen mich zeitmäßig etwas zu arg in Beschlag, um dem ganzen etwas auf die Spur zu gehen und mich im Kirchenarchiv der Gemeinde Zeithain zu vergraben. Heute morgen war es nun endlich soweit. Bewaffnet mit einer Kopien-Wunschliste, die alle mir bekannten Tauf-, Konfirmations-, Heirats- und Sterbedaten meiner Verwandten väterlicherseits umfasste, scheuchte ich die bedauernswerte Mitarbeiterin der Kirchverwaltung zwischen Archivraum und Kopierer hin und her, wobei sich das Scannen der dicken Wälzer als nicht unbedingt leicht von der Hand gehende Tätigkeit erwies, mussten doch zu allem Überfluß die nicht meine Forschung betreffenden Einträge anderer Personen aus Datenschutzgründen abgedeckt werden.

Schlussendlich zog ich dann mit gut zwei Dutzend Blättern und einem gelösten Rätsel wieder von dannen. Denn das Stöbern in den Registern förderte den Fakt zutage, dass meine Urgroßeltern am 20.06. 1913 Eltern eines Minna Margarete genannten Mädchens wurden. Ihr erstgeborenes Kind verstarb nur 10 Monate später, am 28.04. 1914 an einer Bronchitis. Tragisch...

Weitere Forschungsergebnisse der letzten Monate in Kurzform: ich verfüge durch das soziale Netzwerk Facebook zum Einen über einen direkten Kontakt in das heute polnische Dorf meiner Vorfahren, habe von dort von einer die gleiche Gegend beackernde Forscherkollegin aktuelle Fotos des Orts zugespielt bekommen und einen sehr freundlichen Kontakt zu drei Adelsfamilien aufgenommen, die das Gut des Dorfs im Laufe der Jahrzehnte besaßen. Als nächster Anlaufpunkt ist nun das Hauptstaatsarchiv in Dresden dran, wo ich weitere mir helfende Fundstücke vermute. Fortsetzung folgt...

Mittwoch, 29. September 2010

CD-Rezensionen (202): Distain! - Tears Of Joy Remix E.P. (1999)

(Cover: Amazon.de/distain.de)

Für die Remixtätigkeiten zu ihrer 1999er Single "Tears Of Joy" ließen die Augsburger Distain! mit Gareth Jones einen ganz großen Namen der Synthpop-Szene Hand ans Stück legen. Gleich zwei Neuversionen des Titelstücks steuerte der Brite, der teilweise bahnbrechende Alben von Depeche Mode, Erasure, Nick Cave oder den Einstürzenden Neubauten produzierte, für diese EP bei.

Der musikalische Reigen beginnt mit mit dem bandeigenen "Radio Mix", ein gefälliges Stück, das allerdings ohne größere Ecken und Kanten auskommt. Tanzbar und mit griffigem Refrain versehen - da kann man nicht viel falsch machen.

Deutlich tiefer greift hingegen Meister Jones in die Sound- und Effektekiste. Der "Club Mix #1" wummert mit ordentlich Tiefendruck aus den Boxen und verleiht dem Stück einen um Einiges höhere Intensivität, ohne dabei das Tempo großartig anzuheben. Gelegentlich nimmt sich der Track sogar etwas zurück um gleich im Anschluss wieder mit voller Kraft weiterzumachen. Sehr viel zurückhaltender und ganz seinem Namen verpflichtet hingegen der auf ein interessantes Wechselspiel von Drums und Effekten basierende "Chill Out Mix", der zudem einige vertraut erscheinende Sounds aus dem Œuvre Depeche Modes präsentiert. Das gefällt!

Mit "She's Gone" und "No Excuse" gibt es noch zwei Bonustracks obendrauf, wobei ersterer ein etwas angerocktes Stück und zweiterer ein gesanglich stellenweise gewöhnungsbedürftiger Popsong konventioneller Bauart mit sehr schönem Refrain darstellt.

Insgesamt sicherlich kein Meilenstein des Genres, aber ein qualitativ guter Tonträger von etwa achtzehneinhalb Minuten Spieldauer.

Bewertung: 4 von 5

Dienstag, 28. September 2010

Soundtrack Of My Life (021): Icehouse - Hey Little Girl (1983)

Wie ich bereits im letzten Eintrag dieser Rubrik schrieb - der Beginn meiner ernsthaften Beschäftigung mit Musik datiert zurück in das Jahr 1983. In diese Zeit fällt auch der erste Herzschmerz, natürlich eine frühpubertäre Schwärmerei für eine Mitschülerin. Ich erzähle wohl keine wissenschaftlich sensationellen Erkenntnisse, wenn ich erwähne, dass Altersgenossinnen in dieser Lebensphase alles andere als Augen für gleichaltrige Hormonverwirrte haben. Diese bittere Erkenntnis durfte also auch ich machen und was passte dann besser zum Bad im Selbstmitleid als Musik? Kramte man später den bockig-trotzigen "Du wirst schon sehen, was Du davon hast!"-Soundtrack á la "Zu spät" von den Ärzten hervor, fiel die Wahl in der Anfangszeit eher auf die melancholisch-sensible Variante.

Vielleicht täuscht im Rückblick die Erinnerung, aber das von mir immer noch hochverehrte "Hey Little Girl"der australischen Band Icehouse dürfte der erste musikalische Liebeskummerbegleiter meines Lebens gewesen sein. Immer noch zum Wegfließen...

Mittwoch, 22. September 2010

CD-Rezensionen (201): Front 242 - Official Version (1987)

(Cover: Amazon.de)

In der Reihe der 1992 mit neuem Cover-Artwork versehenen Re-Releases der Belgier behandelt "Official Version" Erscheinungen der Jahre 1986 bis 1987. Geboten wird wieder alles was das Herz des der Brachialelektronik zugeneigten Hörers erfreut - stampfende Rhythmen, hypnotischer Gesang und ein gerüttelt Maß an Düsternis.

Eröffnet wird die auf dieser Scheibe enthaltene Stunde vom Siebeneinhalbminüter "W.Y.H.I.W.Y.G.", bester Tanzbodenstoff im von den Stahlkappenschuh-Trägern geliebten "Drei Schritte vor, drei Schritte zurück"-Rhythmus. Gesungen wird dabei kaum sondern der Stampfer beschränkt sich überwiegend auf das effektvolle Einbinden von Samples der verschiedensten Art. Anders sieht das schon bei "Rerun Time" aus, bei dem Jean-Luc De Meyer seine Grabesstimme auspacken darf.

Insgesamt dominieren auf dieser CD die für die erfolgreichste Phase der Truppe typischen Sounds von stakkatohaften Rhythmen und metallisch-rumpelnden Klängen. Exemplarisch hierfür "Masterhit (Part I & II)", das von seinem Gegensatz von geradezu sanft vorgetragenen Vocals und treibend-einschneidender Musik lebt. Man greift bei diesem Tonträger also genau zu etwas Repräsentativem, kann aber trotzdem genug Abwechslung finden, wie beispielsweise beim fast schon balladenhaften "Slaughter", dem giftig flirrenden "Quite Unusual" oder dem von diversen Tempiwechseln geprägten "Red Team". Apokalyptischer Schlußpunkt hingegen "Angst" mit furchteinflößeneden Sprachsamples eines evangelikalen US-TV-Predigers.

Diese Neuveröffentlichung wartet darüber hinaus noch mit vier Bonustracks auf, den 12 Inch-Versionen von "Unusual" und "Aggressiva" sowie zwei "Masterhit"-Remixen, die dem Original noch einmal ganz andere Facetten entlocken. Insgesamt eine feine EBM-Scheibe!

Bewertung: 4 von 5

Dienstag, 21. September 2010

Buch-Rezensionen (201): Gerhard und Christiane Vogel - Blase und Bläschen (1963)

(Cover: Amazon.de)

Für mich war es immer ein Festtag, bei meinen Besuchen meiner Großeltern in den Kinderbüchern meines Vaters und seiner jüngeren Geschwister zu stöbern. Somit fielen mir ein ums andere Mal Erscheinungen aus den frühen 60er Jahren in die Hände, die man heute als Erwachsener als interessante Zeitdokumente der DDR jener Jahre lesen kann, so auch dieses 1963 erschienene Kinderbuch des Schriftstellerehepaars Gerhard und Christiane Vogel.

Erzählt wird die Geschichte der beiden befreundeten Zweitklässler Udo und Werner alias Blase und Bläschen. Diese leben in einem für die Jahre kurz nach der Zwangskollektivierung typischen Dorf der DDR und vertreiben sich die Zeit mit frechen Streichen. In den normalen Alltag platzt im April 1961 die Nachricht über Juri Gagarins ersten Weltraumflug. Der großsprecherische Blase ist sofort Feuer und Flamme und will selbstverständlich auch Kosmonaut werden. Doch erst einmal muss er seinen skeptischen Freund von der Notwendigkeit seiner außergewöhnlichen Trainingsmethoden überzeugen...

Die Euphorie, die gerade den Ostblock nach Gagarins Flug erfasste, kann man heute kaum noch nachvollziehen, ansatzweise ist sie aber in diesem Buch zu erahnen. Somit vermengen sich hier Kinderstreiche nach Art der Lausbubengeschichten mit realem geschichtlichen Hintergrund. Ein gewisser moralischer Zeigefinger ist dabei jederzeit zu bemerken, denn das sozialistische Erziehungsideal wirkt selbstverständlich umgehend auf alle Aktivitäten der beiden Neunjährigen ein. Dies wirkt aus heutiger Sicht etwas fremd, ebenso wie Begriffe und Einrichtungen, die schon zu meiner Kinderzeit - etwa 15 Jahre später - überholt waren, wie die Maschinen- bzw. Reparaturtechnischen Stationen (MTS und RTS) auf dem Land. Auch die im Buch noch zahlreich vorkommenden Maikäfer dürfte heutzutage nur noch selten jemand zu Gesicht bekommen.

Dies alles sollte man bei der Lektüre im Hinterkopf behalten, was aber nicht davon abhalten kann, dass "Blase und Bläschen" auch noch nach fast fünf Jahrzehnten zu unterhalten weiß. 1968 erschien mit "Feuer, Wasser und Wolkenbruch" eine weitere Geschichte um die beiden Jungen.

Bewertung: 4 von 5

Montag, 20. September 2010

DVD-Rezensionen (201): EM-Klassikersammlung, Ausgabe 01 - Viertelfinale (Hinspiel) 1972 England - BR Deutschland (1:3) (2008)

(Cover: Amazon.de)

Analog zu der zwei Jahre zuvor erschienen WM-Klassikersammlung veröffentlichte die "BILD am Sonntag" zusammen mit dem Sammelserien-Spezialisten DeAgostini im Vorfeld der Fußball-Europameisterschaft 2008 eine 40 Ausgaben umfassende Reihe, die große Partien der deutschen Elf bei europäischen Turnieren sowie einige Klassiker ohne deutsche Beteiligung in nicht-chronologischer Reihenfolge enthielt. Allen Scheiben war ein Begleitheft mit weiterführenden Informationen über Vorgeschichte, Hintergründe sowie statistischen Elementen wie Aufstellungen etc. beigefügt.

Der Auftakt der Edition enthält eines der legendenumwobensten Länderspiele der deutschen Fußball-Geschichte. Glücklicherweise räumt das Begleitheft mit so manchem Mythos auf, denn entgegen der existierenden landläufigen Meinung spielte man den Gegner eben nicht an die Wand, wovon weite Teile der zweiten Halbzeit mit wild anstürmenden Engländern zeugen. Dennoch wohnt man einem der besten Partien der DFB-Auswahl bei, nicht umsonst wurde die 72er-Mannschaft, die später auch den Europameistertitel holen sollte, als bestes deutsches Team aller Zeiten bejubelt. Auch wenn solche Vergleiche angesichts der permanenten Weiterentwicklung des Sports freilich hinken - es ist durchaus etwas dran!

Zunächst die bemerkenswerten Fakten: Der erste Sieg in Wembley gegen zu diesem Zeitpunkt seit sieben Jahren auf heimischen Boden ungeschlagene Engländer hat sicherlich eine historische Würdigung verdient. Dazu Günter Netzers bestes Spiel im (hier einmal grünen) Nationaltrikot, Uli Hoeneß und Paul Breitner als jeweils 20jährige Jungspunde oder der damals in der Regionalliga spielende Siggi Held als zweimaliger Tor-Vorbereiter. Trotzdem: sicher war der Sieg trotz der langen Führung nicht. Dem Strafstoß zum 2:1 ging beispielsweise eine krasse Fehlentscheidung des französischen Schiedsrichters Robert Héliès voraus. Zwar wurde Held offensichtlich von Englands "Sportler des Jahrhunderts" Bobby Moore gefoult, dies jedoch so klar vor der Strafraumgrenze, dass man den von Netzer mit viel Glück verwandelten Elfmeter durchaus als Geschenk ansehen kann. Müller machte anschließend mit einem für ihn wahrlich typischen Tor aus der Drehung den Deckel zu.

Vieles an diesem Spiel wirkt aus heutiger Sicht wie aus einer anderen Welt. Das fängt beim für aktuelle Zustände geradezu gemächlichen Spieltempo an, geht über absurde Frisuren- und Trainingsanzugmode bis hin zum Kommentar Werner Schneiders, der praktisch jeden Ballkontakt mit dem entsprechenden Spielernamen begleitet. Dazu noch der damalige EM-Modus mit Hin- und Rückspiel sowie die heute eher albern wirkenden "Deutschland vor, noch ein Tor!"-Sprechchöre von den Rängen - ja, die Zeiten haben sich wirklich geändert...

Dass man mit dieser DVD ein feines Stück Sportgeschichte in den Händen hält, täuscht nicht darüber hinweg, dass die Bildqualität allenfalls mäßig ist. Das Grün des Rasens flimmert unnatürlich und augenmalträtierend, die Digitalisierung des Ausgangsmaterials ist durch die deutlich sichtbaren Artefakte wenig sorgfältig ausgeführt worden. Zudem wird schon bei der ersten Folge der Reihe ein Manko der gesamten EM-Edition offensichtlich: Das die WM-Sammlung so interessant machende zusätzliche Material (Interviews, Vorberichte, Halbzeitanalysen etc.) fehlt hier praktisch auf jeder DVD, auf einigen gibt es geradezu eine böse Überraschung, doch dazu an entsprechender Stelle mehr...

Bewertung: 4 von 5

Freitag, 17. September 2010

Soundtrack Of My Life (020): Dan the Banjo Man - Dan the Banjo Man (1974)

Wenn ich auf die musikalische Begleitung meines bisherigen Lebens zurückschaue, muss ich das in zwei Zeitabschnitte einteilen. Der meine Kindheit prägende Sound der 70er speiste sich hauptsächlich aus im Hintergrund laufender Beschallung aus dem Radio, natürlich ohne zu wissen, wer da genau was singt. Richtig zielgerichtet mit Musik auseinandergesetzt - was mangels in der DDR käuflich zu erwerbender Tonträger gleichbedeutend war mit ganzen Nachmittagen bzw. Nächten am Aufnahmegerät verbrachten "Jagdsessions" - habe ich mich erst um das Jahr 1983.

So ist es bis auf die ganz großen Hits von ABBA & Co. im Nachhinein recht schwer, die mich vor diesem Zeitpunkt prägenden Songs zu rekonstruieren, hat man doch oftmals nicht mehr als eine Melodie in seiner Erinnerung, keine Bilder, keinen Text. Über ein ganz vertracktes Beispiel zerbrach ich mir jahrelang den Kopf. In meinen ersten Monaten im Internet machte ich die Erfahrung, dass es scheinbar für jedes Wissensproblem einen entsprechenden Online-Experten gibt. So auch bei der Suche nach in der Erinnerung hängengebliebenen Songs. Die Frage "Wie heißt das und wer singt es?" war oftmals mit ein paar rudimentär hervorgekramten Textfragmenten von irgend jemandem zu beantworten. Das Problem aber in meinem Fall: Wie beschreibt man ein Instrumentalstück?

Ich stellte die Frage mit einer vagen Beschreibung der Melodie und der Instrumentierung in mehreren Musikforen, ohne jemals das richtige Ergebnis zu erreichen. Die Lösung kam wie so oft durch einen absoluten Zufall. An einem langweiligen TV-Abend mit der an und für sich unsäglichen "ultimativen Chartshow" des Senders RTL zum Thema "One Hit Wonder" glaubte ich meinen Ohren nicht zu trauen. Da war es! Da war es! Insgesamt eine absurde Situation: ein mit "Dan the Banjo Man" obskurer Bandname, dazu ein gleichnamiger Song und als Krönung das Jahr. 1974, da war ich knapp drei und konnte mich an dieses Lied erinnern???

Donnerstag, 16. September 2010

Nachtgedanken (099)

Da ich mich heute wieder einmal des nächtlichen Arbeitens befleißigen muss und werde, habe ich für die letzte Ausgabe vor dem "Jubiläum" etwas zum Thema der dunklen Tageszeit ausgesucht. Autor von "Einsame Nacht" ist der Österreicher Leo Greiner (1876-1928).

Meines Hauses dunkle Giebel
steigen hoch ins Wolkenwehn.
Zauberbrunnen sind die Wände,
drin durch kühle Schattenhände
Eimer auf und niedergehn.

In dem Wechsel alles Schwebens
was bereitet doch die Zeit?
Alle Wandrer jetzt auf Erden
müssen schauernd Zeuge werden
ihrer tiefen Einsamkeit.

Haupt hinauf, wo im Gewölbten
wirkend eins ums andre kreist:
um die Wolken tanzen Sterne,
um die Sterne rollt die Ferne,
um die Ferne fährt der Geist.

In die Wanderschaft der Kreise
blühst du auf aus engem Schmerz:
Du auch wirst ein Ring im Ringe,
alle goldene Saat der Dinge
schließt sich reifend um dein Herz.

Mittwoch, 15. September 2010

CD-Rezensionen (200): Die Ärzte - Die Ärzte (1986)

(Cover: Amazon.de)

Nach dem Rausschmiss ihres Bassisten Sahnie zum Duo geschrumpft, reduzierten Bela B. und Farin Urlaub alias Die Ärzte aus Berlin (aus Berlin!) den Titel ihres dritten Longplayers auf den Bandnamen - eigentlich ein damaliges Stilmittel für Debütalben - wohl auch, um einen Neuanfang zu symbolisieren. Dazu passen die von Starfotograf Jim Rakete recht düster gehaltenen Fotos auf Cover und im Booklet ebenso wie die eher morbide Grundausrichtung der gesamten Platte. Ob Liebeskummer, Vampire oder eher abgründige Seiten der Sexualität - hier war für alles gesorgt, so gründlich, dass sich auch wieder einmal die den Ärzten in herzlicher Abneigung verbundene Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften ins Geschehen einschaltete und den gesamten Tonträger aufgrund des Tracks "Geschwisterliebe" kurzerhand (wie schon beim Vor-Vorgänger "Debil" geschehen) auf den Index setzte.

Musikalisch geben sich die Herren B. und Urlaub wieder einmal die Klinke in die Hand und greifen bei den jeweils geschriebenen Titeln höchstselbst zum Mikrofon (B:: viermal, Urlaub: inklusive des mäßigen Coversongs "Jenseits von Eden" siebenmal), wobei der lange Blondschopf hauptsächlich für den drastisch-bissigen Teil und der damals als Paradewaver auftretende Bela für die dunkle Romantik verantwortlich zeichnet. Mir persönlich haben schon immer die Urlaub'schen Ergüsse mehr gelegen, so auch hier. Die Ärzte bildeten damals ohnehin den perfekten Soundtrack zu einer Jugend (auch, wie in meinem Falle, in der DDR) und demzufolge griff man bei erstem Liebeskummer zielgerichtet zu "Wie am ersten Tag" (der bekennende Beatles-Fan Urlaub bediente sich hier hörbar bei "Don't Bother Me" vom "With The Beatles"-Album) oder "Für immer", ohne bei Letzterem freilich die auslegbare Zweideutigkeit zu begreifen, eine Fähigkeit, die Farin Urlaub bis zur Meisterschaft perfektionierte. Geht man beispielsweise den textlichen Weg von "Zum letzten Mal" zu Ende, landet man gleich beim nächsten Indexkandidaten...

Natürlich ist dies alles schwer mit den heutigen Ärzten zu vergleichen, geradezu schlagermäßig und soft wirken die typischen 80er-Songs im Kontext zum aktuellen Gitarrengeknüppel der Kapelle. Trotzdem sind sich die Herren Doktoren bekanntlich nicht zu schade, das eine oder andere Frühwerk gelegentlich live zum Besten zu geben. Eine äußerst begrüßenswerte Haltung, die sich fürwahr nicht jede altgediente Band zu eigen macht. Aber Selbstironie war schon immer eine ganz große Stärke der Berliner.

"Die Ärzte" ist vielleicht nicht das beste Album aus der Frühphase der Truppe, enthält aber allerhand zu Klassikern avancierte Songs, wie das das Bandmaskottchen einführende "Sweet Sweet Gwendoline", das wohl auch heutigen Emos zusagende "Mysteryland" oder die mich immer noch zu Tränen rührende Nummer "Für immer". Ein deutscher Klassiker!

Bewertung: 4 von 5

Dienstag, 14. September 2010

Nachtgedanken (098)

Das Schöne an meinen literarischen Streifzügen für diese Rubrik ist das immer neue Finden von Aussagen, die einem selbst in irgendeiner Form wichtig oder zutreffend erscheinen. So ging es mir auch wieder dieses Mal, als ich auf das Gedicht "Der Spruch" des im Ersten Weltkrieg gefallenen Ernst Stadler (1883-1914) stieß.

In einem alten Buche stieß ich auf ein Wort,
Das traf mich wie ein Schlag und brennt durch meine Tage fort:
Und wenn ich mich an trübe Lust vergeb,
Schein, Lug und Trug zu mir anstatt des Wesens hebe,
Wenn ich gefällig mich mit raschem Sinn belüge,
Als wäre Dunkles klar, als wenn nicht Leben tausend wild verschlossne Tor trüge,
Und Worte wieder spreche, deren Weite nie ich ausgefühlt,
Und Dinge fasse, deren Sein mich niemals aufgewühlt,
Wenn mich willkommner Traum mit Sammethänden streicht,
Und Tag und Wirklichkeit von mir entweicht,
Der Welt entfremdet, fremd dem tiefsten Ich,
Dann steht das Wort mir auf: Mensch, werde wesentlich!

Montag, 13. September 2010

Buch-Rezensionen (200): Thomas Bernhard - Der Untergeher (1983)

(Cover: Amazon.de)

An und für sich bilde ich mir ein, auch gegenüber anspruchsvoller und nicht en passant zu konsumierender Literatur aufgeschlossen zu sein. Gerade die Bibliothek der Süddeutschen Zeitung hat diesbezüglich einige Herausforderungen in petto. Dennoch kam ich nicht umhin, mich nach der anstrengenden Lektüre des fünften Buchs der Edition aus der Feder des 1989 verstorbenen Österreichers Thomas Bernhard zu fragen: "Was war das jetzt?"

Zunächst die Fakten: Das 1983 erschienene Buch ist ein Monolog eines namenlos bleibenden Ich-Erzählers über die zunehmende Sinnlosigkeit seines Lebens und das des befreundeten Wertheim, beide Konzertpianisten und angesichts der virtuosen Genialität des ehemaligen Mitstudenten am Salzburger Mozarteum, Glenn Gould, von schweren Zweifeln bis hin zu Suizidgedanken gequält.

Dies klingt gar nicht mal uninteressant, insbesondere die Verquickung zwischen fiktiven und historischen Personen wie Gould oder Vladimir Horowitz und deren Einbindung in einen Kontext, der den realen Personen einen frei erfundenen Lebenslauf zuweist, ist von einer gewissen Genialität geprägt. Allerdings gebe ich auch gerne zu, dass mich Bernhards sprachliche Umsetzung fast an den Rand des Wahnsinns getrieben hat. Dass das gesamte Buch mit gerade einmal vier Absätzen (von denen drei die ersten drei Zeilen bilden) auskommt, ordne ich noch in die Rubrik "verschrobenes Stilmittel" ein. Aber die endlosen Wiederholungen von "dachte ich" "dachte er", "sagte ich", "sagte er" in ewig langen Schachtelsätzen zauberte mir diverse Knoten in die Gehirnwindungen. Scheinbar ließ sich Sven Regener von diesem Buch zu den sehr ähnlich klingenden Absätzen in "Herr Lehmann" inspirieren.

In einem Buch muss nicht zwangsläufig viel passieren, um es spannend und interessant zu gestalten. Aber "Der Untergeher" hat mich stellenweise echt in die Knie gezwungen. Scheinbar bin ich der Höhenkammliteratur nicht in jedem Fall gewachsen. Ich versuche diesen subjektiv gesehenen Totalausfall der SZ-Bibliothek mit Humor zu nehmen und zitiere aus einer Sternstunde des deutschen Fernsehens: "Aber es muss doch wohl erlaubt sein, ähm, zu sagen ich kann damit nichts anfangen. Deswegen müssen Sie doch nicht sagen, ähm, dass ich also weniger intellektuell bin als andere Leute. ... Und das Lamm schrie: Hurz!!!"

Ein Extrapunkt für die Herausforderung.

Bewertung: 2 von 5

Bärbel Bohley & Claude Chabrol †

(Foto: faz.net)

Durch den ganzen Studiumstrubel der letzten Tage muss ich an dieser Stelle noch zwei Todesfälle nachtragen. Dies betrifft zum einen die DDR-Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley, die erst in den Wendetagen als Mitinitiatorin des "Neuen Forums" in meinen persönlichen Focus rückte. Wenn man das Anliegen der damaligen Aktivisten mit den dann tatsächlich erfolgten geschichtlichen Entwicklungen vergleicht, kann man schon verstehen, dass Frau Bohley sich aus der Öffentlichkeit zurückzog und sich unter anderem auf dem Balkan engagierte. Am 11.09. ist die Malerin im Alter von 65 Jahren einem Lungenkrebsleiden erlegen.

(Foto: SPIEGEL.de)

Einen Tag später verstarb im Alter von 80 Jahren einer der wohl wichtigsten europäischen Regisseure der letzten Jahrzehnte und einflussreiche Vertreter der Nouvelle Vague, der Franzose Claude Chabrol. Ich müsste mal wieder ein wenig in den alten Filmen kramen...

Freitag, 10. September 2010

Klausurnachbetrachtung

Gestern habe ich also mit der das Semester abschließenden Klausur meine erste schriftliche Prüfung seit stolzen 16 Jahren absolviert. Auch wenn das Ergebnis noch mehrere Wochen auf sich warten lassen wird - ich habe ein gutes Gefühl. 20 Fragen waren zu beantworten, von denen mich nur eine (mit 5 von insgesamt 100 zu erreichenden Punkten bewertete) vor ernsthafte Probleme stellte. Einen Notentip wage ich nicht, aber dass ich die zum Bestehen nötigen 38 Punkte erreicht habe, halte ich für sicher. Nun also wieder fein geduldig sein...

Freitag, 3. September 2010

Nachtgedanken (097)

Die nächste Woche hält mit meiner das zweite Semester abschließenden Klausur die erste schriftliche Prüfung nach 16 Jahren für mich bereit. Das Kribbeln im Magen hat schon angefangen, ich bemüh mich jedenfalls, die Aufregung (und sicherlich auch etwas Angst) in den Griff zu bekommen. Vielleicht sollte ich mal bei August Karl Silberstein (1827-1900) nachschlagen...

Ich nehm' es leicht,
Ob Schweres auch zu tragen!
Halb ist erreicht
Ein Ziel durch frohes Wagen.
Wer wird erst stehn und zagen,
Die Frische weicht.
Ob Schweres auch zu tragen,
Ich nehm' es leicht!

Ich nehm' es leicht,
Wie auch die Lose fallen!
Die Zeit verstreicht
Zu rasch ja mit uns allen ...
In Hütten wie in Hallen
Die Locke bleicht;
Wie auch die Lose fallen
Ich nehm' es leicht!

Donnerstag, 2. September 2010

DVD-Rezensionen (200): Kinski Paganini (1989)

(Cover: Amazon.de)

Ich gebe zu, dass mich Klaus Kinskis letzter Film etwas ratlos zurückgelassen hat. Etwa Mitte der 90er hatte ich das zugehörige, die teils unter chaotischen Umständen verlaufenen Dreharbeiten schildernde Buch gelesen und im Anschluss erwartet, es mit einem der wohl größten Meisterwerke der Kinogeschichte zu tun zu haben. Nachdem der Film über lange Zeit nirgendwo zu sehen oder erhältlich war, schlug ich als Kinski-Fan bei Erscheinen der Box natürlich sofort zu, um "Kinski Paganini" als persönliche DVD-Premiere zu erleben. Greifen wir einmal vor: Ich hatte Anderes, Größeres, erwartet.

Kinski ist zeit seines Lebens vorgeworfen worden, überwiegend sich selbst gespielt zu haben. Hier treibt er es aber von sich aus auf die Spitze, in dem er schon im Vorfeld eine mentale Verbindung und Seelenverwandschaft mit dem weltberühmten Violinisten Niccolò Paganini (1782-1840) herstellte, sich sogar als eine Art Reinkarnation des legendären Musikers inszenierte, ähnlich wie in seiner frühren Rolle als moderner François Villon. Auch wenn Einiges am Leben Paganinis nach wie vor ungeklärt sein mag, lässt sich eine scheinbare Ähnlichkeit im Charakter beider Ausnahmekünstler sicherlich nicht leugnen.

Dieses Projekt beschäftigte Kinski also seit Jahren, die Realisation scheiterte aber immer wieder an Finanzierungsproblemen und Kinskis Willen, den Film ganz nach seinen Vorstellungen zu gestalten. Werner Herzog lehnte bekanntlich ab, Regie zu führen, da er nach eigener Aussage Kinskis Drehbuch "für unverfilmbar hielt". Was nun schlussendlich herauskam, als der Schauspieler alles in seine Hände nahm, kann man auf dieser DVD in zwei Versionen besichtigen, einmal in einer vom verzweifelten Verleih umgeschnittenen und gekürzten Fassung in besserer Bildqualität und einmal in der Kinskis Vorstellung entsprechenden "Versione originale", deutlich rüder und teilweise mit pornographischen Elementen ausgestattet. Überzeugt haben mich beide nicht wirklich.

Dass Kinski auf Dinge wie eine halbwegs schlüssige Handlung und jegliche künstliche Ausleuchtung der Szenen verzichtete - geschenkt. So mancher Arthaus-Film hat mit ähnlichen Attributen beeindrucken können. Und auch die eigentliche Idee des Films, Paganini als einen von der Musik und den Frauen besessenen Getriebenen zu zeichnen, ist vom Ansatz her überhaupt nicht verkehrt. Schlimmer macht es eigentlich die pure Ideenlosigkeit in den einzelnen Szenen, die sich zum Teil komplett ereignislos dahindehnen. Es verwundert nicht, dass für diesen Film geradezu aberwitzige Mengen an Material belichtet wurden.

Trotzdem besitzt "Kinski Paganini" auch seine starken Momente, selbst wenn dies gelegentlich recht simplen filmischen Mitteln wie Zeitlupeneinstellungen geschuldet ist. Ein allein über eine Piazza wandelnder Kinski, dessen suchend-wissender Blick über die ihn umgebenden Personen wandert - das hat schon was! Da vergisst man auch die doch recht überschaubaren darstellerischen Qualitäten Kinskis damaliger Geliebter Debora Caprioglio als Antonia Bianchi. Sein Sohn Nikolai in seiner ersten Filmrolle hingegen macht seine Sache sehr gut, wie auch in den gemeinsamen Szenen auffällt, wie liebevoll der sonst als Berserker verschrieene Mime mit seinem Kind umgeht. Diese von geradezu abgöttischer Zuneigung geprägte Beziehung ist mir auch schon in Kinskis Lebenserinnerungen aufgefallen und wird durch das gemeinsame Spiel mehr als bestätigt.

Sehr gelungen ist die Aufmachung der Doppel-DVD. Neben den beiden Filmversionen finden sich darauf nicht verwendete Szenen, ein ausführliches "Making Of", sowie Bildergalerien, Trailer, Interviews und Kinskis legendäre Kurz-Pressekonferenz in Cannes, bei der er sich in der ihm eigenen Art über die Nichtzulassung seines Films beim dortigen Festival erregt. So mag ich das!

"Kinski Paganini" wird entweder abgöttisch geliebt oder grundlegend abgelehnt. Ich möchte mich dennoch irgendwo in der Mitte einreihen, da ich diversen Passagen des Films sehr wohl etwas abgewinnen kann. Ich würde zum Anschauen der "Versione originale" raten, da diese viel mehr den ungezügelten und authentischen Klaus Kinski zeigt als die geschnittene Fassung. Dennoch treibt mich nun schon lange eine Frage um: Was hätte Werner Herzog gemeinsam mit Kinski aus dem Stoff gemacht?

Bewertung: 3 von 5

Mittwoch, 1. September 2010

CD-Rezensionen (199): DJ Bobo - Keep On Dancing! (MCD) (1993)

(Cover: Amazon.de)

Die Nachfolgesingle des Schweizers zum den europaweiten Durchbruch bedeutenden Hit "Somebody Dance With Me" ist ein einziges Déjà-vu. Nicht nur dass sich beide (äußerst uninspiriert wirkende) CD-Cover sehr ähneln, auch ansonsten wurde komplett auf Nummer Sicher gegangen. Wieder wurden vier Tracks auf die Scheibe gepresst, wieder handelt es sich um vier Variationen des gleichen Songs und erneut bewegt sich der Gesamtinhalt um eine Gesamtlaufzeit von etwa 19 Minuten. Selbst die in Deutschland erreichte Chartsposition (5) stimmt fast punktgenau mit der des Vorgängers (Platz 4) überein. Wie sieht es aber nun mit dem musikalischen Inhalt aus?

Am nächsten an "Somebody Dance With Me" sind sicherlich die sich nur in ihrer Spieldauer unterscheidenden Tracks 1 und 3, der "Classic Radio Mix" und der "Classic Club Mix", dran. Da hämmern die selben Billig-Synthpianos ihren House-Rhythmus ins Gebälk, der Bass bumpert so vor sich hin und dazu gibt es Raps mit Gaga-Inhalt und einen mit dünnem Stimmchen vorgetragenenen weiblichen Refrain-Part. Feinster Eurodance-Trash, absolut typisch für die Zeit. Erwähnte ich eigentlich schon die Ähnlichkeit zur Vorgängersingle? Denn wie auch schon dort enthält die Maxi-CD einen sogenannten "Live"-Track, was nichts anderes als einen nur durch diverse Klatsch- und Pfeifgeräusche zu identifizierten Halbplayback-Auftritt namens "Live At The Gersag-Party". Klingt wie das Betriebsvergnügen des lokalen Energieversorgers...

Unfreiwillig komisch ist das Ganze schon, aber immerhin wagt sich Track 2, der "New Fashion Radio Edit", etwas auf neues Terrain und spielt ein wenig mit anderen Sounds herum, was das Ergebnis stellenweise deutlich housiger erscheinen lässt. Gar nicht mal so übel! Doch um die Ähnlichkeit zu mehrfach erwähnter Schwestersingle komplett zu machen, gibt es in diesem Falle von mir auch die selbe Wertung.

Bewertung: 2 von 5

Dienstag, 31. August 2010

Buch-Rezensionen (199): Thomas Hermanns - für immer d.i.s.c.o. (Hörbuch) (2009)

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Selten habe ich mich derart im Nachhinein zu der Entscheidung beglückwünscht, die Audiovariante eines Buches gewählt zu haben wie bei den Jugenderinnerungen des TV-Entertainers Thomas Hermanns. Die höchst unterhaltsamen Ausführungen über die zweite Hälfte der Siebziger und die frühen Achtziger Jahre, die damals die Tanzflächen beherrschende Disco-Music und Hermanns' erste Schritte in der Schwulenszene mögen auch in gedruckter Form funktionieren, aber wer einmal die brüllend komische Schilderung - besser: Nachinszenierung - eines geradezu bizarren Amanda Lear-"Konzerts" in der Nürnberger Meistersinger-Halle gehört hat, wird verstehen, was ich meine. Zusätzlich werden höchst passend im Text erwähnte Titel als Hintergrundmusik eingespielt, was die Wirkung und Verständlichkeit enorm erhöht.

Der Erfinder des "Quatsch Comedy Clubs" spannt einen weiten Bogen über seine von viel Musik in trister Wohnumgebung geprägten Kinder- und Jugendjahre in Nürnberg bis hin zu seinem Studium in München und den später erfolgten beruflichen Durchbruch. Zwar ist der überwiegende Teil von "für immer d.i.s.c.o." von Humor geprägt und wird von Hermanns in angenehmem Tonfall gewohnt charmant gelesen. Dennoch werden ernst Themen nicht ausgespart, angefangen von der ersten Gefühlsverwirrung, das eigene Coming Out über Schwulenfeindlichkeit im In- und Ausland bis hin zum HIV- und AIDS-Schock der frühen 80er mitsamt seiner Todesspur im Bereich der Disco-Musik. Dass ein dermaßen amüsierendes Buch immer wieder durch diese extremen Gegensätze radikal gebrochen wird, hat mir ganz besonders imponiert.

Ein weiteres Plus der Audiobookversion: Auf CD 4 sind noch einmal alle im Buch verwendeten Tracks in voller Länge - von Thomas Hermanns kurz anmoderiert - enthalten. Da darf man gleich mal die gegebenen Hustle-Tanzlektionen in die Praxis umsetzen...

Zielgruppe dieses Buchs? Vielfältig, möchte ich meinen. Der offen oder versteckt lebende Schwule wird sich ebenso einfinden wie das Kind der Siebziger, Interessierte an Musikgeschichte und Popkultur sowieso. Zwar kann "für immer d.i.s.c.o." nicht für sich in Anspruch nehmen, eine umfassende historische Darstellung dieses Musikstils zu liefern. Dafür werden ein paar allzu gewagte Verschwörungstheorien über das Ende der Ära aufgestellt. Schließlich verendete Disco nicht (wie von Hermanns und diversen ehemaligen Protagonisten suggeriert) an den permanenten Störmanövern von Gegnern in Musikbiz und Gesellschaft sondern schlicht und einfach an einem der normalsten Vorgänge der Musikwelt - der kontinuierlichen Weiterentwicklung. Jede Musik hat ihre Zeit, gelegentlich mit diversen Retrowellen geadelt. Doch diese gelegentlichen Ungereimtheiten seien einem bekennenden Disco-Aficionado nachgesehen - für mich ein klasse Hörbuch mit einigen persönlichen Musik-Neuentdeckungen, kam doch die Disco-Welle für mich ein dreiviertel Jahrzehnt zu früh...

Bewertung: 5 von 5

Montag, 30. August 2010

DVD-Rezensionen (199): WM-Klassikersammlung, Ausgabe 37 - Kleines Finale 2006 BR Deutschland - Portugal (3:1) (2006)

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Im Vorfeld der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland veröffentlichte die "BILD am Sonntag" zusammen mit dem Sammelserien-Spezialisten DeAgostini eine ursprünglich auf 30 Ausgaben angelegte, dann aber mit den hinzugefügten sieben Spielen der DFB-Elf bei der WM auf 37 DVDs erweiterte Reihe, die große Partien der deutschen Elf bei Weltmeisterschaften sowie einige Klassiker ohne deutsche Beteiligung in nicht-chronologischer Reihenfolge enthielt. Allen Scheiben war ein Begleitheft mit weiterführenden Informationen über Vorgeschichte, Hintergründe sowie statistischen Elementen wie Aufstellungen etc. beigefügt.

Mit dieser DVD endet die WM-Klassikersammlung und um es vorneweg zu sagen: Die Reihe hätte keinen besseren Abschluss finden können. Die das "Sommermärchen" beendende Partie gerät gleichzeitig zur Party und beinhaltet eine ganze Reihe emotionaler Momente, ergreifender Abschiede und stimmungsvoller Eindrücke und das nicht nur auf dem Rasen. Doch hübsch der Reihe nach.

Da wäre zum einen der sportliche Aspekt. Wie die oftmals als "Spiel um die Goldene Ananas" verschrieenen Matches um den 3. Platz einer Weltmeisterschaft bei früheren und auch späteren Turnieren gezeigt haben, bieten sie im Regelfall einen deutlich höheren Unterhaltungswert als die völlig verkrampften und bisweilen richtig hässlichen Finalspiele. So auch hier. Beide Mannschaften hatten den Ehrgeiz, sich mit erhobenem Haupt aus dem Turnier zu verabschieden und gaben - allen Umstellungen im Kader zu Trotz - ihr Bestes. Hatte Portugal in der ersten Hälfte noch mehr vom Spiel, mutierte die Begegnung in der zweiten Hälfte zur One-Man-Show von Bastian Schweinsteiger. Zwei praktisch identische Tore und ein halbes (Eigentor von Petit) führten zu einem bejubelten 3:1 Sieg und einem versöhnlichen Ende nach dem Schock des Ausscheidens im Halbfinale. Besonderen Schwung erhält das Ganze durch ein nimmermüdes und frenetisches Publikum im Stuttgarter Gottlieb-Daimler-Stadion, das von Sprechchören für einzelne Spieler über trotzige, das verpasste Finale kommentierende Gesänge wie "Stuttgart ist viel schöner als Berlin" bis zu begeistertem Getöse alles auffährt, was das Fan-Arsenal so hergibt. Besonders anrührend hierbei die feiernden Rufe für den fantastisch agierenden Oliver Kahn (bemerkenswert insbesondere angesichts seiner immer polarisierenden Person in der Vergangenheit) und den ebenfalls sein letztes Länderspiel bestreitenden Luís Figo auf portugiesischer Seite. Ein ganzes Stadion steht für einen Abschied nehmenden Spieler der gegnerisches Mannschaft auf - solche Gesten werden neben vielen anderen Eindrücken die WM 2006 für mich unvergesslich machen.

Die ganz großen Gefühle kommen nach Abpfiff zum Vorschein. Keiner mag nach Hause gehen, die Zuschauer feiern das Team und sich noch lange nach der Ehrung des dritten Platzes, genießen Feuerwerk und Ehrenrunden und zeigen auf unzähligen mit viel Liebe gebastelten Transparenten ihre Verbundenheit zum Team. Tenor hierbei: "Klinsi bleib!", eine Meinung, die ich damals auch inbrünstig vertrat. Andere wollten einfach nur "Danke" sagen für das unglaubliche Erlebnis in jenem Sommer. Kommentator Béla Réthy hatte wohl recht, als er meinte, dass der Kater im Land nach dieser Riesenparty namens Weltmeisterschaft wohl gigantisch werden wird. Mit seiner persönlichen Einschätzung, dass der Bundestrainer weitermachen würde, lag er allerdings - wie man heute weiß - gründlich daneben. Ich gebe zu, dass mir aufgrund der Wucht der Eindrücke an jenem Abend die Augen feucht wurden und noch immer berührt mich die ganze Szenerie sehr.

Auch ansonsten bietet diese letzte Folge volles Programm. Kurzanalyse in der Halbzeit mit Johannes B. Kerner, Jürgen Klopp und Urs Meier sowie ein Interview mit Michael Schumacher, nach der Partie Interviews mit Oliver Kahn, Jens Nowotny und Joachim Löw. Bei der Siegerehrung ein mit versteinertem Blick (er muss seine von ihm offen zugegebene Abneigung gegen die Deutschen ja nicht bei jeder Gelegenheit zeigen) in den Innenraum stapfender und vom Publikum mit "Allez, les Bleus!" begrüßter UEFA-Präsident Michel Platini, ein mit ohrenbetäubendem Jubel gefeierter Organisationskomitee-Chef Franz Beckenbauer und ein gnadenlos ausgepfiffener Gerhard Mayer-Vorfelder - neben Christiano Ronaldo die einzige Person im Stadion, der offene Ablehnung entgegenschlägt. Selbst die Jürgen Klinsmann herzende Kanzlerin wird da deutlich gnädiger empfangen. Neben dem vielfältig geäußerten Wunsch über die Fortsetzung der Bundestrainertätigkeit wird noch ein anderer Plakatspruch unerfüllt bleiben: "Sönke Wortmann, schenk uns einen tollen Fußballfilm!" Aber das ist eine andere Geschichte...

Fazit: Satte 140 Minuten pure Emotion - volle Punktzahl!

Bewertung: 5 von 5

Freitag, 27. August 2010

CD-Rezensionen (198): Enigma - The Screen Behind The Mirror (2000)

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Michael Cretu stand nach dem dritten Enigma-Album "Le Roi est mort, vive le Roi!" von 1996 vor einem echten Dilemma, hatte er doch auf diesem die Sounds der beiden ersten Platten "MCMXC A.D" (1990) und "The Cross Of Changes" (1993) in eine doch sehr gelungene Symbiose gebracht. Wie nun mit dem Nachfolger verfahren? Der Wahl-Ibizaer entschied sich zum Griff in die Klassikkiste und pickte sich ausgerechnet das komplett überstrapazierte "O Fortuna" aus Carl Orffs "Carmina Burana" als Leitmotiv heraus - eine denkbar schlechte Wahl. Die sattsam bekannten Chorpassagen zerstören so manchen Song, die eigentlich recht ordentliche Singleauskopplung "Gravity Of Love" oder das wüst stampfende "Camera Obscura" inklusive.

Ansonsten bleibt vieles beim Alten. Der Enigma-Konsument weiß im Regelfall ohnehin, was ihn vorher erwartet, doch hier wird das Sound- und Sample-Recycling auf die Spitze getrieben, exemplarisch hierfür "Smell Of Desire", in dem ganze Passagen des vom ersten Album stammenden "Mea Culpa" zitiert werden oder für "The Screen Behind The Mirror" gleich mal die Drumspur von "Sadeness" erneute Anwendung findet. Das wirkt wenig inspiriert und nur manchmal zucken ein paar Geistesblitze auf, wie wenn beispielsweise im sonst recht grobschlächtigen "Modern Crusaders" plötzlich sekundenlang Bachs berühmte Toccata D-Moll auftaucht.

Stark percussionsorientierte und ruhige Tracks wechseln sich ab, wobei in letzteren eigentlich die größere Stärke des Soundtüftlers Cretu liegt. Doch diesmal scheint stellenweise verkehrte Welt zu herrschen, "Traces (Light And Weight)" langweilt einfach, während "Push The Limits" für Enigma-Verhältnisse sogar richtig tanzbar ist und einen echten Höhepunkt des Albums darstellt.

In der Gesamtheit betrachtet ein schwächeres Enigma-Album, immer vorausgesetzt, dass man mit New Age- und Ethno-Sounds überhaupt etwas anfangen kann. Anspieltips: "Push The Limits", "Between Mind & Heart" und das den Schlusspunkt setzende "Silence Must Be Heard".

Bewertung: 3 von 5